Deutsch lernen bis nach Kédougou Frau Anna!

Deutsch lernen bis nach Kédougou
Foto (Ausschnitt): Steffi Saubert

Es ist 10 Uhr morgens. 732 km entfernt von Dakar. Die Luft flirrt. Irgendwo meckert eine Ziege. Der Deutschlehrer Herr Tine und ich betreten das Klassenzimmer der 4ème des Lycée Mame Cheikh Mbaye in Tambacounda. Ein einsamer Ventilator dreht sich an der Decke. Sofort erheben sich die 45 Schüler zu einem einstimmigen "Guten Morgen, Herr Tine!".

Herr Tine stellt mich vor: "Das ist Anna aus Deutschland. Sie wird eine Woche Unterricht mit euch machen.". Ich lasse meinen Blick über die gespannten Gesichter schweifen. Aus der letzten Reihe tönt ein schüchternes "FC Bayern!" - gar nicht so falsch, ich komme sogar aus Bayern, erkläre ich und trete damit fast eine heiße Fußballdiskussion in Gang. Na, das Eis wär schon mal gebrochen!

Die Klasse wird in zwei geteilt, denn 45 Schülern auf einmal fühle ich mich nicht gewachsen. Die Unterrichtsstunde läuft wie geschmiert – solch eine Motivation hatte ich nicht erwartet! Die Schüler sind alle in ihrem ersten Lernjahr Deutsch, aber man möchte meinen, dass es jetzt schon ihr Lieblingsfach ist. Auch bei den Schülern der 3ème (2. Lernjahr) ist die Neugierde auf Deutschland groß – nicht zuletzt weil die meisten noch nie eine Deutsche kennengelernt haben. Es wird Memory gespielt, gesungen, gefragt und gelacht. Die Schüler brauchen ein wenig Anlauf, um meine Anweisungen zu verstehen, denn oftmals sind so interaktive Unterrichtsstunde in sehr großen Klassen nicht möglich. Aber dann klappt es wie geschmiert! Die Begeisterung lässt mich für ein paar Stunden sogar die 45° im Schatten vergessen.

Auch die anderen Unterrichtsstunden verlaufen reibungslos. Wenn alle Schüler in Deutschland so motiviert wären, dann wäre LehrerIn ja glatt ein Traumberuf! Als ich nach der letzten Unterrichtsstunde das Klassenzimmer verlassen will, ertönen laute "Frau Anna! Frau Anna" rufe – natürlich, ich habe den obligatorischen Fototermin vergessen! Nach mehreren Gruppenfotos und ein Foto einzeln mit jedem Schüler muss ich mich beeilen, noch den Bus nach Kédougou zu erwischen!

Als der Bus in Kédougou ankommt, erwartet mich ein etwas anderes Bild. 80% der Stadt bestehen aus Lehmhütten. Der Großteil der Straßen sind rote Sandstraßen, auf denen sich Kinder, Hühner, Schafe, Schweine und Ziegen tummeln. Gelegentlich kommt auch die ein oder andere Kuh vorbei. Die Schule ist in einer Straße, die von einem 1m-tiefen Krater durchzogen wird – danke, Regenzeit! Das Collège Kédougou Commune II besteht aus bunkerartigen Betonbauten mit winzigen Fenstern, die werder Luft noch Licht durchlassen. Es gibt keine Ventilatoren und nur in zwei Klassenzimmern gibt es Strom.

In diesem Moment schießt mir nur eine einzige Frage durch den Kopf: Hier soll es Schüler geben, die Deutsch lernen?

Aber hallo! Auch hier gibt es rund 50 Schüler, die im ersten, zweiten oder dritten Jahr Deutsch lernen. Manche haben sogar große Ambitionen. Ein Mädchen erzählt, sie würde gerne in Deutschland ein Unternehmen gründen und eine andere möchte Germanistin werden. Dementsprechend hoch ist auch der Einsatz. Kaum stelle ich eine Frage, schon recken sich mir 20 schnipsende Finger entgegen.

Mein Lieblingsmoment war das abschließende Fußballspiel. Die Schüler formulieren selbst Fragen (bei uns zum Thema "Farben und Berufe"), die sie auf kleine Papierschnipsel schreiben. Dann werden sie in zwei Mannschaften aufgeteilt – FC Barcelona gegen FC Bayern – olé olé olé oléééé! Anschließend stelle ich nacheinander die von den Schülern verfassten Fragen und bei einer richtigen Antwort rückt das jeweilige Team auf einem A2- Fußballfeld weiter in Richtung gegnerisches Tor vor. Am Ende gewinnt der FC Barcelona mit einem soliden 3:1.

Alles in allem waren die zwei Wochen in Tambacounda und Kédougou eine wirklich bereichernde Erfahrung. Es ist faszinierend zu sehen, wie viele Schüler sich auch so weit im Landesinneren des Senegals – einem Land, das die meisten Deutschen gerade mal per Namen kennen – für Deutsch interessieren und es mit Freude lernen. Ich hoffe, den ein oder anderen Schüler in 10 Jahren in Deutschland wieder zu sehen – ob als GermanistIn oder ChefIn des eigenen Unternehmens.