Interview mit Hend Tekaya „Man muss die Leute erreichen, die schlafen“

Hend Tekaya, 25 Jahre alt, ist diplomierte Kulturvermittlerin und derzeit Verantwortliche für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Espace El Teatro in Tunis, einem privaten Theater, das es seit 1987 gibt. Sie ist Mitbegründerin und Mitglied des Vereins Open Art Tunisie (aktiv seit 2012). 2013 nahm sie an der Kulturmanagement-Fortbildung des Goethe-Instituts teil. Das von ihr mitorganisierte Festival Esprit Bat7a, das im Dezember 2013 in Tunis stattfand, war ein großer Erfolg. Wir wollten von ihr wissen, welche Ziele sie mit ihrer Arbeit verfolgt, welche Hilfestellungen die tunesische Kulturarbeit benötigt und wie man als junger Kulturmanager bei der Organisation eines erfolgreichen Projekts vorgehen sollte.

Wie kamst du zur Kultur? Welches Ziel verfolgst du mit deiner Arbeit?

Ich habe in einem neuen Studiengang der Sprachen studiert, in dem das Studium des Französischen verbunden wird mit den Techniken der Kulturvermittlung. Durch mein Studium hatte ich die Möglichkeit viel über das kulturelle Leben in Tunesien und außerhalb zu erfahren. Wenn ich mein Studium über all die Jahre fortgesetzt habe, dann vor allem, weil ich gemerkt habe, dass es in Tunesien nur wenige ausgebildete Kulturvermittler gibt. Mein langfristiges Ziel ist es, dass tunesische Künstler endlich durch gut organisierte Strukturen unterstützt werden.

Mit welchem Projekt hast du dich damals für das Kulturmanagementprogramm beworben?

Ich wollte gerne eine Künstlerresidenz in Tunesien begründen, mit dem Ziel tunesischen Künstlern die Möglichkeit zu geben, Kunstprojekte zu entwickeln und ihnen das dazu notwendige Material zur Verfügung zu stellen. Um Kunst begreifbar zu machen, braucht es eine Umgebung, die Menschen mit Kunst in Berührung bringt. Den Künstlern sollte ein Raum zur Verfügung stehen, der wirklich ihnen gehört, wo man Publikum empfangen kann. Erst durch Kontinuität und ständigen Kontakt wird es möglich, den Menschen den Wert von Kunst zu vermitteln.
Dieses Projekt ist abhängig von vielen Faktoren, zur Umsetzung braucht es ein gutes Team, aber auch Geld. Ich wollte diese Idee gerne konkretisieren.

Bei der Fortbildung in Deutschland habt ihr einige Zeit bei einem deutschen Kulturveranstalter mitgearbeitet. Was hast du aus der Fortbildung mitgenommen?

Ich habe meine Fortbildung beim Zentrum für Kunst und Urbanistik gemacht, das ist ein junges Team bestehend aus fünf sehr engagierten Personen, die Künstlerresidenzen organisieren. Der Esprit mit dem sie über Monate die Stadt animiert haben, wie sie ihre Künstler empfangen, das war eine wertvolle Erfahrung und hat mich sehr inspiriert.

Gab es eine Technik, die du während der Fortbildung gelernt hast, die dir besonders hilfreich war?

Ich habe ganz praktische Dinge gelernt zum Thema Sponsorensuche, Finanzcontrolling und Projektumsetzung. Die für mich wichtigste Technik, die ich während der Fortbildung kennen gelernt habe, ist eine japanische Pitch-Technik, bei der man anhand von 20 Fotos in nur 6 Minuten sein Projekt einem großen Publikum vorstellen muss. Diese Reduktion war sehr hilfreich, man lernt, zusammenfassender zu sein, weniger Zeit für seine Botschaften zu benötigen, zu vereinfachen. Es war überhaupt beeindruckend, wie die Ausbilder es geschafft haben, ein so reiches Programm knapp und interessant, vor allem sehr praxisorientiert zu halten.
Über Übungen, Besuche, Eigenversuche wurde das ganze viel anschaulicher - oft wurden Gäste eingeladen, die sich uns in einer Stunde präsentiert haben - wie sie ihre Kommunikation betreuen, wie sie ihr Projekt entwickelt haben - das alles bleibt mir bis heute präsent, vor allem deshalb, weil sie es geschafft haben, Karrieren von 20 Jahren in einer halben Stunde zusammenzufassen. Dieser Umgang mit Details war wirklich beeindruckend.
 
ESPRIT BAT7A ist ein Festival im Zeichen der Street Art, das im Dezember 2013 in Tunis und seinen Vorstädten stattfand, organisiert von den Vereinen Open Art (Tunesien) und Kif Kif International (Frankreich). Während einer Woche lud ein bunter Parcours aus öffentlichen Veranstaltungen von Konzerten über Zirkusdarbietungen bis Film die Tunesier ein, die Straßen zu beleben. Begleitet wurden die Veranstaltungen von Graffitikünstlern aus Frankreich, England, Spanien und Deutschland sowie Tunesien, denen man bei ihrer Arbeit an Orten des öffentlichen Lebens wie etwa dem Bahnhofsvorplatz oder dem Kulturzentrum zusehen konnte. Ziel des Projektes war eine Öffnung für die künstlerische Arbeit der Graffitikünstler.

Esprit Bat7a auf Facebook

Nach der Fortbildung hast du mit deinem Verein Open Art das Festival Esprit Bat7a organisiert. Was war die größte Herausforderung bei der Durchführung deines Projekts?

Ein Festival rund um das Thema Graffiti zu organisieren, eine Kunstform, die vielen Tunesiern noch fremd ist und illegal erscheint, das war schon eine Herausforderung. Graffitikünstler in Tunesien leiden, genau wie die Rapper, die wir im Rahmen des Festivals zu einem Konzert in Ben Arous eingeladen hatten, unter Drohungen und haben mit enormen Schwierigkeiten zu kämpfen. Ein Festival dieser Größenordnung in einem Arbeiterviertel wie Ben Arous zu organisieren, war eine ganz bewusste Entscheidung. Dort waren wir konfrontiert mit einem Publikum, das zum Teil zum ersten Mal mit dieser Kunstform in Berührung kam. Die Brücke zu schlagen und das Verständnis aufzubauen für eine Veranstaltung, die vielen Leuten erst einmal Angst macht, das war sicher die größte Herausforderung.

In den Regionen klagen gerade die Jugendlichen häufig darüber, dass Ihnen und der Hip Hop-Kultur in den Kulturhäusern und Jugendhäusern kein Platz eingeräumt wird. Ist das ein regionales Problem oder hattet ihr ähnliche Schwierigkeiten?

Wir hatten glücklicherweise kein Problem dieser Art, aber es handelt sich eben um eine neue Kunstform, für die man erst einmal Sympathien gewinnen muss. In der Kommunikation haben wir versucht, unserem Gegenüber zu erklären, dass wir nicht kommen, um sie oder ihr Dasein oder ihre Religion anzugreifen. Im Falle von Esprit Bat7a sind wir mit den fertigen Entwürfen der Graffitis auf unsere Partner zugegangen, immer mit dem Hinweis, dass es sich um eine genaue Übertragung handeln wird. Wir haben ihnen so die Kontrolle übergeben. Außerdem haben wir versucht flexibel zu bleiben. Mit Starrsinn kommt man nicht weiter, man muss Verständnis für das Gegenüber aufbringen. Wir wollten etwa mit der SNCFT (Société Nationale des Chemins de Fer Tunisiens) um die Erlaubnis verhandeln, ein großes Graffiti auf ihrer Mauer am Place Barcelone anbringen zu dürfen. Die SNCFT ist ein großes nationales Unternehmen, wir mussten ihnen vermitteln, dass die Zusammenarbeit für sie eine Erweiterung ihrer Identität wäre, dass es ein Gewinn für sie wäre, als jemand dazustehen, der Jugendkultur fördert. Wir konnten auch mit unseren internationalen Partnern argumentieren, mit der Aufmerksamkeit der Medien, mit dem Ministerium, das informiert war, es handelte sich ja nicht um ein kleines Projekt zu unserem persönlichen Vergnügen - wir sind nicht gekommen, um zu spielen.

Waren sie nicht besorgt bezüglich eurer künstlerischen Performances? Es gab schließlich für sie keinerlei Garantie, dass ihr nicht etwas aufführen würdet, was ihnen letztlich nicht recht wäre, und das alles mitten vor dem Bahnhof, also ihrem Geschäftsbetrieb – das ist nicht nur ein Sicherheitsrisiko, ihr Image stand auch auf dem Spiel.

Zu Beginn hatten wir tatsächlich Schwierigkeiten, sie zu überzeugen. In einem so großen Unternehmen weiß man oft nicht, an wen man sich wenden soll, es gibt niemanden, der für derartige Anfragen von Jugendlichen verantwortlich ist, keinen künstlerischen Leiter, niemand präzisen mit einer Kenntnis der Sache. Man steht Verantwortlichen gegenüber, die von 9 bis 15 Uhr arbeiten und in einem Alter sind, in dem die Belange der Jugendlichen weit weg sind. Die Direktorin war gegen unseren Entwurf und wollte etwas Schöneres, Pflanzlicheres haben, das kann man den internationalen Künstlern so aber nicht vorschreiben. Wir haben dann die Strategie geändert und uns von der SNCFT sagen lassen, was sie bräuchten, um sich sicher zu fühlen, wir haben ihnen unsere Partner vorgestellt, und in diesem Rahmen fühlten sie sich abgesichert. Und dann am Tag der Veranstaltung selbst waren wir verfügbar, wir waren anwesend, waren organisiert, wir haben ihnen gezeigt, dass wir ansprechbar sind, sollte es Probleme geben. Nach dem ersten Tag war das gegenseitige Vertrauen hergestellt, alle waren gleichermaßen überzeugt vom Projekt.


Open Art | Esprit Bat7a - Dokumentation

Gab es Rückschläge bei der Organisation des Festivals? Welche Struktur hat euch Schwierigkeiten bereitet?

Die größten Probleme hatten wir mit dem Zoll. Wir hätten beinahe die Veranstaltung abgesagt, weil man uns das komplette Graffitimaterial beschlagnahmt hatte. Man hatte sich außerdem geweigert, uns 300 Sprühdosen zu überreichen, die wir aus Deutschland von der Firma Molotov geschickt bekommen hatten. Letztlich haben wir 200 davon bekommen, aber der Rest blieb am Zoll zurück. Nur durch das Eingreifen des Tourismusbüros, also einer staatlichen Einrichtung, war es überhaupt möglich, einen Teil des Materials wiederzubekommen. Die unterschiedlichen Zuständigen hätten besser untereinander vernetzt, besser informiert sein müssen. Die Verwaltungen sollten den Erfolg von Veranstaltungen garantieren können, anstatt sie zu behindern.

Welche Hilfestellung hättest du auf dem Terrain gebraucht?

Ich hätte Hilfe bei der Logistik gebrauchen können, ich hätte mir gewünscht, es wäre physisch jemand da gewesen, der meine Arbeit begleitet. Es wäre auch toll gewesen, wenn unsere Sponsoren uns mehr bei der Kommunikation unterstützt hätten. Die haben jeder für sich ein ganz eigenes Netzwerk, das wäre uns bei der Mediatisierung eine große Hilfe gewesen. Leider ist in dieser Hinsicht nicht viel passiert.

Welche Institutionen, welche Konzepte braucht es in Tunesien? Was müsste man ändern, damit es einfacher wird, in Tunesien produktive Kulturarbeit zu machen?

Wenn ich mich an meine Fortbildung erinnere, so war einer der wichtigsten Punkte für mich, dass es einen Ansprechpartner gab für unsere Belange. Es fehlt ganz grundsätzlich an einem Zuständigen, an einem Büro, das sich um die Belange der Kulturakteure kümmert, mit einem einzigen Verantwortlichen, der ansprechbar ist, der die Fäden in der Hand hält, der die verschiedenen Behörden informiert, den Überblick behält, und der gerne auch jung sein darf. Die tunesische Verwaltung braucht mehr junge Mitarbeiter, mit einem Verständnis für das aktuelle Kulturgeschehen!
Den jungen Kulturakteuren sollte ein Büro zur Verfügung stellen, das als Projektassistenz fungiert und das den Jugendlichen dabei hilft, innovative Projekte mit sozialem Bezug auf den Weg zu bringen, die Abläufe sichert, bei Fragen zur Verfügung steht, mitverantwortlich agiert, auch schützt. Überhaupt bedürfte es eines dem Kulturministerium zugehörigen Komitees, das sich um zeitgenössische Kunst bemüht, besetzt aus einer Auswahl der gut ausgebildeten jungen Tunesier, die derzeit im Kulturbereich tätig sind, und davon aber weder leben, noch – mangels Strukturen - die Regierung bei einer Neuorientierung unterstützen können.

Welche Gruppen der Gesellschaft sollten deiner Meinung nach mehr in Kulturarbeit miteinbezogen werden?

Die Kulturarbeit sollte sich vor allem auch an die im Landesinneren wenden. Jede Region braucht ihre eigene künstlerische Metropole. Künstlerresidenzen in den Regionen würden sicher helfen, Künstler, die nach Tunis abgewandert sind, wieder an ihre Heimatorte zurückzuholen, sie würden auch einen Anreiz bieten für andere, vor Ort zu bleiben. Leider kann man dabei bislang nicht auf die staatlichen Einrichtungen zählen, es tut weh, sich die Arbeit der Kultur- und Jugendhäuser in den Regionen anzusehen. Sie sind nahezu verwahrlost, und kulturell passiert dort meist nicht viel.

Welche Rolle spielt Geld bei der Kulturarbeit?

Heute gründet leider jeder Zweite einen Verein, um Gelder für ein einmaliges Projekt zu beschaffen. Diese Zerfaserung hilft niemandem, es wird einfach nur immer unübersichtlicher, und die Gelder verteilen sich unter immer mehr Gruppen. Man sollte da umdenken, auch auf Regierungsseite. Das Ministerium sollte sich komplett umstrukturieren, es müsste einen Fond geben für Vereinsarbeit und einen für selbstständige Künstler. Man braucht nicht viel Geld, um schöne Projekte zu realisieren, alles hängt ab von den Leuten, die sich um die Organisation kümmern und deren Kompetenzen.

Was ist die Zukunft der Kulturarbeit in Tunesien? Welche Konzepte sind vielversprechend?

Kunst sollte so viele Leute wie möglich erreichen. Diejenigen, die bedürftig sind und den Künstler, der sie sichtbar machen kann in Kontakt zu bringen, das halte ich für ein wichtiges Anliegen. Man muss die Leute erreichen, die schlafen, man muss versuchen, die Bedürfnisse der Menschen zu erkennen. Es ist nicht eine Filmvorführung, mit der du etwas bewegst, das ist letztlich bloß Unterhaltung.
Heutzutage wird alles vermischt, man installiert ein Café, das auch Bibliothek ist, man behauptet, das sei ein Kulturcafé, und man befände sich in einem kulturellen Milieu, aber letztlich sitzt man eben doch einfach nur in einem Café, einer Bar, einem Restaurant, das ist wie eine Disko mit ein bisschen Dekoration. Viel wichtiger wäre es, eine Kunst zu machen, die zugänglich ist, mit allem, was in der Straße möglich ist, die den Dialog zwischen Künstler und Publikum anregt.
Für mich passiert die Kunst heute auf der Straße. Ich möchte den öffentlichen Raum besetzen, das ist mein Anliegen seit 2011.

Ein Rat für die jungen Kulturmanager der kommenden KULTURAKADEMIE?

Nehmt euch genügend Zeit zur Vorbereitung, erlaubt euch, Dinge zu entdecken, recherchiert, erfindet etwas Neues. Nehmt euer Projekt ernst und seid euch dessen bewusst, was ihr tut. Seid flexibel, und versucht nicht, stur alles durchzusetzen. Und bereitet ein Dossier vor, das mit Details überzeugt. Ein gut vorbereitetes Dossier gibt den Sponsoren die Möglichkeit zu sehen, ob es sich um ein Team handelt, das Lust hat, zu arbeiten, und das den Erfolg des Projekts gewährleisten kann.
Leider muss man sich heute für jeden künstlerischen Akt erst einmal an die Behörden wenden. Du hast nur zwei Möglichkeiten: Du machst, was du willst, und riskierst eine Verhaftung, oder du richtest dich an eine Verwaltung und verlierst viel Zeit und bist konfrontiert mit Unverständnis. Ich lade diejenigen, die an Projekten arbeiten, ein, sich mit ihren Ideen an uns zu wenden als einen Verein, der sich um ihre Belange kümmert, der den Weg durch die Verwaltungen mit ihnen geht, ihre Kunst mediatisiert, ihnen hilft, ihr Projekt zu einem Erfolg zu führen. Die Vereine sollten sich zusammentun, eine wirkliche Bewegung formen, die den Künstler bei seiner Arbeit stützt. So gewinnt das, was wir tun auch mehr Gewicht.