Tanzausbildung in Tunesien „Es gibt derzeit keine Schule, die eine echte Tanzausbildung gewährleisten kann“

Malek Sebai, tunesische Tänzerin und Tanzlehrerin, entwickelte das Projekt "Tanzen lernen"
Malek Sebai, tunesische Tänzerin und Tanzlehrerin, entwickelte das Projekt "Tanzen lernen" | Foto: Olivier Koch

Malek Sebaï ist Tänzerin, Choreographin und Tanzlehrerin. Sie ist außerdem Initiatorin des Projektes „Tanzen lernen. Reflexion über die Tanzpädagogik“, das im Frühling 2013 gestartet ist, und auf eine langfristige Veränderung der tunesischen Tanzausbildung und die Einrichtung einer staatlichen Struktur abzielt. Im Interview erzählt sie unter anderem von der historischen Bedeutung des Tanzes in Tunesien, der aktuell angebotenen Tanzausbildung, und davon, wie man einen guten Tänzer und eine gute Fortbildung erkennt.

Sie sind selbst Tänzerin und haben sehr jung mit dem Tanz begonnen. Ausgehend von Ihrem eigenen Parcours als tunesische Tänzerin: Wie kam es zu diesem Projekt?

Schon meine Mutter war Tänzerin, weshalb ich schon von klein auf mit dem Tanz in Berührung kam. Ich habe damals mit 10 Jahren Tunesien verlassen, um den klassischen Tanz zu lernen. Für mich war das ein politischer Akt, ich gehörte zu einer Generation in den 80ern, für die Tunesien ein Staat in der Entwicklung war, etwas das neu zu gestalten war mit all den Relikten aus der Zeit der Kolonisation, und wir wollten, dass Tunesien in die Moderne eintritt. Für uns war der Weg dahin der Weg über die Kultur, die diese Moderne transportierte. Ich hatte das Glück, dass ich sehr jung am Konservatorium in Frankreich (Conservatoire National Superieur de Paris, Rue de Madrid) angenommen wurde, was mir eine internationale Karriere ermöglichte, aber ich musste dafür eben sehr jung mein Land verlassen. Der einzige Grund, warum ich das tun wollte, war, dass ich eines Tages zurückkehren wollte, um meine Erfahrungen mit all meinen Landsleuten zu teilen, die diese Chance nicht hatten. Das war zunächst eine sehr persönliche Angelegenheit.

Wie war die Situation der tunesischen Tanzszene als Sie nach Tunesien zurückkehrten?

Als ich zurückkam, wurde mir klar, wie schwierig es tatsächlich war, eine funktionierende Struktur in diesem Land zu installieren. Ich sah mich konfrontiert mit der Realität einer Diktatur, wo eben ein Mann entschieden hatte, dass alles sehr kontrolliert sein müsste, wo es bestimmte Personen gab, die das Monopol über bestimmte Aktivitäten hatten. Das betraf auch den Tanz, der völlig an Bedeutung verloren hatte. Es gab Initiativen, gerade von ausländischen Institutionen, bezüglich des Tanzes, diese waren oft politischer Natur, aber sie beschränkten sich auf den zeitgenössischen Tanz. Der klassische Tanz, der sich insbesondere bei der Altersgruppe der 7 bis 15-jährigen großer Beliebtheit erfreut, stand bei diesen ausländischen Institutionen nicht im Zentrum des Interesses. Im Ausland hatte man entschieden, dass der klassische Tanz nichts für Tunesien sei, und dass nur der zeitgenössische Tanz eine angemessene Antwort auf die Umstände sei. Ich bin auch Choreografin, der zeitgenössische Tanz ist mir nicht fremd, aber ich habe immer diesen Wunsch der Wissensvermittlung behalten. Keine Kunstform überlebt, ohne die Fortbildung und die Weitergabe von Wissen. Dieser Aspekt veranlasste mich besonders zum Nachdenken. Im Ausland wurde über eine Politik für Tunesien entschieden, ohne die lokale Realität miteinzubeziehen. Zudem verfügten wir in Tunesien ursprünglich doch über eine Institution, das Centre national de la Danse, die zum Zeitpunkt ihrer Gründung versucht hatte, eine wohldurchdachte Tanzpolitik umzusetzen, und die aufgrund des Desinteresses der öffentlichen Hand ihrer Substanz entleert wurde. Dort wurde Kindern Tanzunterricht erteilt, obwohl die Ausbildner selbst keine oder nur eine bescheidene pädagogische Ausbildung mitbrachten. Besonderes Augenmerk wurde dabei dem klassischen Tanz geschenkt, denn – und ich wiederhole es nochmals – dieser wurde von den Kindern stark nachgefragt. Da die Lehrer jedoch keine entsprechende pädagogische Ausbildung hatten, entstand eine Ausbildung die im Vergleich zu dem was Tanzausbildung sein könnte, geringen Ansprüchen genügen musste.

Was ist die historische Grundlage des klassischen Tanzes in Tunesien? Welche Schulen gab es zu Ihrer Zeit und wie hat sich die tunesische Tanzszene entwickelt?

Ich habe meine ersten Tanzstunden in der Privatschule „Debolska et Foutline“ auf der Avenue Habib Bourguiba genommen. Es gab außerdem das Conservatoire de Tunis, im Bereich Tanz unter der Leitung von Madame Kyriakopoulus. Zur Zeit meiner Mutter, die Absolventin des Konservatoriums war und damals Tänzerin an der Bolschoi-Kompanie in Moskau war, und damit die erste und einzige tunesische Tänzerin an der Bolschoi, gab es – ein Erbe der Kolonisation - immer in der tunesischen Bourgeoisie ein Interesse an Tanzkursen. Außerdem gab es die „Troupe Nationale de la Danse Populaire“, das war eine Art Aushängeschild der tunesischen Kultur, die Präsident Habib Bourguiba in den 60er Jahren mit auf Reisen mitnahm, um die tunesische Kultur im Ausland zu propagieren. Diese Truppe, die sich vor allem auf Populärtänze spezialisierte, hatte jeden Morgen einen Kurs klassischen Tanz. In den 60er Jahren als die UDSSR und die russische Kultur auch in Tunesien großen Einfluss gewannen, versuchte man mit Lehrern aus dem Osten eine Art Fusion aus dem klassischen Tanz und traditionellem Tanz zu kreieren. In China funktionierte das hervorragend, der klassische chinesische Tanz wie wir ihn heute kennen, große Ballettensembles mit unfassbarer Präzision, entstand zur gleichen Zeit auf die gleiche Weise als eine Fusion aus Ballett und klassischem chinesischem Tanz aus der Zeit des Kommunismus.Diese Situation hatte erstaunliche Auswirkungen, führte sie doch dazu, dass traditionelle Tänzer sich Ballettschuhe anzogen, obwohl die Frauen im traditionellen Tanz immer barfuß getanzt hatten. Gleichzeitig wurde eine Hierarchie eingeführt, die der der klassischen Ballettensembles entsprach. Noch heute gibt es Tänzerinnen, die im Alter von 70 Jahren jeden Morgen Aufwärmübungen an der Stange machen. Es ist da etwas passiert zwischen den Tanzkursen für die kleinen Mädchen der Bourgeoisie, denen das „gut tat“ so ein bisschen klassischen Tanz zu machen bei Lehrern mit russischem oder französischem Namen und dem höchst politischen Moment als man versuchte, den traditionellen Tanz zu uniformisieren.

Es gab dennoch immer ein Interesse am klassischen Tanz – damals wie heute. Wie kommt das zustande?

Dorra Bouzid etwa, eine wichtige Figur der tunesischen Kulturszene, organisierte viele Jahre lang das „Spectacle des écoles de danse de Tunis“ zum Festival von Karthago. Das war eine Veranstaltung, die jeden Sommer an einem Ort stattfand, der 10 000 Leute fasst, und an dem alle tunesischen Tanzschulen, vor allem aber das Konservatorium teilnahmen, das zu dieser Zeit das einzige wirklich ernstzunehmende Modell einer Tanzausbildung war. Die Leute kamen und schauten, das entwickelte sich zu einer Tradition. Zur gleichen Zeit wurden ebenfalls im Rahmen des Festivals die größten Tanzkompanien der Welt eingeladen, das Bolschoi-Ballett, die Opera, einmal jährlich wurde dann dort Ballett aufgeführt, und alle, wirklich alle, waren da. Die Wohlhabenden saßen in den ersten Reihen auf den teuersten Plätzen und dahinter drängte sich das restliche Tunesien, ließen sich Menschen aus allen sozialen Schichten bezaubern. Alle wollten sie dabei sein. Der klassische Tanz in seiner Perfektion, mit seinen Kostümen hatte etwas Märchenhaftes, das die Leute, egal aus welcher Schicht sie kamen, faszinierte.Das Phänomen hielt lange an und verschwand erst als es finanziell nicht mehr möglich war, berühmte Tanzensembles mit hunderten Mitwirkenden auf der Bühne einzuladen, aber auch aufgrund des weltweiten Aufstiegs des zeitgenössischen Tanzes, der sich mehr an eine eingeweihte intellektuelle Elite als an das breite Publikum wandte. Zu dieser Zeit wurden in Tunesien die Festivals für zeitgenössischen Tanz gegründet.
Trotzdem, wenn ich heute mit Tunesiern spreche, ganz gleich woher sie kommen, alle haben eine Verbindung oder zumindest eine Idee vom klassischen Tanz. Es ist ein Bild geblieben, das alle teilen. Etwas Traumbehaftetes, das uns an Märchen, an die kollektive Phantasie zurückerinnert.

Wie ist das Geschlechterverhältnis im tunesischen Tanz?

Sebaï : Das ist abhängig vom Alter! In den jüngeren Altersstufen sind es vor allem die Mädchen, oder deren Eltern, aus reicheren Milieus, die Zutritt zu den Tanzschulen haben, und für die der Tanz eine Art Sport ist, den man neben der Schule betreibt, weil es gut für Körper, Figur und Haltung ist. Sie gehen nicht in die Tanzschule mit der Absicht, ihr Leben dem Tanz zu widmen. Bei ihnen verliert sich das dann in einem bestimmten Alter, wenn der Tanz eben als Hobby ausgedient hat und man ein Studium beginnt oder eine andere Ausbildung, oder heiratet, und es nicht mehr gern gesehen wird, dass die Frau ihren Körper zeigt. Für die Jungen ist es anders herum, der Tanz ist nach wie vor schwer mit den Männlichkeitsvorstellungen dieser muslimisch-arabischen, tunesischen Kultur zu vereinbaren. Gerade in den populäreren Milieus ist es so, dass die Mädchen mit 16, 17 aufhören zu tanzen, und die Jungen dann erst anfangen. Gerade unter den Breakdancern und zeitgenössischen Tänzern gibt es sehr viel mehr Jungen als Mädchen, auf 20 Jungen kommt 1 Mädchen! Und diese verspüren dann gerade den Wunsch nach einer klassischen Tanzausbildung.

Wenn man sich heute die Arbeit der jungen tunesischen Choreographen ansieht, so stellt man fest, dass es vor allem zeitgenössischer Tanz ist, der sich hier durchsetzt, klassischer Tanz bleibt ein Randphänomen. Welchen Einfluss hat dieses Phänomen auf Jugendliche, die eine Tanzausbildung beginnen?

Der zeitgenössische Tanz ist elitärer als die Tanzaufführungen von früher, das ist ein sehr komplexer Tanz. Der zeitgenössische Tanz oder das Tanztheater waren ein Bruch mit der bestehenden Tanzkultur des Balletts, sie entstanden aus einer Reibung und einer Konfrontation mit den bestehenden Formen. Unabhängig vom Stil hat die klassische Tanztechnik eine Bedeutung für die körperliche Praxis des Tanzes und lässt andere Ausdrucksfelder der Choreographie entdecken. Als ich anfing Tanzkurse zu geben, wurde mir klar, dass die Kinder im Alter von 6 bis 10 Jahren, und ihre Eltern, ein steigendes Interesse an einer klassischen Tanzausbildung haben. Es gibt eine echte Nachfrage! Das erklärt sich unter anderem durch die Projektion der Eltern auf ihre Kinder, denn die Eltern stammen aus einer Generation, die das goldene Zeitalter des Balletts in Tunesien erlebt hat. Manchmal sind es auch die Eltern, die die Strenge des klassisch akademischen Tanzes zur Vervollständigung der „erzieherischen“ Aktivitäten suchen.

Was ist die derzeitige Situation der Tanzausbildung in Tunesien?

In meinen Augen gibt es keine Schule, die eine echte Tanzausbildung gewährleisten kann. Es gibt jede Menge Tanzkurse, viele Leute, die in der Praxis gelernt haben, die die Chance hatten, bei Lehrern aus dem Ausland zu lernen, die zufällig nach Tunesien kamen und die einen Teil ihres Wissens weitergegeben haben, bevor sie wieder nach Hause fuhren. Wir befinden uns heute in der Situation, dass die Tanzausbildung vor allem Kinder eines bestimmten sozialen Milieus erreicht. Wenn man dann allerdings sieht, welche Unterrichtsqualität trotz dieser Nachfrage angeboten wird, dann ist das schockierend. Man wirbt mit ausländischen Namen, aber tatsächlich spielt die Pädagogik überhaupt keine Rolle. Die Situation war mir nie wirklich aufgefallen, bis ich meine eigene Tochter in den Tanzunterricht schicken wollte. Ich war schockiert über den Zustand der Ausbildung - als jemand, der das Glück hatte, eine wirklich gute Ausbildung erhalten zu dürfen, empfinde es als meine Pflicht, etwas dafür zu tun, dass die tunesischen Kinder die Möglichkeit haben auf eigenem Boden eine – vor allem pädagogisch - wertvolle Tanzausbildung zu erhalten! Ich hatte ein verdammtes Glück durch meine Ausgangssituation – aber es gibt schließlich auch andere talentierte Kinder, die vielleicht nicht das gleiche Glück haben.

Was bietet Tunesien derzeit jemandem an, der eine Karriere als Tänzer beginnen möchte? Was folgt auf einen Tanzkurs?

Es handelt sich um eine heikle Frage, nicht zuletzt weil aktuell leider nicht sehr viel geboten werden kann. Der Beruf des Tänzers ist kein anerkannter Beruf. Es gibt kein Tanzdiplom. Funktionierende staatliche Einrichtungen gibt es nicht. Früher gab es eine Tanzschule, das Centre National de la Danse, und es gab das Nationalballett, in dem gleichzeitig auch fortgebildet wurde. Das Ballett wurde aufgelöst, das Centre besteht zwar noch, ist aber völlig eingeschlafen. Die Räume dort sind nach wie vor sehr interessant! Die Nutzung kostet 40 TND pro Semester, aber es gibt keine gut ausgebildeten Lehrer, die die Tanzschüler stützen könnten. Ein anderes Problem ist auch, dass die Tanzausbildung derzeit nicht dazu einlädt, das eigene Potential zu entdecken. Es gibt nichts, das die Lust befeuert, über sich hinaus zu gehen. Es gibt die kleinen Tanzaufführungen am Ende des Jahres, die der Präsentation dienen, mehr nicht. Stell dir vor, du machst einen Kurs. Dein einziges Vorbild ist dein Lehrer, dein einziges Ziel ist die Aufführung am Ende des Jahres – also wird der Tanz genau das für dich. Dabei ist Tanzen viel mehr, das ist eine Lebensart. Die Tanzausbildung könnte sich von einer reinen Nachahmung zu einer echten Kreation verändern. Der Grundgedanke dieses Projekts basiert nicht auf dem Wunsch eine professionelle Tanzausbildung anbieten zu können, vielmehr soll mit diesem Projekt die Tanzpädagogik im Kontext der tunesischen Kulturszene hinterfragt werden. Zu einem späteren Zeitpunkt, wenn wir die Eckpunkte einer wahren Tanzausbildung mit einem entsprechenden Lehrplan und Unterrichtsstufen definiert haben, werden wir die Relevanz dieses Projekts beurteilen können. In der Zwischenzeit haben wir einer ganzen Generation exzellente Lernbedingungen angeboten und das ist ein guter Anfang!

Tanz ist nicht nur Technik, es ist ein künstlerischer Ausdruck der eigenen Wahrnehmung.

Klassischer Tanz ist in den meisten Fällen eine Weitergabe eines Lehrers an seinen Schüler. Du wirst zum Träger dessen, was du gelernt hast, plus deines eigenen Erlebens. Einen echten Tänzer erkennt man am Respekt, den er seinem Lehrer entgegenbringt. Man kann gegen diese Form von Tradition sein, der zeitgenössische Tanz beispielsweise lehnt diese Idee ab. Gleichzeitig profitiert auch der klassische Tanz von diesem Bruch, er bereichert ihn und bietet ihm physiologischere, ja fast menschlichere Alternativen an! Dennoch bleibt ein Professor für klassischen Tanz immer ein Vermittler, jemand der dir dabei hilft, dein eigenes Potenzial zu entdecken, der dich in deiner Entwicklung unterstützt.

Was möchte das Projekt „Tanzen lernen“ dagegen tun?

Ganz gleich, wo man hingeht, man trifft überall auf einen Mangel an Ausbildung, auch an Lehrerausbildung. In Tunesien gibt es keine Standards, keine Kontrollen. In Frankreich etwa hat man heute gar nicht mehr das Recht auszubilden, wenn man nicht die entsprechende Lehrausbildung vorweisen kann. Was für mich bei der Zusammenarbeit mit der Palucca-Hochschule besonders interessant war, ist, dass diese nicht nur Tanzschüler ausbilden, sondern auch Lehreraus- und -fortbildung betreiben. Es ist ein Teil des Projekts, das wir zwei tunesische Tanzlehrer für einige Zeit nach Deutschland schicken möchten, um diese Ausbildung genießen zu dürfen.

Bleibt das nicht recht punktuell?

Natürlich löst man das Problem der Lehrausbildung nicht durch zwei Aufenthaltsstipendien. Aber das ist ein Anfang, um der tunesischen Regierung und den Tunesiern, dem Bürger, zu zeigen, dass es Handlungsbedarf gibt. Wir leben in einer Demokratie, wenn die Nachfrage nach einer staatlichen Tanzeinrichtung mit gut ausgebildeten Lehrern kommuniziert wird, dann besteht eine Möglichkeit, etwas zu ändern.
Die Idee des Projekts „Tanzen lernen“ ist nicht, professionelle Tänzer zu entwickeln, das bringt nichts, es gibt noch keinen Markt für all diese Professionellen – aber: Wenn man den Tanzschülern von heute eine Tanzausbildung anbietet, die sich dem annähert, was wir als professionell empfinden, so können diese ihre Erfahrungen weitergeben, und in einigen Jahren selbst ausbilden – und auf Basis eines Netzwerkes, dem sie angehören, gemeinsam etwas Starkes entwerfen, basierend auf einer Pädagogik, die den Ansprüchen genügt und dem klassischen Tanz seinen Wert zurückgibt. Sie haben so auch einen gemeinsamen Bezugspunkt, von dem aus sie sich entwickeln, sich abwenden, sich neu definieren können – hin zu einer größeren Vielfalt! Die Strukturen sind da, die Örtlichkeiten sind da, sie müssen nur wiederbelebt werden.

Woran erkennt man einen guten Tänzer?

Das ist keine einfache Frage! Es gibt die Musikalität, die Koordination, die Physik, das Künstlerische. Es gibt Kinder, die sehr inspiriert sind, die etwas Neues entwickeln möchten. Bei der Auswahl der tunesischen Tanzschüler, die sich für das Aufenthaltsstipendium in Deutschland beworben haben, fiel mir ein Mädchens auf, das ein unglaubliches Koordinationstalent auf Armhöhe hat. Dieses Mädchen hat Potential. Man denkt vielleicht, dass der Tanz sich auf die Beine beschränkt, aber das ist überhaupt nicht so, die Arme bestimmen das Gleichgewicht und sind dadurch mindestens genauso wichtig. Ein guter Tänzer ist auch jemand, der uns seine Technik vergessen lässt und der in der Fantasie dessen, der ihm zusieht, ein weites Feld an Möglichkeiten eröffnet.

Was ist die Spezifität der Palucca-Hochschule?

An der Palucca-Hochschule werden die Schüler unter anderem ausgewählt nach ihrer Fähigkeit, zu improvisieren und zu entwickeln! Improvisieren heißt nicht: Ich mache Musik an und bewege mich. Das ist eine sehr genaue Auswahl an Techniken. In dieser Hinsicht erklärt sich auch, warum die Palucca-Hochschule ein großartiger Partner ist, weil diese eben nicht nur Techniken lehren und Techniker ausbilden, sondern weil dort großen Wert auf Kreativität gelegt wird. Sie bilden Künstler aus, nicht nur Virtuosen. Wenn wir vom tunesischen Tanz der Zukunft reden, dann ist es höchst interessant dabei vom Körper eines improvisierenden Kindes auszugehen. Man lernt dadurch viel über eine Kultur und das bereits Bestehende, oft sind diese Dinge unbewusst in den Körper eingeschrieben.

Wie wichtig ist die Disziplin für den Tanz?

Disziplin ist wichtig, um einen Fortschritt zu gewährleisten, aber in Maßen, denn man sollte fähig sein, sich selbst in Frage zu stellen. Es handelt sich schließlich nicht um Maschinen, es gibt eine künstlerische, eine emotionale Seite, die berücksichtigt und begleitet werden muss. Man muss den Schülern zuhören, man muss versuchen zu verstehen, warum die Disziplin nachlässt. Vielleicht hat das Kind ein Problem. Eine Tanzausbildung dauert bis zu 6 Jahre, eben auch um das Kind solange wie möglich psychologisch zu begleiten. Eine gewisse emotionale Stärke ist wichtig, denn der Tanz ist sehr anstrengend, auch psychisch, man kommt nicht immer gleichermaßen vorwärts, es gibt Phasen der Ermüdung, der Enttäuschung, des Kampfes, in denen der Körper sich weigert, weiterzumachen. Die Fähigkeit, diese Phasen zu überwinden, macht den Unterschied zwischen einem professionellen Tänzer und jemandem, der Tanz als Hobby betreibt. Es gibt Kinder, die im Alter von 8, 9 Jahren unglaublich talentiert sind, und die mit 13 Jahren aufgeben, weil es zu schwierig wird. Es hat sich auch etwas an der Geduld geändert, das ist eine Qualität, die viele erst wieder neu lernen müssen. Früher schrieb man einen Brief, man klebte eine Briefmarke, man wartete lange, bis der Brief ankam, und dann noch einmal so lange auf Antwort – für die Kinder von heute, die sich eine Nachricht auf Facebook schicken, nicht einmal die Zeit nehmen, ein ganzes Wort zu schreiben, und im selben Moment eine Antwort erwarten, ist es schwierig, diese Geduld wieder zu erlernen – und gerade die ist ein entscheidender Faktor bei der Tanzausbildung. Du kannst nicht alles sofort haben, der Körper braucht Zeit.

Dem Tanz wird oft vorgeworfen, es handle sich dabei um eine elitäre Angelegenheit, an der nur die Wohlhabenden teilhaben können, und die für alle anderen ein ferner Traum bleibt. Wie sehen Sie das?

Das ist tatsächlich eine reine Geldfrage, es liegt nicht an Desinteresse! Selbst die Kinder der Damen, die in der Verwaltung arbeiten, kommen zu mir und sagen, dass sie davon träumen, sich in einen Kurs einzuschreiben. Das ist auch in den Arbeitermilieus ein Thema! Aus diesem Grund bestehe ich auch darauf, eine staatliche Struktur zu entwickeln und keine private Struktur, um eben genau diesen Zugang zu erleichtern. Nach der Revolution wurde es sehr beliebt bei den jungen, politisierten Tunesiern, und zeitgenössischen Tänzern, Leute wie mich als kleine Bourgeoise abzutun, die sich mit Tanzkursen ein bisschen Geld verdienen wollen. Die sogenannte Elite, die sie dabei heraufbeschwören, gibt es so nicht. Diese Spaltereien sind unnötig, wir sollten alle zusammen daran arbeiten, dass sich die Situation des Tanzes in Tunesien verbessert. Die Palucca Hochschule ist auch in dieser Hinsicht ein gutes Beispiel, denn dort werden klassischer und zeitgenössischer Tanz gleichermaßen unterrichtet und können gleichberechtigt nebeneinander existieren.

Möchten Sie abschließend noch etwas sagen?

Ich möchte mich noch einmal bei allen Tanzschülern bedanken, die ihre Bewerbungen eingesandt haben. Ich war beeindruckt! Es gibt so viele engagierte Kinder, die einen unglaublichen Aufwand betrieben haben, um sich und ihre Arbeit zu präsentieren. Auch wenn wir nur zwei Schüler auswählen konnten, so haben uns die eingesandten Videos doch erlaubt zu realisieren, wie viel Potential es gibt und dass es sich lohnt, in die Tanzausbildung in Tunesien zu investieren.