Architektur
Der Bahnhof von Dakar

Der Bahnhof von Dakar ist ein emblematisches Denkmal des kollektiven Gedächtnisses. Er ist ein ambivalentes Symbol, Ausdruck schmerzhafter Kolonialherrschaft und ein Zeichen erwarteter Wirtschaftsintegration und -entwicklung. Xavier Ricous und Malick Wellis Buch erzählt uns seine Geschichte, seine allmähliche Außerdienststellung und seine Auferstehung. 

​Dakar wurde 1857 gegründet, aber die Stadt konnte sich nur schwer auf dem Weg machen. Mit dem Aufschwung der Dampfschifffahrt brachte der Hafen, dank des Erdnusshandels, Veränderungen mit sich. Ende des 19. Jahrhunderts erlebte endlich der Hafen seine bedeutende Blütezeit und die Eisenbahn wurde nach und nach zur Selbstständigkeit. Gouverneur Pinet-Laprade war dafür der Wegweiser, aber der Kolonialminister vertrat die Auffassung, dass die von Maultieren gezogenen Kutschen ausreichend im Senegal wären. Pinet-Laprades Vorstellung wird nie Gestalt annehmen, denn er starb 1869 an Cholera. 1880 gewann das  Batignolles-Bauunternehmen die Ausschreibung für den Bauauftrag und gründete in Zusammenarbeit mit dem Staat die Eisenbahngesellschaft Dakar-Saint-Louis.

Die Bauarbeiten wurden 1882 aufgenommen und die letzten Schienen am 12. Mai 1885 in Nande abgelegt. Während des Baus traten aber Schwierigkeiten aller Art auf: mit den Händlern aus Saint-Louis, den Mauren, die das Monopol für den Transport von Erdnüssen hatten, und mit Lat Dior, Damel (Herrscher) von Cayor, der zunächst für das Projekt günstig war, bevor er später zu seinem vehementen Gegner wurde
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Die Eisenbahn hatte rasanten Erfolg und die Verkehrszahlen explodierten schnell. 

An der Endstation von Dakar war unterhalb des Kermel-Marktes an der Spitze entlang der Uferlinie einen ersten kleinen Bahnhof in Mauerwerken erbaut worden. Aber Dakar war zu einer prosperierenden Stadt geworden und brauchte einen neuen Bahnhof. 1906 untersuchte die Eisenbahngesellschaft das Vorhaben und setzte einen orientalischen Stil ähnlich wie den Kermel-Markt durch. Der Bau begann 1912 auf der Stelle des ehemaligen Dorfes Kayes und endete 1914. Zwei Monate später brach der Erste Weltkrieg aus und die Einweihung fand nie statt.
Zehntausende von Tirailleurs aus dem Sudan, Dahomey und Obervolta fuhren durch diesen Bahnhof, um an die europäischen Fronten geschickt zu werden. Der Bahnhof wurde schnell zum wichtigsten Eisenbahnzentrum in der ganzen Kolonie Französisch-Westafrika (AOF); er war zugleich Drehscheibe der Aktivitäten in der Stadt, Durchgangsstation für Erdnuss, Gummi arabicum, Kola, Postversand und Tausende von Reisenden.  
 
Aber schrittweise bewirkten wirtschaftliche und politische Krisen der Strukturanpassung den Verfall der Eisenbahn. Im Jahre 2006 wurde der Bahnhof für die Öffentlichkeit geschlossen und 2010 endgültig außer Dienst gestellt. Damals war die Rede davon, den alten Bahnhof abzureißen, aber die „Wächter des Erbgutes“ hielten Aufsicht. So wurden dort von Zeit zu Zeit einige Kulturveranstaltungen organisiert.
 
Das Projekt der Regional-Express-Bahn (TER) wurde am 14. Dezember 2016 gestartet, um die  neue Stadt Diamniadio zu erschließen. Es sieht die Restaurierung und Erweiterung des Bahnhofs von Dakar vor. Die Ausschreibung für die Bauarbeiten wurde von Eiffage-Senegal gewonnen. Die Fassaden wurden Stein für Stein komplett ab- und wiedergebaut, jedoch durch einen von außen unsichtbaren Stahlbetonrahmen verstärkt. Die beschädigten Keramiken wurden erneuert und der Pufferraum zwischen der Station und den Bahnsteigen von einer schattenspendenden Überdachung bedeckt. Andere Künstler haben dazu beigetragen, insbesondere Ousmane Mbaye für das Design der Inneneinrichtung und Fallou Dolly für die Neulackierung der Bahnhofsuhr.
 
Es ist letztendlich ein hochmoderner Bahnhof mit den heute gültigen Standards daraus entstanden, der in dem Hundert Jahre alten Gebäude angesiedelt wird. Am 14. Januar 2019 fand die Einweihung statt. Es soll also mehr als ein Jahrhundert gedauert haben, um dieses Meisterwerk der Dakarer Architektur zu eröffnen!