42. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt „Wir stehen bei den Verlassenen“

Özlem Dündar
© Foto: Johannes Puch/ORF Kärnten

„Wir schreiben, wir lesen, wir kämpfen. Wir stehen bei den Verlassenen.“ Die scharfe politische Rede, mit der der türkisch-deutsche Autor Feridun Zaimoglu Anfang Juli die 42. Tage der deutschsprachigen Literatur im österreichischen Klagenfurt eröffnet hat, lässt sich als ein klarer Aufruf sowohl an die Gesellschaft als auch an die Literatur auffassen.

Zaimoglu fordert Solidarität, Empathie und wahres Interesse für die „Verlassenen“: die Obdachlosen und Alten, die Fremden und Geflüchteten, die es ertragen müssen, „dass man sie als Keimträger, als Wühler und Agenten, als unbrauchbaren Menschenmüll beschimpft.“ Er rechnet hart mit den ins rechtsradikale Denken und in vereinfachende Parolen abdriftenden Patrioten ab, die sich „in Deutschland, in Österreich, in der Schweiz in die Parlamente geblökt haben.“ Dem undifferenzierten Sprachgebrauch, in dem Worte wie Heimat, Erbe oder Ordnung „keinen Wert“ haben und die nur als Instrumente der Macht und Diffamierung eingesetzt werden, stellt er die differenzierte und emphatische Literatursprache gegenüber: „Wir sind aus der Schrift geboren, Wir schreiben unsere kühnen, kühlen und wilden Geschichten Wir lieben die leise Art und den lauten Hall. Niemals aber schreiben wir den Verzweifelten eine Abart zu.“     
 
Mit ihrem sprachlich fein ziselierten Prosastück „Frösche im Meer“ überzeugte die im ukrainischen Ivano-Frankiv geborene und in Wien lebende Tanja Maljartschuk die Jury des bekannten Literaturwettbewerbs und erhielt den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis. Ihr Text stellt zwei Figuren vom Rand der Gesellschaft, eben: die „Verlassenen“, in den Mittelpunkt. Der illegale Einwanderer Petro schlägt sich ohne Papiere als Müllmann und Weihnachtsbaumverkäufer durch. Für die Mehrheits-gesellschaft ist er nicht sichtbar, in den Koordinaten der Stadtverwaltung existiert er nicht: er ist „nur ein Schatten am falschen Platz, ein Windstoß“. Im Froschpark, wo Petro als Straßenkehrer schwarz arbeitet, begegnet er Frau Grill, einer hochbetagten dementen Dame, die „abgemagert, gebeugt, in einer fleckigen weißen Bluse ... wie ein verstörter Geist“ aussieht. Petro kümmert sich fürsorglich um die alte Frau, die ihn an seine Mutter erinnert; Frau Grill sieht im Petro ihre Jugendliebe Hans. Zwei einsame Schattenexistenzen, zwei „Frösche im Meer“ finden in einer seltsam-zärtlichen Beziehung zueinander. Sie findet allerdings ihr jähes Ende, als die missgünstigen Nachbarn Petro zum „Perversen“ erklären und mit der Polizei die Wohnung von Frau Grill stürmen.  
 
„und für einen moment brenne ich lichterloh alles an mir brennt und ich zerfalle in asche und zerstreue mich“: Was passiert, wenn die sprachliche Gewalt und der mit Hetzreden geschürte Hass in Straftaten gegen die „Verlassenen“ umschlagen? Davon erzählt die aus Solingen stammende Autorin Özlem Özgül Dündar in ihrem mit dem Kelag-Preis (10.000 Euro) prämierten Romanauszug „und ich brenne“. Hier wechseln sich die atemlosen, ohne Interpunktion geschriebenen Monologe oder Trauerlitaneien von vier Müttern ab, die namenslos bleiben. Zwei der Erzählerinnen schildern ihren eigenen Tod infolge eines Brandanschlags, der an den vor 25 Jahren verübten, rechtsradikal motivierten Anschlag auf ein Familienhaus in Solingen erinnert, bei dem fünf Mitglieder einer türkischen Familie ums Leben kamen. Die Mutter des Brandanschlagopfers und die Mutter des vermeintlichen Täters stehen sich in Dündars Text sprachlos gegenüber; eine Annäherung, eine Aussprache über das Geschehene ist nicht möglich: „und die worte stecken in mir in meinen lungen und dringen bis zu meiner kehle und bleiben stecken denn ich kenne deine sprache nicht und ich kenne nur die worte meiner sprache“.

Bov Bjerk © Foto: Johannes Puch/ORF Kärnten
Auch im Text von Bov Bjerg, der im Jahr 2016 auf Einladung des Goethe-Instituts in Bratislava aus seinem Bestseller-Roman „Auerhaus“ las und der nun in Klagenfurt den Deutschlandfunk-Preis (12.500 Euro) bekam, lässt sich eine Resonanz auf Zaimoglus Rede finden. Die rhetorische Berufung auf Vorfahren, Traditionen, nationales Erbe und Brauchtum, die „jede fremde Art und  jede neue Sitte“ zur Bedrohung erklärt, kritisiert Zaimoglu ebenso wie den Glauben der neuen Patrioten, „in der Heimatscholle zu wurzeln“ und „für immer und ewig unentwurzelbar“ zu sein. Der Protagonist in Bjergs melancholischer, schlicht erzählter Vater-Sohn-Geschichte „Die Serpentinen“ hinterfragt das Konzept der Vorbestimmtheit durch das familiäre Erbe, die Wurzeln und Traditionen: „Dass einer irgendwo seine Wurzeln hatte, das Geschwätz kam vom Stammbaum. Jeder Depp ein Wurzelsepp und saugt das Blut aus dem Boden.“ Die gemeinsame Reise des Vaters mit seinem siebenjährigen Sohn über die Schwäbische Alb, den Ort seiner Kindheit, ist in dem Text als eine Flucht kodiert. Er flieht vor der Enge der Provinz, vor der durch Suizidfälle belasteten Vergangenheit der eigenen Familie: „Urgroßvater,  Großvater, Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt. Zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Pioniere. Ich war noch am Leben.“ Wie und in welcher Sprache erzählt man dem eigenen Kind darüber? Schließt man sich der sprachlichen Vertuschung an, die den Selbstmord des Urgroßvaters zur Auswanderung nach Amerika umdeutet?
 
Über die kollektive Schuld und die Sprachlosigkeit einer ganzen Dorfgemeinschaft schreibt auch die österreichische Autorin Raphaela Edelbauer. Ihr in präzis-technischer Sprache und distanziert-sachlichem Protokollstil gehaltene Text „Das Loch“ wurde mit dem BKS-Publikumspreis (7.000 Euro) ausgezeichnet. Ein Auffüllungstechniker soll die Stollen des ehemaligen Kalk-Bergwerks stabilisieren, der im Zweiten Weltkrieg als Außenstelle des KZ Mauthausen diente und zum Massengrab der mit Benzininjektionen getöteten Häftlinge wurde. „Ein nach allen Seiten sich erstreckender Hohlraum, der die gesamte Gemeinde unterhöhlt“ steht metaphorisch für die Verdrängungskultur. Wie nämlich dem Experten mitgeteilt wird: „Wir möchten, sagte der Bürgermeister wie beiläufig, die Dinge nicht an die große Glocke hängen.“
 
Die in Zürich lebende Umweltwissenschaftlerin und Autorin Anna Stern, die für ihren Text „Warten auf Ava“ mit dem 3sat-Preis (7.500 Euro) prämiert wurde, spielt schließlich mit einer anderen, privat-intimen Form der Sprachlosigkeit bzw. mit einer höchst asymmetrischen Sprachsituation. Die schwangere Ava liegt nach einem Unfall in den schottischen Bergen im Koma. An ihrem Bett im Krankenhaus wechseln sich Personen aus ihrem nächsten Umfeld ab, Verwandte, Freunde. Ihre an Ava gerichteten Monologe bleiben ohne Antwort, Resonanz oder Reaktion. Paul, Avas Freund und Vater des ungeborenen Kindes „hat sie alle satt, ihre mitleidigen Blicke, ihre gut gemeinten Worte...; und dann die Ärzte, die immer nur sagen, es ist alles gut, es gibt keine Anzeichen dafür, dass das Kind bla bla bla.“