Vortrag
Die Lage der Migranten in Deutschland

Die Lage der Migranten in Deutschland
Foto (Ausschnitt): Stéphanie Nikolaidis

Am18. Dezember 2015 organisierte das Goethe-Institut im Saal Weimar einen von Saliou Guèye abgehaltenen Vortrag über die Lage der Migranten in Deutschland.

Dr. Saliou Guèye, der im Jahre 1994 nach Deutschland flog, schloss ein Studium an der Universität Dortmund ab. Als Ingenieur in Stadt- und Raumplanung mit einer Spezialisierung in Stadtsoziologie arbeitete er zunächst für die Konrad Adenauer Stiftung, bevor er im Rahmen eines E.U-Programms ein Master in Geopolitik, humanitäre Hilfe und Internationales Recht in Brüssel absolvierte. Im Jahre 2004 wurde Dr. Guèye unter etwa hundert Bewerbern ausgewählt und er leitete erfolgreich ein Städtebauprojekt für den Stadtviertel Neckarstadt West in Mannheim (Baden-Württemberg). Danach arbeitete er sieben Jahre lang für die Stadt Ludwigsburg, bevor er seine gegenwärtige Arbeitsstelle in der Stadt Ulm übernahm. Dank seines Engagements für Integration und Vielfalt ist er vom deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Während seines Vortrags unter dem Thema "Zusammenleben in der Vielfalt: Integration durch Partizipation" erklärte der Vortragende am Beispiel von zwei Städten, nämlich Ludwigsburg und Ulm, die in Süddeutschland liegen, die Rolle der Vielfalt bezüglich einer aktiven Teilnahme an den Stadtangelegenheiten. Seiner Auffassung nach ist Engagement "eine heilige Sache", so fasste er ganz schnell den Entschluss, ins Parlament der Universität zu gehen, um als Vertreter nicht nur der 5000 ausländischen Studenten, sondern auch von allen 25000 Studenten der TU Dortmund gewählt zu werden. "Wenn man hartnäckig ist, kann man viele Fortschritte in Bezug auf Integration und Engagement machen. Rassismus kann auf verschiedenen Weisen bekämpft werden. Ich persönlich habe meine eigene Strategie entwickelt, die darin besteht, zu den anderen zu gehen", so Guèye. Trotz Zurückhaltung und sogar Ablehnung von einem Teil der Bevölkerung hat dieses Kredos ihm die Stärke gegeben, seine ihm in Mannheim anvertraute Aufgabe bis zum Ende durchzuführen. Die zwei entwickelten Konzepte sind Politiken, die von den beiden Städten Ludwigsburg und Ulm umgesetzt worden.

Integration durch Partizipation

Eine strukturelle Politik um das Konzept "Integration durch Partizipation" ist in Ludwigsburg entwickelt worden. Der Vortragende ist der Ansicht, damit man von Integration spreche, sei es notwendig, dass die Bevölkerung mit Migrationshintergrund an der Verwaltung der Stadt Anteil nehme. Der Methode des Vortragenden nach: "Muss sie teilhaben, Teil sein, teilnehmen". Dieser Bevölkerung muss zunächst alle sozialen, wirtschaftlichen und politischen Integrationsmöglichkeiten angeboten werden, damit sie sich engagiert und an der Verwaltung der Stadtangelegenheiten aktiv teilnimmt. Dieses Engagement äußert sich zum Beispiel durch die Teilnahme an Vereinen, an dem Migrantenrat und anderen Entscheidungsinstanzen wie etwa an dem Gemeinderat. Projekte, die eine bessere Kenntnis des Fremden und seiner Kultur ermöglichen, sind initiiert worden. Es geht u.a. um das Projekt "Gemeinsam für Integration", das Jugendlichen mit Migrationshintergrund ermöglicht hat, Praktika bei deutschen Strukturen und Organisationen wie z.B. das Deutsche Rote Kreuz oder die Deutsche Feuerwehr zu machen. Die Einführung der Ludwigsburger Afrikatage ist in diesem Sinne zu verstehen. Darüber hinaus der Festlichkeiten ist sie eine Plattform, die ermöglicht, Partnerschafts- und Zusammenarbeitsbeziehungen zu pflegen, aber ebenfalls bietet sie Austausch- und Diskussionsmöglichkeiten an. Damit dieses Engagement noch sichtbarer wird, ist außerdem eine Anerkennungskultur initiiert, die Personen mit Migrationshintergrund auszeichnet, die sich für eine aktive Teilnahme einsetzen.

Zusammenleben in der Vielfalt

In Ulm dagegen wurde ein Paradigmenwechsel vollgezogen. In einer Stadt, wo fast 38% der Bevölkerung ausländischer Herkunft ist, war es in der Tat sinnvoller anstatt Integration von "Zusammenleben" zu sprechen. Mit 147 Nationalitäten hat Ulm den Status einer "internationalen Stadt". Die betriebene Politik kann durch das folgende Motto zusammengefasst werden: Fremdsein, Anderssein, Dabeisein. Eine Politik der Akzeptanz des Fremden in seiner Verschiedenheit, damit er sich als Teil der Gesellschaft fühlt, wurde in den Vordergrund gestellt. Mit dieser "Visitenkarte" werden in Ulm nicht mehr die Verschiedenheiten in den Vordergrund gestellt, sondern eher das Gemeinschaftsleben. So ist es der Stadt Ulm gelungen, den Begriff "Integration" und die damit verbundene negative Konnotation zu verbannen. Der Beitrag der Migranten zu allen Sektoren der Gesellschaft war in den Vordergrund gestellt. Was in Ulm als Neuheit eingeführt wurde, ist das, dass unter Aufsicht des interreligiösen Rates ein interreligiöser Kalender ausgestellt wurde, der z.B. bei der Programmierung der Schulaktivitäten den religiösen Feiertagen Rechnung trägt. Vor allem ging es aber darum, so zu handeln, dass die kulturelle Vielfalt in der Verwaltung sichtbar wird, indem man Mitarbeiter, überwiegend Jüngere, mit Migrationshintergrund einstellt. Dank der Organisation regelmäßiger Workshops ist es dem Verwaltungspersonal gelungen, interkulturelle Kompetenzen zu entwickeln.

Dieses Engagement für Integration und Vielfalt muss nicht nur für Deutschland, sondern auch für Afrika vorteilhaft sein. Burkina Faso und die senegalesische Stadt Thies wurden in diesem Sinne als Beispiel genannt, wo die Diaspora lebhaften Anteil nimmt. Das Publikum begrüßte den Werdegang des Vortragenden und seine geleistete Arbeit. Die Fragen, die gestellt wurden, bezogen sich u.a. auf die Integration der Afrikaner in Deutschland, auf die Perspektiven für afrikanische Studenten und auf die interkulturellen Kompetenzen im Rahmen des Handelsverkehrs. In seinen Antworten erklärte der Vortragende, dass die Afrikaner eine "erkennbare Minderheit" in Deutschland bilden und dank ihrer geistigen Aufgeschlossenheit ihre Integration nicht so problematisch sei. Jedoch hat er nicht versäumt zu unterstreichen, dass alles von jeder einzelnen Person und von seinem Engagement abhänge. Die Frage einer Teilnehmerin, die der Meinung ist, dass es anstatt "Zusammenleben" besser wäre von Integration zu reden, da man zunächst einmal integriert und akzeptiert werden muss, bevor man zusammenleben kann, beantwortete der Vortragende wie folgt: "Das ist eine Frage der Interpretation und der Definition. Es handelt sich nicht mehr um Integration, sondern vielmehr um Management der Vielfalt". Es gibt viele Jugendlichen, deren Eltern einen Migrationshintergrund haben, aber die in Deutschland geboren sind und studiert haben und die weder Sprach- noch Kulturbarriere haben und demzufolge wäre es für diese Leute besser geeignet, von "Zusammenleben" zu sprechen. Der Vortrag endete mit dem Applaus des Publikums, das zahlreich erschienen war.