Mazalet El Baraka Das Haus der Alten

  •  Foto: Tarek Marzougui
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Die junge Tunesierin Abir Rouis hat sich mit ihrem Verein Mazalet El Baraka große Ziele gesetzt: Sie möchte vernachlässigten älteren Menschen neue Hoffnung geben und Brücken zwischen den Generationen bauen, in einer der ärmsten Regionen im Hinterland von Tunesien.

„Bringt mich ins Altenheim“, verlangte Abir Rouis Großvater, „ich langweile mich tagsüber während ihr in der Arbeit seid. Dort könnte ich mit Menschen meines Alters plaudern“. Das war 2012. Damals wussten Abir Rouis, eine 26-jährige tunesische Studentin, und ihre Familie noch gar nicht, dass es in Jendouba, einer Stadt im Nordwesten Tunesiens, ein Altenheim gab. Der Großvater war gut informiert, er kannte und unterstützte die Institution bereits längere Zeit, obwohl er 233 Kilometer weiter im Süden in Sousse wohnte und nur zu Besuch in Jendouba war.

Zu zehnt in einem Zimmer

So entdeckte Abir Rouis das Dar Al Moussinninn, das „Haus der Alten“ in Jendouba. Sie erzählt: „Der Standort des Hauses war keineswegs ideal. Die Nähe zum Friedhof veranlasst nicht zu Optimismus. Zudem stellt der Fluss Oued in dieser von Hochwässern gefährdeten Region ein gewisses Risiko dar. Jeden Mittwoch, dem Tag des Wochenmarkts, ist die Zufahrt zum Haus auch für Rettungsfahrzeuge sehr schwierig“. 55 ältere und bedürftige Personen leben dort unter nicht besonders angenehmen Bedingungen. Die junge Frau führt weiter aus: „Sie wohnen zu zehnt in einem Zimmer, obwohl die Hausregeln besagen, dass es nicht mehr als vier Personen pro Raum sein dürfen“.

Im Folgenden wurde es für Abir Rouis zu einem Anliegen, die Lebenssituation der Bewohner des Altenheims zu verbessern. Wie kam es dazu, dass sie dieses Haus zu ihrer persönlichen Angelegenheit machte, während die meisten Jugendlichen der Region nicht einmal wissen, dass es existiert? Abir erklärt: „Als mein Großvater starb, kamen Verwandte und Freunde von überall zum Begräbnis. Wir wurden durch die Zuwendung dieser Menschen wirklich unterstützt. Einige Monate später verstarb auch ein alter Mann aus dem Altenheim von Jendouba. Nur ein einziger Mann nahm sich seines Begräbnisses an. Die meisten dieser Alten haben keine Kinder und praktisch keine Familie. Der Kontrast war so stark und gleichzeitig so traurig. Das hat mich dazu veranlasst, etwas verändern zu wollen“. So entstand der Verein Mazalet El Baraka.

Ausbildungen für Kunsthandwerke

Heute umfasst der Verein nicht weniger als 30 Mitglieder, die alle fest entschlossen sind, das Schicksal dieser in Vergessenheit geratenen Alten von Jendouba zu verbessern. Im Zentrum stand die Idee, dass die Hausbewohner Kunsthandwerksprodukte herstellen, die sie dann zum Verkauf anbieten. Der Verein sorgte für das entsprechende Ausbildungsangebot. So soll den Hausbewohnern mehr finanzielle Unabhängigkeit ermöglicht werden. Aber es war nicht immer leicht, diese Menschen, die seit Jahren ihrem Schicksal überlassen waren, davon zu überzeugen, wieder aktiv zu werden. Abir Rouid und ihre Mitstreiter brauchten viel Geduld und Überzeugungskraft, damit die Hausbewohner an den zum Teil sechsmonatigen Ausbildungen für verschiedene Kunsthandwerke teilnahmen.Die Anfänge waren schwierig. Einige der Bewohner warfen ihre ersten Entwürfe in den Müll. Dazu kommen körperliche Einschränkungen, die es den Menschen schwer machten, zum Beispiel einen Pinsel zu halten. Aber davon ließen sich die Mitglieder von Mazalet El Baraka nicht abhalten, im Gegenteil. Die Herausforderungen brachten sie nur dazu, noch engagierter weiterzumachen und nicht aufzugeben.

Al Bouzid, der Star des Heims

Und die Ergebnisse können sich sehen lassen. Der Star des Heims ist Am (arab. für Onkel, Anm. d R.) Bouzid, ein Taubstummer, der sich auf die Herstellung von Schlüsselanhängern nach traditionellen tunesischen Motiven spezialisiert hat, die durch eine kleine Chechia, der fest mit der Geschichte Tunesiens verbundenen Kopfbedeckung, verschönert werden. Ein Produkt, das sich wie warme Brötchen verkauft, da die Hoteliers ganz wild danach sind. Ein Verein hat sogar 2.000 Stück bestellt. Am Ali, der Blinde, steht dem in Nichts nach, denn die von ihm hergestellten Gebetsketten erfreuen sich ebenfalls großer Nachfrage. Ebenso wie die Taschen und Matten aus Halfagras und Recyclingmaterial. Diese Produkte werden auch bei der Waldmesse in Tabarka und bei der Kunsthandwerkausstellung in Jendouba verkauft. Die Erträge ermöglichen es den Heimbewohnern, das Haus besser auszustatten, ihre Aktivitäten weiterzuentwickeln und aus dem Altenheim einen lebendigen Ort zu machen.

Durch die Wiederbelebung des Altenheims wurde eine Dynamik geschaffen, die zwischen den zuvor vernachlässigten Hausbewohnern und den Jugendlichen der Region eine neue Verbindung entstehen ließ. Junge Menschen haben die Möglichkeit, sich einzusetzen und von den wertvollen Erfahrungen der älteren Generation zu profitieren. Aufgrund der Erfolge des Projekts hat das tunesische Ministerium für Frauen- und Familienangelegenheiten dem Verein ein Stück Land zur Verfügung gestellt, auf dem ein neues, viel komfortableres Altenheim entstehen wird, mit mehr Platz, so dass auch die geltenden Bestimmungen zur Belegung der Zimmer eingehalten werden können. Aber Abir Rouis und ihrem Verein ist das nicht genug. Sie arbeiten bereits an einem neuen Projekt, dem Zentrum Nadi Nahari, das ältere Menschen, die bei ihren Familien leben, während des Tages aufnehmen kann, damit sie einander Gesellschaft leisten können. So wie es sich Abir Rouis Großvater gewünscht hatte.

Aber wie stellt sich die junge Frau ihre eigene Zukunft vor, angesichts eines so hektischen Zeitplans und einer so intensiven Beschäftigung? „Ich studiere Aeronautik. Meine Eltern fragen sich, wo ich mit einem derartigen Diplom Arbeit finden werde, da dieser Sektor in Tunesien kaum entwickelt ist. Aber ich mache mir keine wirklichen Sorgen über meine Zukunft. Nichts hindert mich daran, die Kenntnisse, die ich erworben habe, in anderen Bereichen einzusetzen.“ Angesichts ihrer Kreativität und ihres ansteckenden Optimismus kann man ihr da nur zustimmen.