Recycling-Architektur Ein zweites Leben für Abfall und Ausschuss

Folke Köbberling, Martin Kaltwasser, Our Century, Temporäres Eingangsportal Jahrhunderthalle Bochum, 2012
Folke Köbberling, Martin Kaltwasser, Our Century, Temporäres Eingangsportal Jahrhunderthalle Bochum, 2012 | Foto: Ulf Beck, © VG-Bild-Kunst, Bonn 2013

Wer mit Recycling-Material baut, vermeidet Abfall, spart Energie und hilft, das Klima zu schonen. Doch Recycling-Architektur kann noch mehr. Die Berliner Künstler Folke Köbberling und Martin Kaltwasser zeigen, wie sich damit städtische Räume zurückerobern lassen. Und das Büro Karo Architekten aus Leipzig entwirft neue Typologien auf alten Sockeln.

Die Berliner Konzeptkünstler Folke Köbberling und Martin Kaltwasser verwenden für ihre Installationen und Bauten gefundenes, geschenktes, ausrangiertes Material. Sie nutzen so – in ihren eigenen Worten – die „Stadt als Ressource“. Aus Sperrmüll, Europaletten und alten Bühnenbildelementen entstand im Sommer 2012 ein temporäres Eingangsportal zur Jahrhunderthalle in Bochum, eine urbane Landschaft, an der rund 200 Freiwillige mitbauten. „Beim Sammeln, Sortieren und Zuschneiden des Materials und erst recht beim Gestalten und Zusammenbauen sind wir auf die Hilfe von Anwohnern und anderen Interessierten angewiesen. Unsere Arbeiten sorgen so für Austausch und Kommunikation“, so Folke Köbberling.

Gemeinschaftsgefühl und „Möglichkeitsräume“

Neben dem Gemeinschaftsgefühl der Leute, die bei den Aktionen mitmachen, entstünden immer auch „Möglichkeitsräume“. Folke Köbberling: „Es geht darum, sich diese Räume zurückzuerobern, denn sie zeigen, dass es vielfältigere Formen des städtischen Zusammenlebens gibt als nur die kommerziellen, konsumorientierten.“ Die Rückeroberung setzt das Künstlerduo seit mehr als zehn Jahren in vielen verschiedenen Formen um. Im Jahr 2004 beispielsweise errichteten sie auf einem brachliegenden Feld in Berlin in nur einer Nacht ein Haus aus Holzabfällen. Aus Gemüsekisten und Sperrholz entstand 2010 das voll funktionsfähige, temporäre Jellyfish-Theater in London. Und 32.000 Plastikbecher, weggeworfen bei großen Sportveranstaltungen, verwandelte das Künstlerduo 2011 in eine wetterfeste Außenüberdachung für ein Festival im Berliner Haus der Kulturen der Welt.

Folke Köbberling, Martin Kaltwasser, Temporäre Überdachung Haus der Kulturen Berlin, 2011 Folke Köbberling, Martin Kaltwasser, Temporäre Überdachung Haus der Kulturen Berlin, 2011 | Foto: Köbberling und Kaltwasser © VG-Bild-Kunst, Bonn 2013 Mit ihren ressourcenschonenden Bauten aus Müll und Umsonstmaterialien stellen Köbberling und Kaltwasser nicht nur die herkömmliche Verwertungslogik infrage. Sie zeigen in ihren Projekten auch einfache Methoden zur Belebung und Wieder-Aneignung von Stadträumen: maximale Beteiligung der Bewohner mit minimalen finanziellen Mitteln. „Mit selbst errichteten Strukturen und Architekturen aus lokalen Fundmaterialien zeigen wir, wie eine offene, kommunikativere Form der Stadtentwicklung aussehen kann“, erklärt Folke Köbberling.

Bauteilbörse statt Mülldeponie

Gute, gebrauchte Bauteile auf Mülldeponien zu entsorgen, ist Ressourcenverschwendung. Dieser Ansicht sind nicht nur Recycling-Architekten, sondern auch die Betreiber von Bauteilbörsen. Sie sammeln, was bei Abriss oder Renovierungen übrig bleibt, und bieten die Fundstücke zur Weiterverwendung an. Bauteilbörsen gibt es inzwischen in elf deutschen Städten, darunter Bremen, Augsburg, Hannover und einigen kleineren Städten. In Saarbrücken eröffnete im Sommer 2012 sogar ein Gebraucht-Baumarkt.

Freiluftbibliothek aus Recyclingmaterial

Karo Architekten, „Lesezeichen Salbke“ in Magdeburg Karo Architekten, „Lesezeichen Salbke“ in Magdeburg | Foto: Anja Schlamann Dass viele Menschen beim Bauen Wert auf Recycling legen, erfuhr auch das Büro Karo Architekten. Das Büro entwarf die 2009 eröffnete Freiluftbibliothek „Lesezeichen Salbke“ in Magdeburg – eine L-förmige Mauer mit eingelassenen Bücherregalen und holzverkleideten Sitznischen, davor eine Grünfläche und eine kleine Bühne. Auffälligstes Bauelement ist die Fassade aus wiederverwerteten Alu-Waben, die früher ein inzwischen abgerissenes Kaufhaus im westfälischen Hamm schmückten. „Form und Funktion des Lesezeichens haben wir in einer Art Ping-Pong mit den Bewohnern entwickelt“, sagt Stefan Rettich vom Büro Karo Architekten. „Der Einsatz von Recyclingmaterial war ein Ergebnis dieses Beteiligungsprozesses, viele engagierte Anwohner hatten sich dafür ausgesprochen.“

Das Projekt begann als experimentelle Intervention im Stadtraum. Die gemeinsam entwickelte Idee einer langen Bücherwand setzten Karo-Architekten und Anwohner 2005 konkret um – mit 1.000 Bierkisten und gespendeten Büchern. Der Funktionstest war erfolgreich, mit Bundesmitteln konnte das „Lesezeichen Salbke“ dauerhaft gebaut werden. Allerdings steht das mehrfach prämierte Projekt inzwischen vor einer Zerreißprobe, denn auch jugendliche Randalierer nutzen den Ort. Die Folgen: beschmierte Vitrinen, zerrissene Bücher. Stefan Rettich ist der Meinung: „Die Stadt ist in der Pflicht, hier ordnungsrechtlich einzugreifen.“

Geschichtszeugnisse neu deuten

Karo Architekten, Lesezeichen in Magdeburg Salbke Karo Architekten, Lesezeichen in Magdeburg Salbke | Foto: Anja Schlamann Karo Architekten – der Name des 1999 in Leipzig gegründeten Büros steht für „Kommunikation, Architektur, Raumordnung“ – nutzen vorhandene (Bau-)Materialien auch in anderen Zusammenhängen. In ihrem Entwurf für das geplante Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal schlagen die Architekten vor, Formsteine des ehemaligen Gebäudes der DDR-Staatssicherheit zu verwenden, um daraus ein „Zimmer der Demokratie“ zu bauen. Es soll jedem zur Ausübung demokratischer Rechte offenstehen – beispielsweise zur Organisation einer Demonstration. Recycling bedeutet in diesem Sinne auch, Geschichtszeugnisse aus Stein oder Beton in neue Bezüge zu stellen, sie umzuwerten und neu zu deuten.

Dass sich durch solche Prozesse zudem ganz neue Typologien entwickeln lassen, zeigen die Architekten in ihrem Wohnkonzept „Haus@Hochparterre“. Es ist ein Vorschlag zur Reaktivierung schrumpfender Städte, ob in Sachsen-Anhalt oder im Ruhrgebiet: Die soliden Sockelzonen verfallender Gründerzeithäuser werden erhalten, samt Ladenlokal und repräsentativem Eingang. Obendrauf würden neue Einfamilienhäuser gebaut. Stefan Rettich zu der Idee: „Der Erhalt der Sockelbereiche verortet die neuen Häuser im gewohnten Stadtbild der Bewohner, ein wichtiger Beitrag für die Identität der Straße.“