Politische Kinderliteratur
Kinderarbeit im Clubhotel

Martin Baltscheit/Christine Schwarz, Ich bin für mich!
Martin Baltscheit/Christine Schwarz, Ich bin für mich! | Foto (Ausschnitt): © 2011 Beltz & Gelberg in der Verlagsgruppe Beltz ∙ Weinheim Basel

Flüchtlingskrise, Demokratie, soziale Ungleichheit: Manche Kinderbücher setzen sich eindrucksvoll mit politischen und moralischen Themen auseinander. Ihr Facettenreichtum ist dabei ähnlich groß wie in der Erwachsenenliteratur.

Die Geschichte sorgt selbst bei Erwachsenen für Gänsehaut: Philip verbringt den Urlaub mit seiner Familie im „PalmenClub“. Dort trifft er Anuka, die er bereits von vorherigen Ferien in dem Hotel kennt. Doch die Elfjährige muss jeden Tag früh aufstehen, ihre Brüder wecken und zur Arbeit gehen. Denn sie gehört zu denen, die Urlaubern wie Philips Familie ihre Ferien erst so angenehm machen. Als ihr kleiner Bruder Stefane krank wird, ist Anuka hin- und hergerissen zwischen ihrer Arbeit und dem fiebernden Stefane. Annette Pehnts Kinderbuch Alle für Anuka nimmt Kinderarbeit in einem noblen Clubhotel in den Blick, die damit zusammenhängende Armut und Ungerechtigkeit – aber auch die Kraft von Freundschaft und Solidarität. Mit diesen Themen ist das Kinderbuch hochpolitisch.
 
Politik, Ethik und Moral sind nicht der Erwachsenenliteratur vorbehalten. Auch für Kinderbücher liefern sie Erzählstoff. Das zeigt ein Blick auf die deutsche Kinderliteraturgeschichte. Neben rein pädagogischen Zwecken wurden politische Themen in Kinderbüchern auch zur Propaganda eingesetzt, insbesondere in der Weimarer Republik, während des Nationalsozialismus und unter kommunistischer Herrschaft in Zeiten der DDR. „Ein weiterer bedeutender Politisierungsschub setzte in den 1970er-Jahren ein. Kinder- und Jugendbücher reagierten auf den von den 68ern initiierten Wandel“, so Andre Kagelmann, Geschäftsführer der Arbeitsstelle für Leseforschung und Kinder- und Jugendmedien (ALEKI) der Universität zu Köln. Ein Lesevergnügen waren damals allerdings die wenigsten politischen Kinderbücher, erinnert sich die Autorin von Alle für Anuka, Annette Pehnt: „Ich selber musste die hochpolitisierten Kinderbücher der Siebzigerjahre lesen. Das fand ich damals, bis auf die grandiose Ausnahme von Christine Nöstlingers Wir pfeifen auf den Gurkenkönig, eher spröde.“

Von unterschwellig bis überdeutlich

Politische Kinderbücher können hochspannend und sehr lesenswert sein. Manche von ihnen zählen inzwischen sogar zu Klassikern der deutschen Jugendliteratur. Eines von ihnen ist Kurt Helds Die rote Zora und ihre Bande. 1941 veröffentlicht, erzählt der Roman die Geschichte von Waisenkindern aus dem kroatischen Küstenstädtchen Senj. Um zu überleben, werden die Kinder zwar kriminell, doch innerhalb ihrer Gemeinschaft halten sie sich an feste Regeln. An oberster Stelle steht die Solidarität. Nicht alle Kinderbücher, deren Geschichten politische und ethische Botschaften enthalten, sind darin so explizit wie Die rote Zora und ihre Bande. „Viele Kinderbücher sind bereits politisch, ohne ein explizit politisches Thema zu haben. Durch ihre Haltung, ihren Geist, ihren Erzählton und durch viele andere Facetten. In diesem Sinne kann es natürlich nie genug politische Bücher geben“, sagt Monika Bilstein, Leiterin des Peter Hammer Verlags.
 
Unterschwellig mit dem Thema Obdachlosigkeit setzt sich aktuell zum Beispiel das im August 2016 erschienene Buch Hotel Wunderbar von Jutta Nymphius auseinander. Ein kleiner Junge namens Mika bringt in einem kalten Winter heimlich Obdachlose im Hotel seiner Eltern unter und zeigt in seinem Handeln große Herzensgüte. Und Finsterer Sommer von Martina Wildner, im Februar 2016 erschienen, verbindet eher implizit geschichtliche Ereignisse an der französischen Atlantikküste mit einem spannenden Plot. Wesentlich deutlicher in ihrer Auseinandersetzung mit politischen Themen sind Bücher wie das 2014 erschienene Kinderbuch Die Bademattenrepublik. Anleitung zum Aufbau einer eigenen Demokratie von der englischsprachigen Autorin Valerie Wyatt oder Martin Baltscheits 2015 erschienenes Bilderbuch Ich bin für mich. In beiden Büchern geht es um Demokratie und politische Wahlen.
 
Schnell auf aktuelle politische Themen reagieren – das zeichnet manchen Kinderbuchautor aus. Derzeit erscheinen zum Beispiel viele Publikationen zum Thema Flucht und Migration. Eines davon ist das 2014 veröffentlichte Buch Alle da! Unser kunterbuntes Leben. Anja Tuckermann erzählt darin die Geschichte von jungen Flüchtlingen aus aller Welt, die in Deutschland ein neues Leben beginnen. Der pädagogische Wert von Büchern wie diesem wird als hoch eingeschätzt. Alle da! Unser kunterbuntes Leben wurde von der Bundeszentrale für politische Bildung sogar in ihre Schriftenreihe aufgenommen.

Einmischen, Meinung bilden

Noch konkreter werden politische Kindersachbücher zu speziellen Themen wie dem Nationalsozialismus, der Deutschen Teilung oder Flüchtlingen. Beliebt sind sie vor allem bei Eltern, die in ihnen oft einen höheren Informationswert sehen als in unterschwellig politischer Prosa für Kinder. „Bei uns kommt es selten vor, dass jemand von Familienseite nach politischen Kinderbüchern fragt. Wenn, dann eher von engagierten Kitas oder Grundschulen“, sagt Jana Kühn von der Berliner Buchhandlung Dante Connection.
 
Es sind also viele Facetten, in denen sich für Kinder geschriebene Texte politischen Themen widmen. „Ich begrüße es sehr, wenn sich auch und vor allem das Bilderbuch einmischt. Zusammenhänge erkennen, Ursachen nachspüren, Meinung bilden – alles das sollen, können und wollen Kinder schon früh erproben. Wenn wir es mit der Demokratie ernst meinen, dürfen wir Kindern diese Prozesse nicht vorenthalten“, sagt Karin Gruß. Die Autorin hat gemeinsam mit dem Illustrator Tobias Krejtschi nach Ein roter Schuh nun ein Bilderbuch ab Ende Grundschulalter geschrieben. Was WÜRDEst Du tun? stellt ethisch, moralische Fragen, die nicht leicht zu beantworten sind. Ute Dettmar, Professorin am Institut für Jugendbuchforschung in Frankfurt am Main, spricht sich für Prosa mit politischen Themen aus. „Ich finde es wichtig, dass in überzeugender Form von politischen Themen erzählt wird. Als Lehrstück oder Problemerzählung trägt das nicht mehr. Es braucht vielmehr Geschichten, die ästhetisch überzeugende, nachvollziehbare und interessante Perspektiven entwickeln.“
 
Ob Sachbuch oder fiktive Geschichte, ob unterschwellig oder direkt: Kinderbücher mit politischen Themen können für junge Leser jedenfalls eine willkommene Einladung sein, sich mit zentralen Themen ihrer Zeit auseinanderzusetzen. 

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