Emel Tounes Die Drehverschlüsse der Solidarität

Foto: Tarek Marzougui

Durch das Sammeln der Drehverschlüsse von Plastikflaschen konnten die Freiwilligen von Emel Tounes mehr als vierhundert Rollstühle für behinderte Menschen kaufen. Wie aus einer großen Herausforderung ein wunderbarer Erfolg wurde.

Emel Tounes entstand durch die Initiative von vier Aktivisten, die sich mit dem Schutz von behinderten Personen befassten und einen größeren Aktionsradius haben wollten als dies in den traditionellen Vereinen möglich ist.
Von Beginn an bevorzugten die Mitglieder von Emel Tounes einen Ansatz, der einen engen Bezug zum Umweltschutz hatte. Emna Lahbib, die Präsidentin von Emel Tounes, unterstreicht diesbezüglich: „Wir haben festgestellt, dass Aktionen im Umweltbereich unmittelbar Wirkung zeigen und daher auch mehr Engagement erzeugen. Da wir von der Effizienz dieser Vorgangsweise überzeugt waren, haben wir sie selbst eingesetzt. Tatsächlich konnten die Teilnehmer die Ergebnisse ihres Einsatzes immer sehen und einen Vergleich zwischen dem was vorher war und dem was sie erreicht hatten, ziehen.“

Eine neue Form der Bürgerverantwortung entwickeln

Für das sehr solidarische Team von Emel Tounes ist das oberste Ziel in der Öffentlichkeit eine verantwortungsbewusste Einstellung zu kultivieren, die mit Blick auf das Gemeinwohl politische oder ideologische Zugehörigkeiten ausklammert.
Emna Lahbib bekräftigt dies: „Wir wollen, dass die Tunesier sich all dessen annehmen, was sie betrifft, um endlich mit der Fürsorgementalität und der Gleichgültigkeit Schluss zu machen. Mehr als je gilt es heute eine neue Bürgerverantwortung zu entwickeln, Anspruch auf die Straße, auf die Umwelt zu erheben und sich gegen den Gedanken wehren, dass man nur aktiv sein kann, wenn man sich dem politischen System anschließt.“

Zur Konkretisierung dieses voluntaristischen Ansatzes haben die Mitglieder von Emel Tounes viele Aktionen vor Ort durchgeführt – Erlebnisausflüge, Aufwertungen der ländlichen Regionen, Schaffung von Synergien zwischen Vereinen bilden den Subtext ihrer Aktivitäten, deren symbolträchtigste das Sammeln von Flaschenverschlüssen ist.
Tatsächlich ist Emel Tounes vor allem für seine „Sammelaktionen von Drehverschlüssen“ bekannt. Die Öffentlichkeit hat sich diesen Aktionen schnell angeschlossen, bei denen es darum ging Verschlüsse für das Recycling zu sammeln und aus dem Verkaufsgewinn Rollstühle kaufen zu können.

GAL

Ab 2012 begann der Verein mit dem Slogan „Sammeln wir Verschlüsse, überwinden wir die Behinderung“, Netzwerke aufzubauen, die Anzahl der Sammelstellen zu erhöhen, freiwillige Helfer zu mobilisieren. Drei Jahre später entstanden überall in Tunesien regionale Zweigstellen des Vereins, viele Wiegeaktionen wurden in Schulen und Gemeinden organisiert, von wo aus die Drehverschlüsse zum Sitz des Vereins transportiert wurden.

Diese Dynamik zieht täglich weitere Kreise, neue lokale Vereine treten dem Netzwerk bei und Partnerunternehmen machen es ihnen nach.
So wurden zwischen März 2012 und September 2015 ungefähr fünfzig Tonnen Verschlüsse gesammelt. Es tolles Ergebnis, da hierfür mehr als dreißig Millionen Verschlüsse gesammelt werden mussten. Damit konnten 125 neue Rollstühle für Behinderte gekauft werden und durch das Recycling der Verschlüsse, vierzig Tonnen Erdöl eingespart werden.

Eine pluralistische Aktion zugunsten der Behinderten

Für Emna Lahbib sind alle Mitglieder und Partner des Vereins für diesen Erfolg verantwortlich: „Unsere Aktionen hatten einen Schneeballeffekt und haben die Tunesier und die in Tunesien lebenden Ausländer mobilisiert. Während wir weitere Spenden zum Kauf zusätzlicher Rollstühle gesammelt haben, haben wir die Öffentlichkeit für Fragen des Umweltschutzes und für die Bedürfnisse der Behinderten sensibilisiert. Der Verein konnte durch Spenden und die Verschlüsse 400 Rollstühle kaufen. Am Anfang hatten wir nur das Engagement eines Teams, das seither gezeigt hat, dass es Menschen zu mobilisieren weiß.“
Trotz ihres Symbolgehalts sind die Verschluss-Aktionen nur eine Facette der sehr vielfältigen Aktivitäten von Emel Tounes. Der Verein betreut auch zahlreiche Workshops zum Thema staatsbürgerlich verantwortungsvolles Handeln oder zur Kunsterziehung. Mit Blick auf die Umwelt startete der Verein kürzlich eine Initiative zur nachhaltigen Produktion von Mastix-Öl im Nordwesten Tunesiens. Auch hierbei geht es wieder um das Ziel die Bürgerverantwortung zu fördern, diesmal durch die Schaffung von grünen Arbeitsplätzen.
Nicht ohne Stolz auf das bisher erreichte, setzt Emna Lahbib ihre Arbeit beharrlich fort, baut mit viel Geduld Netzwerke auf, ermöglicht Synergien und träumt aktiv von der Entstehung einer Gesellschaft mit solidarischen und verantwortungsvollen Bürgern, die ökologisch denken und bereit sind, sich für ihre Ideen einzusetzen und zu handeln.