Spark Vergessenen Kindern neue Hoffnung und Lebensfreude geben

Foto: Tarek Marzougui

Marwen Béjaoui und seine Freunde brauchten viel Beharrlichkeit und Ausdauer, um die benachteiligten, misstrauischen und aufgebrachten Kinder und Jugendlichen, die oftmals keinen Schulabschluss haben, zu betreuen und sie mit dem Leben zu versöhnen, indem sie sie zunächst mit ihrer Kreativität vertraut machten.

“Es war ein sehr intensives Erlebnis, da die Situation in jedem Augenblick in die eine oder andere Richtung kippen konnte“, Marwan Béjaoui blickt uns direkt in die Augen als er uns mit emotionsgeladener Stimme von dem schwierigen, mit vielen Hindernissen versehenen und gleichzeitig so stimulierenden Weg seiner Initiative zugunsten der am stärksten vernachlässigten Jugendlichen die man sich vorstellen kann, erzählt, den Waisen des Centre de protection sociale des enfants, dem Kinderheim von Tunis. Es ist die Erzählung einer Erfahrung auf des Messers Schneide, von den ersten entscheidenden Momente bis zur „Rettung“!

Spark... ein „Funke''!

Aber wie kam es dazu, dass sich der technikbegeisterte Absolvent der Design-Hochschule von Tunis für soziale Anliegen begeisterte? Marwen Béjaoui hat bereits einige Erfahrung mit Vereinen, die damit begann, dass er seinen Mentor und bekannten Designer Prof. Chemseddine Mechri unterstützte, der aus dem Nichts im September und Oktober 2011 das „Festival de la citoyenneté“ entstehen ließ. Es folgte eine erste Erfahrung mit Kindern bei zwei Lese- und Schreibworkshops im Club Tahar Haddad.

„Ich hatte mich also bereits für die Idee mit Kindern zu arbeiten interessiert und das führte mich zum Verein „Culture for Citizenship“, der im Mai 2011 von Soumaya Boughanmi, Haifa Farsi, Basma Azizi, Studenten und Absolventen zwischen 20 und 30 Jahren, gegründet wurde und deren erstes Projekt in der Schaffung eines Netzwerks von Amateurkünstlern bestand. Nach und nach entwickelte sich die Idee mit Kindern zu arbeiten und daraus entstand das Projekt, das wir Spark – also Funke – nannten. Wir haben einen Arbeitsplan erstellt, um Workshops für das Zeichnen, Malen, Schreiben, Lesen …. für Kinder anbieten zu können. Dabei wollten wir vor allem Kindern, die keinen Zugang zu Kultur und Kunst haben, helfen, also v.a. benachteiligten Kindern. Es war die Union des associations humanitaires de Tunis, die uns zum Kinderheim im Ezzahrouni, einem westlichen Vorort von Tunis, führte“, erinnert sich Marwen.

Ein Projekt für Kinder

Beim ersten Mal, verlief nichts wie geplant. Am 7. Januar 2012 während unserer ersten Begegnung, die dem gegenseitigen Kennenlernen dienen sollte, erlebten Marwen und seine Freunde einen Schock. Die Kinder waren misstrauisch, sehr aufgebracht und sie sprachen von einer Realität, die für sie unvorstellbar war. Zudem war die Gruppe sehr heterogen, was die Sache noch schwieriger machte: Kinder zwischen 6 und 12 Jahren, Jugendliche bis 18 Jahre, von denen einige in die Schule gingen, andere die Schule abgebrochen hatten, insgesamt mit einem sehr geringen Bildungsniveau, Mädchen und Jungen, ständig im gleichen Raum, wo doch jeder Mensch Zeiten des Rückzugs braucht, um sich wieder zu sammeln oder seine Wachsamkeit zu verringern, um durchatmen zu können… Die Planung für einen partizipativen Ansatz fiel damit ins Wasser, aber man musste reagieren.

„Zwischen der ersten und zweiten Begegnung haben wir uns in Frage gestellt und beschlossen, unser Programm auf Eis zu legen. Wir sind zurückgekommen mit einem einzigen Ziel: die Bedürfnisse der Kinder zu identifizieren. Dabei spürten wir, dass sie den Wunsch hatten sich auszutoben, zu spielen, aber keine Lust auf Ausbildung. Daraus entstanden sofort neue Ideen: Theaterworkshop für die Jugendlichen und mehrere Einführungskurse in Lesen, Schreiben, Zeichnen für die anderen. Von unserem ursprünglichen Programm blieb nur ein Leitgedanke übrig: bis Ende des Jahres mit den Kindern ein Projekt entwickeln: ein Märchen, ein großes Bild, ein Stück …“, erklärt uns Marwen.

Die Schwierigkeiten nahmen zu, auch mit der Verwaltung des Kinderheims, die uns nicht nur ihre Unterstützung verweigerte, sondern das Team auch ständig entmutigte. Dennoch hielten sie an ihrem Vorhaben fest und sogar die Verwalter konnten nach sechs Monaten überzeugt werden. Nach einem Jahr war eine radikale Veränderung erkennbar und man begann die Früchte der Arbeit zu ernten. Marwen erzählt uns von einem 18-jährigen Mädchen, ein scheinbar hoffnungsloser Fall, das bereits mehrere Selbstmordversuche hinter sich hatte, und das einen Grund zum Leben gefunden hat, das Operntheater hat ihr eine neue Perspektive geboten. Das Misstrauen der Kinder ist vollständig verschwunden und heute warten sie jede Woche voll Ungeduld auf das Team.

„Drei Jahre danach, haben wir größere Erwartungen, denn wir sind davon überzeugt, dass wir diese Kinder motivieren und inspirieren konnten, damit haben wir unser Ziel erreicht. Aber für unsere weitere Arbeit brauchen wir mehr Unterstützung, da unsere Mittel ausschließlich in der Teilnahme unserer Mitglieder besteht. Die einzige externe Unterstützung kam von Künstlern, die bei einem kleinen Fest 2014 kostenlos auftraten: die Band „Nouveau Système“ und die Künstlerin Nadia Khiari (WillisFromTunis). Mit Unterstützung des Sozialministeriums könnten wir noch mehr erreichen, unsere Aktivitäten auf andere Heime ausweiten, denn es besteht ein echter Bedarf“, erklärt Marwan.

So wie sich die „Avengers“ im Film der Marvel Studios zusammentun, um die Welt virtuell zu retten, entstand ein Team, dessen größer Stolz heute darin besteht, dass es in der Lage ist, die Initiative für weitere Projekte zu übernehmen, deren einziges Ziel es ist, Kinder zu retten.