Ridha Kallel Das Kulturerbe von Sfax für eine soziokulturelle Dynamik

Ridha Kallel betreibt seit Jahren Ausgrabungen in der Stadt Sfax, um deren Kulturerbe wiederzubeleben und die Sfaxianer mit ihrer Geschichte zu versöhnen, in dem er die Weichen für eine nie dagewesene Dynamik, die alle Generationen begeistert, stellt.

„Soweit ich mich erinnern kann, beobachtete ich im Alter von 17 oder 18 die arabische Altstadt, wie sie sich anziehend und noch authentisch darbietet, mit dieser Frömmigkeit, die man für die pure Schönheit empfindet. Dieser erste Blick hat meine Vision entscheidend geprägt“, vertraut uns verträumt Ridha Kallel an.

Verdreifachung der Souks !

Mit den Jahren hat sein Blick an Reife gewonnen, um zunächst bei der Originalität der „Borj“ (Türme) zu verweilen, das sind Behausungen, die inmitten von Plantagen (Ghaba) erbaut wurden und im Hochsommer eine angenehme Frische spenden. Die ehemaligen Einwohner bewohnen bis Juni die Altstadt, dann ziehen sie in die Borj um und bleiben dort bis September. Dann beginnt die Saison der „Oula“ (Vorratslagerung von Mandeln, Feigen, Pfirsichen, rosen und anderen Lebensmitteln) und der Hochzeiten. Im Oktober, zum Schuljahrbeginn, kehren sie in die Altstadt zurück. Zwei Leben im Jahr, die sich um die Stadt Sfax drehen, einzigartig in ihrer Art, schon allein durch die Altstadtmauer (sour), die heute noch die Stadt umgibt. Dies wurde erst durch die „Waqf“ (religiöse Stiftung) möglich gemacht, die ihre Instandhaltung sicherstellte. Die Legende besagt, dass die Sfaxianer, als es kein Wasser für die Instandsetzung der Altstadtmauer gab, das Olivenöl aus den eigenen Haushalten für den Mörtel verwendetet haben! Sfax wurde ebenfalls von der französischen Verwaltung unterstützt, die ab 1912 die Altstadt und ihre Mauer geschützt hat, noch bevor die UNESCO ihre Initiative startete. Die europäischen Reisenden waren beeindruckt von der Stadt Sfax und ihre Anthropologie, ihr Einsatz zu ihrem Gunsten war ausschlaggebend.

„Gegenwärtig ist unser „Sour“ als Kulturstätte für eine Aufnahme in die Liste des Kulturwelterbes der UNESCO vorgesehen. Der Antrag wurde von der Zivilgesellschaft in Sfax und dem Kulturminister gestellt“, kommentiert Ridha Kallel, dessen Blick die Originalität der kleinsten der tunesischen Großstädte, mit nur 24 Hektar Fläche, erfasst. Um dieser Enge entgegenzuwirken haben die Sfaxianer eine einzigartige Idee ausgedacht, nämlich Stockwerke (die „Ghorfas“, von den ausländischen Reisenden auch „Balkons“ genannt) in den Souks zu integrieren. Die Sfaxianer haben auch Kellerräume gebaut, sodass die wirtschaftliche Fläche der Souks verdreifacht werden konnte!

Wo waren Sie die letzten fünfzig Jahren ?

Ridha Kallel war in seiner Studienzeit journalistisch tätig. Vor seiner Entsendung an das Radio Sfax hat er an der pädagogischen Hochschule (Ecole Normale) studiert. Nach 17 Jahren Verwaltungsarbeit beschließt er zur Universität zurückzukehren, um ein postgraduiertenstudium aufzunehmen. Er besucht die Vorlesungen von Hichem Djaiet, Hédi Timoumi, Hédi Limam, Abdeljalil Témimi, Hédi Chérif, behält aber eine intellektuelle Verbundenheit mit dem Dekan der Fakultät, Prof. Habib Kazdaghi, seinem Lehrer seit 1997, dem Leiter seiner Master- (2006) und seiner Doktorarbeit (2013). Ihm wurde von den Mitgliedern des Promotionsausschusses empfohlen, seine Masterarbeit zu veröffentlichen. Daraus sind zwei Bücher entstanden, ein drittes ist in Vorbereitung.

Das war nicht leicht gewesen, weil man Geschäftsleute davon hat überzeugen müssen, ihn zu unterstützen. „2014 hat mich ein älterer Herr, ehemaliger Widerstandskämpfer, gebeten, seine Lebensgeschichte zu schreiben. Ich habe sofort zugesagt, ohne lange zu überlegen. Ein Jahr und drei Monate später war das Buch fertig. Inzwischen haben mich vier andere Kämpfer gefragt, ob ich auch ihre Geschichte schreiben würde. Und da ist mir klar geworden, dass es dutzenden engagierter Militanten (Männer und Frauen) gab, die völlig anonym geblieben sind. Niemand hat jemals über ihren Kampf etwas geschrieben. Also bin jetzt dabei, ein Werk über etwa zwanzig Militanten und Militantinnen zu erstellen…. So hole ich die Geschichte der Stadt Sfax aus der Vergessenheit hervor!“ erinnert er sich.

Heute dienen seine Bücher als Referenzwerke, mit einer täglichen Rundfunksendung bei Radio Sfax, einer wöchentlichen Kolumne für eine regionale Gazette und zunehmenden Interesse der Sfaxianer im Allgemeinen und der Jugendlichen im Besonderen. Aber was meine Aufmerksamkeit erregt, ist die unbändige Leidenschaft der älteren Menschen, die Radio zuhören.

„Eines Tages fragte mich ein älterer Herr auf Sendung: „Wo waren Sie die letzten fünfzig Jahren? Sie sind der erste, der mich zu dieser schönen Zeit befragt.“ Ich wusste darauf keine Antwort. Die Geschichte von Sfax war noch nicht geschrieben. Das Archivgut der Bezirksregierung (Gouvernorat), der tunesischen Bahn (SNCFT), der früheren Regierungspartei, der Familien sind verloren gegangen. Prominente Persönlichkeiten, die ihre Spuren in der Geschichte der Medina und des kulturellen Lebens, in der lokalen Presse, in der Landwirtschaft, in der Industrie und im Handwerk …hinterlassen haben, sind heute über 75 Jahre alt und ihre zeugnisaussagen wurden nicht entgegengenommen. Der Verband Kulturerbe Sfax (Association Sfax Patrimoine, ASP) nimmt langsam Gestalt an. Über die Errichtung einer Forschungseinrichtung, die sich mit Sfax befasst, wird nachgedacht, und wir werden von da anfangen“, verspricht Kallel.

Kulturerbe und Geschichte, das ist nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft. Wir können keinen Fortschritt erzielen, wenn wir nicht auf die Stärken unseres Kulturerbes eingehen und die Männer und Frauen würdigen, die es geprägt haben. Was mich bei der Initiative 7ajra 7ajra (Stein für Stein) mit Freunde erfüllt, ist die Hoffnung, dass man eines Tages in Berlin, London, Paris, Tokio, Neu-Delhi …. von Sfax reden kann“, meint er abschließend.