tddl Sprengsätze, Tellerminen und Explosionen

Ingeborg-Bachmannpreis 2016
© Johannes Puch/ORF

Mit ihrem subtil-satirischen Prosastück „Herr Gröttrup setzte sich hin“ überzeugte Sharon Dodua Otoo die Jury des bekannten Literaturwettbewerbs, der „Tage der deutschsprachigen Literatur“.Am 3. Juli wurde sie im österreichischen Klagenfurt, in dem das Wettlesen dieses Jahr bereits zum 40. Mal stattgefunden hat, mit dem renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis (25.000 Euro) ausgezeichnet.

Der Text rekurriert auf historisch verbürgtes und prominentes Personal – den Raketenspezialist Helmut Gröttrup, der als Mitarbeiter von Wernher von Braun an der Entwicklung von „Hitlers Geheimwaffe“ V2 beteiligt war, und seine Frau Irmi. Als Ingenieur verkörpert Gröttrup einen Rationalisten, der an die Kontrollierbarkeit der Welt glaubt; sein Wissen ist zudem wertvolles Kapital im Machtkampf um die Beherrschung der Welt in Zeiten des Kalten Kriegs. Otoos humorvoller, hinterlistiger bis slapstickartiger Text lässt Gröttrup jedoch nicht auf der politischen Weltbühne, sondern auf der privaten auftreten. Am gedeckten Tisch kippt das gewohnte Frühstücksritual des Ehepaars ins Absurde, indem sich das servierte Ei weigert, hartgekocht zu werden: „Mit anderen Worten. Das. Ei. War. Noch. Weich. Wie könnte das sein?“ Die Autorin macht das Ei, das unerlaubter- und unerhörterweise in der Küche explodiert, zum Erzähler ihres Textes, allerdings zu einem, der „nicht wirklich stabil ist“.

Sharon Dodua Otoo Die Siegerin des Ingeborg-Bachmannpreises 2016 Sharon Dodua Otoo aus Großbritannien | © Johannes Puch/ORF
Mit der Auszeichnung der aus London stammenden und in Berlin lebenden Autorin mit ghanaischen Wurzeln, deren Literatursprache (auch) das Deutsche ist, hat die Jury zugleich ein literaturpolitisches Statement für die Internationalität gesetzt. Bereits mehrmals ging der Bachmannpreis an Schriftsteller, die auf Deutsch schreiben und publizieren, auch wenn sie mit einer anderen (Mutter)Sprache großgeworden sind – im Jahr 2013 z.B. an die aus der Ukraine stammende Katja Petrowskaja, deren Roman „Vielleicht Esther“ bereits auch auf Slowakisch erschienen ist. Dieses Jahr lasen in Klagenfurt der aus Serbien stammende, in Salzburg lebende Marko Dinić, der türkisch-deutsche Autor Selim Özdogan oder die in Frankreich geborene Sylvie Schenk. Um den titellosen, in „broken German“ vorgetragenen Text des in Tel Aviv lebenden israelischen Autor Tomer Gardi entfachte sich die kontroverseste Debatte unter den sieben Jury-Mitgliedern. Gardis Text nannte die Literaturwissenschaftlerin Hildegard Keller sogar eine „ästhetische Tellermine“, die Fragen aufwirft: Ist die hybride, fehlerhafte Sprache von Gardis Text eine (dys)funktionale Provokation oder eine der Erzählung um die Identität des Einzelnen in Zeiten von erzwungener Flucht und globaler Migration angemessene Ausdrucksform? „Wir sind Babylonisch“, lässt Gardi seinen Protagonisten sagen, der gemeinsam mit seiner Mutter am Berliner Flughafen ankommt, sich mit Kleidungsstücken aus fremden Koffern ausstattet und sich aus sprachlichen Versatzstücken eine eigene Sprache konstruiert.
 
Das „Fremde“ oder „Andere“ spielte eine Rolle auch in anderen Texten, die Flüchtlingskrise, Kriegskonflikte oder den Klimawandel thematisierten und die vor laufenden TV-Kameras (die Lesungen und die Diskussionen der Jury werden live im Fernsehen übertragen) in Klagenfurt präsentiert wurden. Ein häufiges Motiv war dabei die Verschaltung des  „Unbekannten“ mit dem Eigenen. So ließ Jan Snela in seiner mit arabischem Vokabular versetzen Geschichte eine (mittel)europäische Stadt im Wüstensand zerrieseln und Isabelle Lehn holte den Kriegskonflikt aus Afghanistan in einen militärischen Trainingslager in der Fränkischen Alb, in dem Langzeitarbeitslose als Komparsen an einem Kriegsspiel teilzunehmen und die afghanische Dorfbevölkerung zu spielen haben.      
 
Explosiv lässt sich auch der Text „Los Alamos ist winzig“ des Schweizer Autors Dieter Zwicky bezeichnen, der den mit 10.000 Euro dotierten Kelag-Preis erhielt.  Hier fabuliert und phantasiert hemmungslos ein nicht-näher bestimmter Erzähler, dessen assoziative Wahrnehmungen und Eindrücke Zwicky in den Vordergrund stellt – das „kostbare Hellgrün“ des Himmels über der Stadt, die Gerüche von „Artischocken, Nivea, Zichorie“ und „Sauerkraut“. Ohne einen erkennbaren Handlungsfokus ist Zwickys surrealer, dem Nonsens nahe Text genauso wie der vom Autor gewählte Ort – die Wüstenstadt Los Alamos in Neu Mexiko.
 
„Und dann, sage ich: Tut´s einen Schlag! Mit voller Wucht pralle ich gegen die Beckenwand. Mein Kopf.“ Eine Art Explosion lässt sich auch in dem dritten prämierten Text feststellen – dem mit dem 3sat-Preis (7.500 Euro) ausgezeichneten Romanauszug von Julia Wolf „Walter Nowak bleibt liegen“. Bei einem Unfall im Schwimmbecken fügt sich der 70-jährige Ich-Erzähler, der sich mit regelmäßigem Schwimmen in Form hält, eine Kopfwunde zu. Gleichsam setzt der Aufprall eine Erinnerungsexplosion in Gang – Walter Nowak, mit der lächerlichen Badekappe auf dem Kopf nun auf dem Boden im Badezimmer liegend und auf die Hilfe seiner Geliebten Yvonne wartend – kehrt gedanklich in seine früheren Beziehungen und sein berufliches Leben zurück.
 
Einen Gegenentwurf zum disziplinierten Leben präsentiert in ihrem Text „Penne vom Kika“ die österreichische Netz-Autorin Stefanie Sargnagel. Ihr Text erhielt in der öffentlichen Abstimmung unter den Lesern und Zuhörern die meisten Stimmen und wurde mit dem BKS-Publikumspreis (7.000) ausgezeichnet. Die Ich-Erzählerin in Sargnagels Text ist eine Autorin, die zwar gerade den Text für einen  Literaturwettbewerb verfasst, sich aber den Spielregeln des etablierten Literaturbetriebs entziehen möchte. Bei der „Suche nach Abenteuer und Inspiration“ begibt sich die Autorin im Text auf die Straßen, ihr Revier sind „depressive Wohnsilos“, „paranoide Nachbarschaften“, Wiener Kneipen und Möbelhäuser, in denen billige Fertiggerichte serviert werden: „Es gibt Penne mit Tomatensauce. Sie schmecken nach gar nichts, genau wie ich es mag.“