Eine Meinung von Svetlana Makarovič
Regt jemand bis zum Jahr 2020 die Menschen zum Denken, zum Zweifeln an?

Montreal Institut
Foto (Ausschnitt): Jean-Guy Lambert

Wie? Ich soll an das Jahr 2020 in meiner Heimat denken? Ist der Gedanke, dass ich trotz der unzähligen gerauchten Zigaretten bis zu dem Jahr noch nicht zugrunde gehen werde, gruselig? Ist der Gedanke, dass es dann immer noch die Schreckensherrschaft der Dämlichkeit, Vulgarität, Habgier, politischer Heuchelei und allgemeiner geistiger Seichtheit geben wird, gruselig?

Ja, er ist gruselig und ich hoffe vom ganzen Herzen, dass es mich dann nicht mehr geben wird, weil ich schon jetzt in der stickigen Atmosphäre des Volkes, das unaufhaltsam verrottet, nur schwer atmen kann. Weil seine Sprache verrottet. Weil sein Kulturerbe verrottet, das ihn bisher einigermaßen geprägt und dadurch das nationale Bewusstsein bewahrt hat.

Ich wünsche mir das Architekturmonstrum anstelle des wertvollen alten Kolizejs, das man doch nach den alten Bauplänen hätte neu erbauen können, nicht zu sehen. Schon jetzt finde ich es schlimm genug, mir das dämliche Machwerk ansehen zu müssen, dass für immer das einst wunderschöne Opernhaus in Ljubljana entstellt hat. Es ist schwer genug, die Tatsache schlucken zu müssen, dass man in keiner Schule den Lümmeln die slowenischen Volksballaden, Legenden, Wallfahrts- und Partisanenlieder beibringt, obwohl die schlauen Verfasser der Lehrpläne, die etwas von Heimatkunde quasseln, wissen müssten, dass gerade in diesen der Kern des Slowenentums liegt. Nur das wissen die eben nicht. Anstatt des Nationalbewusstseins und würdevollen Verhältnisses zu den eigenen Wurzeln wuchert weiterhin die gesamtslowenische Aufgeblasenheit, Hand in Hand mit Rassismus und Chauvinismus.

Ich möchte wissen, wie viele slowenische Schulpädagogen wenigstens eine Volksballade kennen. Wenigstens eine, bitte! Zumindest „Galjot“. Zumindest „Gospod Baroda“. Zumindest „Desetnica“. Zumindest „Zarika in Solnčica«. Oder »Katalena“. Wenigstens ein Volksmärchen, eine Volkslegende oder heidnische Erzählung. Wie viele von ihnen kennen alte Volkssitten oder -tänze, und letztendlich, wie viele haben wenigstens etwas Ahnung von der slawischen und slowenischen Mythologie? Hat überhaupt einer von ihnen schon mal von Perun, Vesna, Velesa, Daždboga, Morana … gehört?

Selbstverständlich aber liegt dieses zusammengeschusterte „Buch aller Bücher“ sogar in einigen slowenischen Hotels in der Nachttischschublade. Biblische Geschichten über Gemetzel, Diebstahl fremder Gebiete, Massaker und Zerstörung der sogenannten Ketzer und ihrer Familien – davon gibt es tonnenweise. Und aus dem Grauen der mittelalterlichen Inquisition entstehen auf ländlichen Karnevalsfesten lustige Szenen, in denen betrunkene maskierte Slowenchen so „zum Spaß“ eine Hexe verurteilen und verbrennen und das Publikum hat einen Riesenspaß daran und schmunzelt dabei. Denn das Leiden der Anderen hat den Menschenkindern schon seit eh und je Freude bereitet und Spaß gemacht – Erhängung, Enthauptung, Verbrennung, Vergewaltigung und Vergasung sind eigentlich genauso Volkssitten; sie werden niemals aussterben, sondern bleiben von Generation zu Generation im Volk erhalten, das bei anderen Gelegenheiten große Reden über Pietät hält.

Wenn man aber anfängt groß über Pietät gegenüber den Opfern zu predigen, unschuldig oder vielleicht auch nicht, das ist unwichtig, denn ein Opfer muss immer als unschuldig gelten, dann wird dabei sofort an den Holocaust gedacht. An den Massenmord an den Juden selbstverständlich. Unzählige Massenmorde an anderen Völkern, Rassen und Religionen werden jedoch höchstens so nebenbei erwähnt. Die Massenmorde der katholischen Kirche werden ohnehin überhaupt nicht erwähnt – das waren nur Irrtümer und Abwege, »deviazioni e sbagli«, wie sie der ehemalige Papst in seiner, haha, „Entschuldigung“ lakonisch bezeichnet hat.

Den Einsturz der New Yorker Zwillingstürme hat die ganze Welt mit einer pietätsvollen Schweigeminute begleitet, selbstverständlich auch Slowenien. Für Srebrenica gab es jedoch keine Schweigeminute, weil ja „nur“ Muslime ermordet wurden. Ich schere mich zwar wenig um Muslime, Christen oder Juden; letztendlich verbindet sie alle die gleiche Eigenschaft, der Todeshass gegen Atheisten. Und noch eines haben sie gemeinsam: Alle Religionen demütigen Frauen, wo immer sie nur können.

Regt jemand bis zum Jahr 2020 die Menschen zum Denken, zum Zweifeln an? Denn gerade das Zweifeln ist Anfang und Bedingung für jede geistige Entwicklung. Wird jemand zumindest den Jugendlichen zu verstehen helfen, dass jeder der unzähligen Götter nur ein Entwurf verängstigter Menschen ist, die sich nicht vorstellen können, einmal nicht mehr zu existieren, und dass unsere Lebenszeit unser einziges Eigentum ist?

Wer erklärt den Lümmeln endlich, dass in der modernen Welt der wissenschaftlichen Entwicklung die Bibel, die Thora, der Koran und so weiter mehr oder weniger der gleiche „Schwefel“ sind und nur noch in ein Museum gehören? Dass man sich endlich mit der Tatsache abfinden muss, dass es schlicht und einfach keinen Gott gibt. Geschweige denn einen unendlich gerechten, barmherzigen, liebevollen und doch schrecklich rach- und eifersüchtigen, den man zugleich fürchten und lieben müsste, ihn dauernd loben und preisen, wie groß und allmächtig er sei. Dabei müssten wir vor ihm wie Würmer im Staub kriechen, zugleich aber ihm zu Ehren all die töten, die einen anderen Gott preisen. Deswegen zieht jeder Gott eine endlose blutige Spur hinter sich her. Gerade Religionen treiben das endlose Rad des Bösen auf unserem Planeten an. Werden zumindest die Jugendlichen einmal erkennen, dass es ausschließlich ihr persönliches Recht ist, an etwas oder jemanden zu glauben – oder auch nicht?! Wird endlich jemand an den Schulen Dawkins als Pflichlektüre einführen?

Werden wir in den slowenischen Schulen je Volkslieder singen hören? Werden die Lümmel statt der blöden österreichisch-ungarischen Quadrille auf den Straßen irgendwann Volkstänze tanzen? Wird die Jugend jemals erfahren, dass schon lange vor der Christianisierung andere Hochkulturen existierten? Und dass die europäische Kultur längst nicht aus den jüdisch-christlichen Wurzeln gewachsen ist? Dass christliche Feste wie Johannisfeuer, Ostern, Weihnachten und viele andere mit oder ohne Gewalt von der heidnischen Kultur übernommen wurden, die sie kennen und schätzen lernen müssten, denn das sind die tatsächlichen Wurzeln unserer Kultur. Wird in dem teilnahmslosen und unwissenden Volk wirklich nicht einmal bis dahin der Zweifel an der „einzigen richtigen Wahrheit“ erwachen, die ihnen von Luftverkäufern in prächtigen und mit goldenem Kitsch behängten Ornaten eingetrichtert wird? Und wird Slowenien in dem Jahr so wie Ungarn oder wenigstens mit Kreuzpflastern beklebtes heutiges Polen unter dem stinkenden Deckel des Klerikalfaschismus wieder schweigen? Und dennoch.

Vielleicht. Vielleicht bewegt sie sich doch. Eppur si muove. Vielleicht ist es doch nicht ganz unmöglich.

Vielleicht werden Großkapitalisten endlich so hoch versteuert, dass ehrliche Arbeit wieder zu einem Wert wird. Nicht die Arbeit der Leibeigenen. Keine moderne Sklaverei, aber auch keine nackte Gewinnsucht. Vielleicht wird kirchliches Vermögen endlich wieder verstaatlicht und dem slowenischen Volk zurückgegeben, das ihm mittels Betrug, Einschüchterung und absurde leere Versprechen gestohlen wurde. Vielleicht wird die papistische röm.-kath. Kirche einmal verlegen auf die slowenische evangelische Kirche zurückblicken und von ihr etwas über Würde lernen.

Vielleicht wird gesunder atheistischer Verstand auch in unserem Teil Europas endlich im Volk überwiegen, das über lange Jahrhunderte zum dumpfen Arbeitsvieh gezüchtet und dressiert wurde, im Stil von »ora et lobora«. Vielleicht werden sich dann ein paar Individuen fragen, was ihre erste und wichtigste Pflicht ist, nämlich seiner selbst wert zu sein, sich selbst zu respektieren, sich selbst zu prüfen. Denn ein solches Individuum kann von nichts und niemandem gedemütigt werden, auch mit schlimmster Gewalt nicht; seine innere Freiheit kann ihm keiner mehr nehmen.

Die Träger des Fortschritts, die Träger des Guten, Schönen und Edlen sind immer Einzelpersonen. Wissenschaftler, Künstler. Vielleicht werden slowenische Schulen zu einem Ort, wo ein intelligenter Lehrer es schafft, den Jugendlichen einen Teil des Opus von Cankar näher zu bringen, der wirklich erstklassig ist. Vielleicht dreht sich den Schülern bei den Versen von Prešeren »O hätte nie mich Wissensgier verleitet …« nicht mehr der Magen um. Könnten die Jugendlichen doch das wahre Kunstwerk in Sonetten des Unglücks erahnen und es auf das Hier und Jetzt applizieren, was für jedes wahre Kunstwerk typisch ist, dass es nämlich nie veraltet und immer zeitgemäß bleibt. Und vielleicht …

Nichts vielleicht. Das war jetzt nur ein bisschen Träumerei. Am besten zünde ich mir noch eine Zigarette an und versuche, mich mit dem heutigen Tag auseinanderzusetzen. Bald wird es Abend.

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