Hazoua Der Werdegang einer kämpfenden Frau

Vor ein paar Jahren noch, war sie allein. Jetzt steht sie einem Verein von 250 Kunsthandwerkerinnen vor. Rim, die Ikone von Hazoua.

"Aus meiner Schwäche möchte ich meine Stärke mache, aus meinen Wissenslücken meine Trümpfe". Mit diesen Worten versucht Rim ihren Werdegang zusammen zu fassen, - den einer wahren Kämpferin. Seit mehreren Jahren kämpft die Dreißigjährige gegen Wind und Wellen an, ohne jemals die Hoffnung zu verlieren und mit dem festen Willen ihr Ziel zu erreichen. Je stärker der Gegenwind bläst, desto höher wird ihre Entschlossenheit und starke Strömungen verstärken nur ihre Geduld.

Im Laufe der Jahre hat ihre Hingabe sie zu einer außergewöhnlichen Frau gemacht, zu einer Ikone von Hazoua, ein kleines Dorf im Gouvernorat von Tozeur, so gut wie unbekannt unter Tunesiern, oder eher vergessen, denn zu abgelegen. "Ich habe aus der Förderung meines Dorfes den Kampf meines Lebens gemacht. Ich bin stolz diesem Stück Erde anzugehören und ich bin bereit mein ganzes Leben in den Dienst meines Dorfes zu stellen" betont Rim mit Vertrauen und gleichzeitig einer Bescheidenheit in der Stimme, die für sie charakteristisch ist.

Für alles die es nicht kennen - und die sind zahlreich -, Hazoua ist ein kleines Grenzdorf im Süden Tunesiens. Es ist umrandet von der weiten, unerbittlichen und wenig einladenden Sahara, und ist jahrzehntelang sich selbst überlassen worden. Nur Schmuggler und wenige Reisende trauten sich in dieses Dorf, bis zu dem Tag, an dem Rim entschied, diese Situation zu ändern, um aus diesem Durchgangsort eine Destination zu machen.

"Die Natur ist nicht gerade mild in diesen Gegenden. Die Leute neigen dazu, in diesem armen Dorf nichts Besonderes zu sehen, und ohne den Grenzübergang wäre wohl kaum jemand hier her gekommen. Doch wie schon das Sprichwort besagt, im Schlamm findet man das schönste Gold. Dafür ist Hazoua ein gutes Bespiel.

"Wir haben ein sehr reichhaltiges Kulturerbe, aber es ist nie gefördert oder aufgewertet worden. Hazoua ist sicher finanziell gesehen ein sehr armes Dorf, es besitzt aber eine reiche Geschichte", betont diese junge Mutter. Und fügt hinzu: "Hazoua ist außergewöhnlich. Es gibt hier eine eigene Essens- und Bekleidungskultur. Mein Traum ist es, unsere Kultur und unsere Lebensweise mit der ganzen Welt zu teilen. Ich möchte aus meinem kleinen Geburtsort eine weltbekannte Destination machen". Ihre Leidenschaft für Hazoua ist grenzenlos.

Eine Leidenschaft, die mit der Zeit wächst

Aber Rim ist nicht nur Mutter und Akademikerin, sie ist vor allem eine geborene Kunsthandwerkerin. "In Hazoua wird diese Fertigkeit von dem Vater auf den Sohn und von der Mutter auf die Tochter übertragen. Wir sind eine große Familie von Kunsthandwerkern. Und jeder hat seine eigene Spezialität" freut sich Rim.

Im Kinderalter schon half sie ihrer Mutter beim Weben und Sticken. Es war ihr auch ein großes Vergnügen ihren Vater dabei zu beobachten, wie er selbst nützliche Alltagsgegenstände herstellte. Dann ist sie gewachsen, und ihre Leidenschaft mit ihr. "Ich bin total verliebt in diese Kunst. Es geht um mich, meine Identität, meine Angehörigkeit, meine Geschichte ... Ich stelle keine Gegenstände her, sondern ich erzähle eine Geschichte und kämpfe dafür, dass eine ganze Kultur weiter besteht und in der ganzen Welt bekannt wird". So wie ihre Leidenschaft, hat sich auch ihre Karriere entwickelt. "Ich habe während der Ferien angefangen neue Objekte herzustellen, die Tradition und Modernität vereinen. Als dann mein Studium abgeschlossen war, habe ich mich entschieden, mich vollständig dieser Kunst zu widmen". Mit ihren Brüdern und Schwestern, ebenfalls Kunsthandwerkern, hat Rim begonnen neue Motive zu schaffen. Ihr Ziel war es dabei, die traditionellen Objekte attraktiver und moderner zu machen. "Ich habe das Wohnhaus unserer Familie in ein kleines Atelier verwandelt. Glücklicher Weise teilt meine ganze Familie diese Leidenschaft". Beharrlichkeit und Begabung haben Rim in ihrem Dorf einen Ruf verschafft. Mehrere Frauen, insbesondere aus ihrer eigenen Familie, sind zu ihr gestoßen. "Die Mundpropaganda ist in dieser Gegend sehr wirkungsvoll. Sehr schnell bin ich in ganz Tozeur bekannt geworden und die Leute kamen zu mir um Bestellungen aufzugeben. Das hat mich ermutigt weiter zu machen ... Ich wusste, ich war auf dem richtigen Weg".

Um ihre Kunst bekannt zu machen hat Rim angefangen an Ausstellungen und regionalen und nationalen Messen teilzunehmen. "Heute bin ich eine unumgängliche Persönlichkeit auf Festivals die dem Süden gewidmet sind". Bevor sie offiziell den Verein von Hazoua zum Erhalt des Kulturerbes gründete, hat Rim eine kleine interdisziplinäre Gruppe gebildet, bestehend aus Kunsthandwerkern, aber auch aus Musikern und Dichtern. "Ich versuche eine Reise durch die Zeit und zum Herzen der Wüste anzubieten - in einer netten Show, in der Musik und Dekor sich ergänzen, Kochkunst und Kleidung".

Der kleine Samen hat sich in einen Obstbaum verwandelt. Rim, die zu Anfang ihres Abenteuers alleine dastand, steht jetzt einem Verein von 250 Kunsthandwerkerinnen vor, nicht zu reden von den Musikern und Dichtern, die sie auf ihren Reisen durch das Land begleiten. Einheit macht stark. Diese Frauen, von denen die meisten keine Arbeit hatten, bevor sie dem Verein beigetreten sind, bilden jetzt eine harmonische, solidarische und starke Gruppe. Der Verein wird auch immer bekannter. "Es ist meine Pflicht meinem Dorf gegenüber, diese Frauen zusammen zu führen und ihnen die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Arbeit gibt es hier nur wenig und die Möglichkeiten sind begrenzt. Wir müssen zusammen halten, um unser Leben zu verbessern".

Heute hat Rim zwei Zielsetzungen: sie möchte ein Atelier aufbauen, in dem alle Frauen des Vereins Platz finden und sie möchte ihre Kunst auf dem internationalen Markt bekannt machen.