Tunisie Recyclage Für ein gesellschaftlich verantwortungsbewusstes Verhalten

Wer von uns fühlt sich angesichts des mittlerweile zur Normalität gewordenen katastrophalen Zustands unserer Straßen und Plätze nicht überwältigt und unfähig eine Lösung zu finden?

Nach der Revolution wurde die öffentliche Müllentsorgung durch Lohnforderungen und Streiks völlig desorganisiert. Seither sind Straßen, Felder, Bäche, Wälder und Strände – einschließlich der schönsten Badestrände – von Abfall übersät. Dabei leiden nicht nur die Bewohner unter diesem Verfall ihrer unmittelbaren Umwelt, sondern auch der Tourismus, Müllberge vermindern die Attraktivität des Landes und haben damit auch ernsthafte Auswirkungen auf die Wirtschaft.

Diese Situation, die auch zahlreiche Gefahren für die öffentliche Gesundheit (Zunahme von Epidemien) und die Ökosysteme mit sich bringt, führte zur Empörung der Bevölkerung und zu einer völlig neuen Mobilisierung der Zivilgesellschaft und von engagierten Menschen, die den ersten Verein „Tunisie Propre“ gründeten, dessen erklärtes Ziel es war, Aktionen zu organisieren und zu unterstützen, die zur Säuberung der Strände und der öffentlichen Plätze usw. beitragen. Allerdings handelte es sich bei diesen freiwilligen Aktionen um punktuelle Aktivitäten zur Beseitigung von Müll, deren Wirkung nur von kurzer Dauer war, da die gesäuberten Orte bereits kurze Zeit danach wieder mit Abfällen übersät waren.

Die Mitglieder von „Tunisie propre“ erkannten, dass langfristige Aktionen erforderlich sind und eine kleine Gruppe von Freiwilligen beschloss, die Mülltrennung zu fördern, damit weniger Abfälle in unseren Mülltonnen bzw. auf den Straßen und in der Umwelt landen. Nur PRÄVENTIVE Aktivitäten können sich nachhaltig auf die Verbesserung der Umwelt auswirken.

Zunächst stellten sie deshalb Sammelbehälter für die Bürger zur Verfügung: große käfigartige Container und big bags, in denen die Bürger ihren Müll deponieren konnten. Ein Misserfolg: die „berbecha“ – die Müllsammler – verwendeten diese Behälter sehr schnell als bevorzugte Quelle ihrer Sammeltätigkeit, die Behälter mussten finanziert werden – ungefähr 300,000 DT pro Stück – einige von ihnen wurden zerstört oder gestohlen, um sie zu Hühnerställen umzuwandeln, andere Behälter wurden zu echten Problemzonen, da die Bürger jede Art von Müll dort deponierten.

Im Anschluss daran, haben die aktiven Mitglieder von „Tunisie propre“ eine kleine Umfrage unter den Bewohnern von La Marsa durchgeführt, um zu erfahren, ob diese bereit wären, die Abfälle bei sich zu Hause zu trennen und dann abholen zu lassen. Das positive Echo und die zahllosen Ermutigungen führten letztlich zur Gründung des gemeinnützigen Vereins „Tunisie Recyclage“, deren Statuten am 2. April 2013 im Tunesischen Amtsblatt veröffentlicht wurden. „Tunisie Recyclage“ möchten die Mülltrennung fördern, um das Recycling zu ermöglichen und die Ablagerung und Deponierung von Abfällen zu vermeiden.

Die Gründungsmitglieder legten zusammen, um einen alten LKW zu kaufen, mit dem sie die getrennten Abfälle bei den Bewohnern abholen konnten. Der Verein wurde durch Mundpropaganda schnell bekannt und viele Bewohner meldeten sich an.

Heute zählt „Tunisie Recyclage“ mehr als 1.000 Haushalte und sein Aktionsradius ist stark angewachsen. Mittlerweile werden La Marsa, Carthage, ein Teil der Berges du Lac, die Cité El Ghazala sowie ein großer Teil von la Soukra und Ain Zaghouan entsorgt. Neben dem Müllsammel-LKW, musste der Verein auch ein Depot zur Zwischenlagerung der Abfälle finden und er konnte zwei Arbeitsplätze für das Einsammeln und Trennen von Plastik- und Metallmüll schaffen. Das Depot ist jedoch regelmäßig überfüllt und verfügt weder über einen Wasser- noch über einen Stromanschluss, um sich die Hände waschen zu können, muss man das Wasser in Kanistern herbeischaffen.

Was die finanzielle Situation des Vereins betrifft, so veröffentlichte dieser auf seiner Webseite die entsprechenden Zahlen, aus denen hervorgeht, dass die Ausgaben weit über den Einnahmen liegen und dass es für die Fortführung der Aktion erforderlich ist, dass sich weitere Mitglieder anmelden und entweder der Staat oder auch Privatpersonen Geldmittel zur Verfügung stellen. Der Verein erhielt bereits eine Subvention vom Umweltministerium – herzlichen Dank dafür! – nicht aber von der für die Abfallwirtschaft zuständigen Behörde ANGED, die dem Verein im Übrigen auch keine Müllsäcke mehr zur Verfügung stellt, die für die Mülltrennung an die Haushalte verteilt werden.

Haben denn die Bürger kein Interesse an diesen Aktionen? Valérie Thomas, die Vizepräsidentin des Vereins, bestätigt, dass sich die Tunesier sogar sehr für Umweltfragen motivieren lassen, vorausgesetzt, dass man sie darüber informiert. Das Problem mit den Müllbergen in unseren Straßen kann nicht ausschließlich den Bürgern zur Last gelegt werden, sondern wird vor allem von den Gemeinden verursacht, die sich bezüglich dieses Problems oft sehr gleichgültig zeigen und oft auch nicht über die notwendigen Kompetenzen verfügen. Zudem sind die finanziellen Mittel der Gemeinden unzureichend, da viele Bürger ihre Abgaben und Steuern nicht bezahlen.

Wie sieht Valérie Thomas die Zukunft von „Tunisie Recyclage“? Sie wünscht sich, dass die Sammlung und Trennung von Abfällen (aktuelle 60 Tonnen pro Jahr) auf 100 Tonnen ansteigt. „Wenn es uns gelingt, weitere Subventionen zu bekommen, dann könnten wir eine neue Zone und ein Mülltrennzentrum hinzufügen.“