Tanzausbildung in Deutschland Gezielte Förderung

Deutschland verfügt über eine rege Tanzszene, Tanzinteressierte haben eine große Auswahl an staatliche Hochschulen. Wie kam es zu diesem umfangreichen Angebot und welche Strukturen unterstützen Qualität und Kontinuität der Tanzausbildung in Deutschland?

Der Wunsch zu tanzen begann für Jason Beechey, dem Rektor der Palucca-Hochschule für Tanz in Dresden schon in seiner Kindheit. Doch gab er sich nicht nur dem eigentlichen Tanzen hin, sondern begeisterte sich noch mehr dafür, andere im Tanzen zu unterrichten. „So sehr ich es auch genoss, selbst zu tanzen, lag meine Leidenschaft doch darin, anderen dabei zu helfen, das eigene Potenzial zu entdecken.“ sagt Beechey. Wen in Deutschland die Leidenschaft zu tanzen packt, der hat mittlerweile eine große Auswahl an elf verschiedenen staatlichen Tanz- und Fachhochschulen. Auch Tanzlehrer, -therapeuten und -pädagogen sowie Choreographen oder gar Tanzwissenschaftler finden in dieser lebendigen Tanzszene einen geeigneten Ausbildungs- oder Studienplatz.

Unter anderem verdankt die Tanzszene in Deutschland diese Entwicklung der gezielten Förderung vor einigen Jahren. Die Kulturstiftung des Bundes investierte von 2005 bis 2010 dabei rund 12,5 Mio. Euro in die Tanzszene. Dabei ging es auch darum, in Deutschland die Aufmerksamkeit für die Tanzkunst zu wecken und ein kulturelles Interesse an Veranstaltungen rund ums Tanzen zu entfachen. Doch darüber hinaus war ein besonderes Ziel, den Tanz als Kunstform in Europa wegweisend und nachhaltig zu stärken. Es entstanden der so genannte Tanzplan und mit ihm der gleichnamige gemeinnützige Verein. Die Idee dahinter umfasste ein systematisches Programm unter anderem mit folgenden Pfeilern: Vernetzung von Strukturen, medienwirksame Öffentlichkeitsarbeit sowie Förderung von Ausbildungs- und Studiengängen.

Fünf Jahre lang profitierten bereits bestehende lokale und regionale Ausbildungsprogramme von der gezielten finanziellen Förderung durch das Projekt. Darunter fielen beispielsweise auch Nachwuchsförderungen. Alle staatlichen Tanz- und Fachhochschulen wurden ferner zu einer gemeinsamen Ausbildungskonferenz Tanz AK|T gerufen. Auf der Grundlage dieser Plattform sollten die Qualifizierung und die internationale Profilierung der Tanzausbildung in Deutschland geschaffen werden.

Mit der Absicht, dem Bereich Tanz eine politische Stimme zu verleihen, wurde der Dachverband Tanz Deutschland gegründet. Er funktioniert als Verbund für Institutionen über stilistische Differenzen, verschiedene Produktionsweisen sowie diverse Berufsfelder hinaus. Die Arbeit des Dachverbands besteht im Erarbeiten von Positionspapieren sowie Erstellen von Förderungskonzepten. Des Weiteren werden von ihm Projekte und Kampagnen initiiert und realisiert.

Als publikationsfördernde Maßnahme wurde erstmals auch ein Standardwerk zu Tanztechniken im Zeitgenössischen Tanz herausgegeben. Von verschiedenen Archiven, die sich zu einem Verbund Deutsche Tanzarchive zusammengeschlossen haben wurde außerdem der Digitale Atlas Tanz hervorgebracht, bei dem es sich um eine Online-Datenbank handelt, mit dem Ziel, die Geschichte des Tanzes in Deutschland seit 1900 in Form von Filmen, Fotografien, Druckschriften etc. zu dokumentieren und die Tanzkunst als Forschungsobjekt zu fördern.

Überdies sorgte die Biennale Tanzausbildung im Jahre 2014 für einen regen Austausch zwischen Studierenden und Lehrkräften in Form von Workshops, Foren und Aufführungen. Nachdem sie zuvor in Berlin, Essen und Frankfurt stattfand, wurde die vierte Biennale Tanzausbildung diesmal unter der Leitung von Jason Beechey an der Palucca Hochschule in Dresden veranstaltet.

Die im Jahre 1925 von der renommierten Tänzerin und Tanzlehrerin Gret Palucca gegründeten Tanzschule sticht besonders hervor, da sie die einzige eigenständige Hochschule für Tanz in Deutschland ist und in ihrem Lehrplan sowohl klassischen und zeitgenössischen Tanz sowie Improvisation vereint, als auch die Möglichkeit bietet, sich zum Choreographen oder Tanzpädagogen ausbilden zu lassen. In einem dreijährigen Projekt kooperiert die Palucca Hochschule seit 2014 mit dem Goethe Institut Tunis, um eine akademische Tanzeinrichtung in Tunesien vorzubereiten und zu planen.

Um eine solche Ausbildungsstruktur von Anfang an aufzubauen, benötigt man Jason Beechey zufolge einen soliden Business-Plan. Außerdem sollten konkrete langfristige Förderungen erschlossen werden. Eine sich gegenseitig stärkende Gemeinschaft ist genauso notwendig wie der Kontaktaufbau zu Fachkundigen. Schließlich braucht der Plan eine starke Führungskraft und ein Team aus engagierten und hart arbeitenden Individuen, die bereit sind, sich dieser Herausforderung zu stellen.

Der Palucca Hochschule selbst stehen pro Haushaltsjahr des Landes Sachsen rund 3,5 Mio. Euro zur Verfügung. Von diesem Budget müssen auch die Personalkosten getragen werden, verrät Eileen Mägel, Leiterin für Strategische Hochschulentwicklung und Kommunikation. Dafür werden an der Schule weder Studiengebühren, noch Schulgeld verlangt. „Sicher könnte man, wenn man das erheben würde, auch Einiges finanzieren, allerdings schließt das ja dann eine große Gruppe von sozial schwächeren Talenten von vornherein aus.“ sagt Eileen Mägel.

Jason Beechey ergänzt, nach welchen Kriterien die Schüler und Schülerinnen bei den Eignungsprüfungen an der Palucca Hochschule ausgewählt werden. Dabei zählen vor allem Neugierde, Koordination, Musikalität und die körperliche Eignung für das angestrebte Profil. Für den Lehrkörper der Palucca Hochschule sucht Beechey gezielt nach Lehrkräften, welche eine starke pädagogische Ausprägung besitzen, eine berufliche Laufbahn als Tänzer mitbringen und Teamplayer sind. Auf die Frage, was er Tanzbegeisterten rät, die versuchen, eine Tanzausbildung zu etablieren, antwortet er: „Niemals den Glauben verlieren! Es braucht Zeit, Ausdauer, harte Arbeit und Energie – aber wenn man es aus Leidenschaft und aus Liebe zum Tanz macht, lohnt sich alles!“