Zukunft der Bibliotheken Fünf Stellungnahmen

Stadtbibliothek Stuttgart
Stadtbibliothek Stuttgart | Foto (Ausschnitt): © Südpol-Redaktionsbüro/T. Köster

Wie sieht die Bibliothek der Zukunft aus? Fünf Experten geben Antwort auf eine Frage nach dem Profil, nach den Aufgaben und nach den Herausforderungen ihrer Arbeit.

„Entweder: Die Bibliothek ist ein demokratisierender realer und virtueller Ort, der den ungehinderten Zugang zu Medien und Informationen schafft, seien sie physisch vorhanden oder zum Download bereit, lizenziert oder in Clouds abgelegt und verfügbar. Dabei schafft der reale Ort eine Qualität des Aufenthalts, der freien und institutionsungebundenen Lernmöglichkeiten, des Zusammenkommens und Wohlfühlens. Virtuell spielt die Bibliothek für den Kunden unterwegs und zu Hause dieselbe unersetzbare Rolle des Informationscenters.

Oder: Die Welt ist geteilt in diejenigen, die sich alle Informationen und Zugänge dazu finanziell leisten können, und diejenigen, die sich mit einer musealen Ansammlung von physischen Werken begnügen müssen.

Ich bin der Überzeugung und hoffe, dass die erste Variante uns von einer digitalen gesellschaftlichen Spaltung fern hält. Die Bibliothek lebt!“

Klaus-Peter Böttger, Direktor der Stadtbibliothek Essen und Vorsitzender des European Bureau of Library, Information and Documentation (EBLIDA).

Bibliotheken als Schnittstelle

„Die Bibliothek wird der Ort sein, der eine Schnittstelle bietet zwischen der realen Welt – den Menschen mit ihren Lern-, Informations- und Unterhaltungsbedürfnissen – und der digitalen Welt. Welche Einrichtung sollte sonst zum Beispiel das fantastische Angebot der Deutschen Digitalen Bibliothek oder der Europeana den Menschen, die etwas suchen, vermitteln? Dazu werden reale Orte gebraucht und vor allem auch qualifizierte Bibliothekare.

Ich stelle mir Bibliotheken mit toll eingerichteten Räumen vor, die den unterschiedlichsten Bedürfnissen gerecht werden: Hier kann man Ruhe finden, Musik hören, Filme anschauen, in Print-Medien stöbern, virtuelle Medienwelten erkunden, sich treffen und austauschen, Veranstaltungen und Schulungen besuchen. Die Bibliothek wird in Zukunft der Ort sein, der Menschen animiert, zu lernen und sich Wissen in unterschiedlichen Medienwelten anzueignen.“

Monika Ziller, Direktorin der Stadtbibliothek Heilbronn und ehemalige Vorsitzende des Deutschen Bibliotheksverbands (dbv).

Bibliotheken als Orte für Public Learning

„Die Bibliothek wird als außerschulischer Lernort voll mit Menschen sein, die einen anregenden öffentlichen Ort brauchen, um Kreativität zu entfalten und zu kommunizieren. Sie wird ein Ort für Kommunikation und Public Learning sein, an dem sich auch Gruppen finden, sammeln und organisieren können. Man wird sich der hier zur Verfügung stehenden Medien und Datenbankzugänge bedienen, um sich weiterzuentwickeln.

Gleichzeitig wird die Bibliothek sich weiter ganz stark virtualisieren. Zurzeit werden zum Beispiel Onlineangebote von großen Zeitungen drastisch kommerzialisiert. Vieles von dem, was heute noch frei zugänglich ist, wird in Zukunft sicher kostenpflichtig werden. Bibliotheken müssen weiterhin – siehe Artikel 5 unseres Grundgesetzes – in der Lage sein, Informationsangebote auch für Menschen zugänglich zu machen, die sich das sonst nicht leisten wollen oder können.“

Barbara Lison, Direktorin der Stadtbibliothek Bremen und Mitglied des Vorstands der International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA).

Bibliotheken stehen für Offenheit und Vernetzung

„Die Bibliothek der Zukunft hat ein schönes Haus und ist gleichzeitig ein integraler Teil digitaler Netze. Attraktive Architektur macht die Symbolkraft der Bibliothek als Ort für Kultur und Wissenschaft, Denken, Lernen und Unterhaltung sichtbar und sinnlich begreifbar. Sie zieht Menschen an – die einen, weil sie den lebendigen Treffpunkt lieben, die anderen, weil sie die konzentrierte Stille von Lesesälen suchen.

Neben diesem sichtbaren Haus baut die Bibliothek der Zukunft aber mit ihren verlässlichen, stabilen, zitierfähigen, neutralen Daten und Diensten ein kulturelles Netzwerk in der Linked Open Data Cloud auf. So wie Publikationen als Teil des Internets immer häufiger dynamisch, interaktiv, im ständigen Wandel begriffen sind, so steht die Bibliothek dann für Offenheit, Vernetzung, Interoperabilität und Flexibilität in den Netzen der Zukunft.“

Elisabeth Niggemann, Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek.

Bibliotheken als Interaktionsräume

„In der wissenschaftlichen Bibliothek der Zukunft hat das Buch seine Funktion als Leitmedium verloren. Es wird gänzlich oder doch überwiegend ersetzt durch digitale Ressourcen, die auch nicht mehr buch-analog funktionieren und dadurch ganz anders Teil von Forschungsumgebungen sein können. Die Bibliothek ist dann nicht mehr die Einrichtung, die Informationscontainer vorhält. Wissenschaftliche Bibliothekare werden sich ganz anders als bisher mit den Inhalten ihrer Ressourcen befassen müssen. Sie müssen kulturell einen Übergang schaffen vom Umgang mit Containern zum Umgang mit Content.

Damit wird das Gebäude Bibliothek aber keineswegs obsolet. Denn auch wenn unsere Forschung zunehmend digital basiert sein wird, werden Menschen den Kontakt untereinander brauchen. Und die Bibliothek könnte – dann vielleicht unter einem anderen Namen – als Ort der Begegnung, als Interaktionsraum in den Hochschulen eine zentrale Rolle spielen.“

Stefan Gradmann, Professor für Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis (DGI).