Dar Ben Gacem Leben in der Medina von Tunis

Aus grenzenloser Begeisterung für ein über 300 Jahre altes Haus in der Medina stellte Leila Ben Gacem im Rahmen der Wirtschaft des Teilens und Tauschens ein Zulieferernetz auf, das aus einer stattlichen Zahl von Reiseleitern, Kunsthandwerkern, Fahrern, Blumengärtnern, Malern, Webern und Keramikern besteht. 

“Tränen haben mich überkommen als ich zum ersten Mal dieses alte Haus sah. Von einer Gemütsbewegung getrieben, musste Ich sofort einsehen, dass es zu meiner beinahe patriotischen Pflicht gehört, das besagte Haus zu erwerben und restaurieren zu lassen. Und siehe da: das Haus stand tatsächlich zum Verkauf. Ursprünglich gehörte es einem gewissen Ahmed Anoun, einem Parfümhersteller in Souk El-Attarine. Das Haus gab zwar immer noch einen Wohlgeruch von sich, doch baumässig stand es wirklich in einem Verfallszustand. Das einzige Problem dabei war , dass ich kein Geld hatte”, so vertraute sich Leila Ben Gacem mit Tränen in den Augen uns an, diesen denwürdigen Tag aus dem Jahre 2006 in Erinnerung rufend, an dem sie auf das, was ihrem Leben Sinn verleihen wird, blickte.

Es galt ein Ansehen aufzubauen

Es sah in Wirklichkeit so aus als ob ihr ganzes Dasein darauf ausgerichtet wäre, sowohl ein solches symbolträchtiges Haus wiederholt aus der Taufe zu heben als auch eine Menge kleiner Berufe, die den Lebensrhythmus in der Medina wieder aufleben lassen.

Aus dem Cap Bon im tunesischen Norden stammend, wuchs Leila Ben Gacem im Ausland auf. Sie besuchte nämlich den Kindergarten in den USA, und ihre Kindheit hatte sie in den Vereinigten Arabischen Emiraten verbracht. Sie kehrte dann in die Vereinigten Staaten zurück, mit dem Ziel ein Hochschulstudium zu absolvieren und hier erlangte sie einen Diplomingenieur in Biomedizin. Ihr Stammland Tunesien verliess sie bereits als dreijähriges Mädchen, um dann im Alter von 22 jahren dorthin zurückzukehren. Ihre Brüder und die eine Schwester blieben jedoch im Ausland. Wahrlich war es eine schwierige Zeit für sie: sie musste einen harten Anpassungsprozess bestehen, psychisch bedingte Schwierigkeiten sowie Sprachumstellung machten sich auch bemerkbar. Nichtsdestotrotz gelang es ihr sich darin zu bewähren, um am Ende einen Posten beim Gesundheitsministerium zu bekleiden, obwohl dieser ihrem akademischen Qualifikationsniveau nicht entsprach. Allerdings müsste sie als in den USA ausgebildeter Ingenieurin zwangsläufig Aufmerksamkeit auf sich ziehen, und deswegen wurde sie tatsächlich unmittelbar durch HP Medical Tunisie angeworben.

Danach lief alles wie geschmiert für sie - man genehmigte ihr eine vierjährige Arbeitserlaubnis in Deutschland: “Die hier gesammelten Erfahrungen waren in sozialer und beruflicher Hinsicht von großem Nutzen für mich, zumal ich wieder als biomedizinale Ingenieurin praktizieren durfte. Eigentlich ging es aufwärts mit meiner Karriere, und dennoch fühlte ich mich schuldig meinem Stammland meine in einer Multinationale gesammelten Berufserfahrungen nicht zur Verfügung gestellt zu haben. In Tunesien habe ich eine Beratungsfirma namens ‘Blue Fish’ gegründet und an verschiedenen Fachtagungen teilgenommen, die durch die Firma CEPEX sowie durch verschiedene Handelkammer und andere Verbände organisiert wurden. Zu dieser Zeit wurde ich mit einer Beratungsaufgabe beauftragt, ein Exportprojekt zugunsten von acht Kunsthanwerkern durchzuführen.” So erinnerte sich Leila Ben Gacem.

“Ich scheute den Sprung ins Wasser nicht”

Damit es jenen acht Kunsthandwerkern gelingt in das Exportgeschäft Fuss zu fassen, bildete Frau Leila Ben Gacem zu diesem Zweck Arbeitsgruppen, um konkrete Punkte bezüglich der Erschliessung von Absatzmärkten zu behandeln. Inzwischen bot sich eine neue Gelegenheit an: Es ging nämlich darum, ein Projekt in den Arabischen Emiraten zugunsten von Frauen durchzuführen, welche Kunsthandwerk betreiben und allerdings zurückgezogen im Lande Dubai mit seinen immensen Disparitäten leben. Nach der Erfüllung dieser ihrer Aufgabe legte sie einen mit vielen Empfehlungen und Ratschlägen versehenen Bericht vor.

“Zwei Jahre später, im Jahre 2009, wurde ich berufen jenes Dubaiprojekt zu leiten. Und noch einmal musste ich mich darauf buchstäblich stürzen und mich in Ortschaften begeben, die auf gar keiner Landkarte zu finden sind. Um jene Frauen ausfindig zu machen, musste ich an alle Türen klopfen, Wohnzelte in der Wüste betreten… Ich wollte unbedingt Weberinnen finden! Ich erinnere mich an eine Frau unter ihnen, die auf meine Anwesenheit in dieser Gegend, weit weg von den Wolkenkratzern der Stadt, überrascht reagierte: “Die Besucher - sagte sie - , die vor Ihnen hier auftauchten, kamen einzig und allein des Erdöls wegen”. Durch eine solche vertrauliche Mitteilung angespornt, ist es dann mir binnen 5 Jahren gelungen, das Projekt zu verwirklichen, das ein einheimisches Markenerzeugnis ‘Sougha’ trägt, unter welchem die handwerklichen Produkte jener Frauen abgesetzt warden konnten. Die Gelder für den Erwerb des Hauses Ben Gacem stammen übrigens aus meinen Honoraren als Projektleiterin.”

Ein Konvergenzpunkt

Drei Jahre zuvor, d.h. im Jahre 2006, und obwohl sie über kein eigenes Geld verfügte, konnte Leila das alte Haus doch kaufen, und zwar dank des Einsatzes ihres Bruders, der für sie großzügigerweise einsprang und die Kaufsumme für das Haus vorstreckte, damit sie ihr Vorhaben schrittweise aber sicher Wirklichkeit werden lassen konnte. In Dubai nahmen die Dinge ein rasendes Tempo an, und von hier aus mussten mehrere Einzahlungen an die Adresse ihres Vaters getätigt werden, damit er die Renovierungsarbeiten am alten Haus weiterhin beaufsichtigen konnte.

“Ich scheute keinerlei Mühe, um meinen Willen durchzusetzen, nämlich das Haus einen Werbeträger werden zu lassen, um unserem Stolz auf unsere althergebrachte Architektur Ausdruck zu verleihen. Hinzu kommt, dass durch dieses Haus ja Arbeitsplätze geschafft werden können. Ich wollte auch dadurch unsere ausländischen Gäste, die Tunesien wahrhaftig als Konvergenzpunkt erleben möchten, in Erstaunen versetzen und begeistern… Wir haben in architektonisch- technischer Hinsicht alles Nötige getan, um dem originalen Bauplan dieses 300 Jahre alten Hauses akribisch genau Folge zu leisten. In diesem Zusammenhang war die uns seitens der ‘ Vereinigung zur Rettung der Medina’ (ASM: Association de Sauvegarde de la Medina) gewährte Unterstützung von ausserordentlicher Bedeutung. Dank ihrem Einsatz gelang es mir, hochqualifizierte Architekten und Kunsthandwerker auszuwählen”, erklärte Leila Ben Gacem.

Man musste in die 70 cm dicken Wände Wasserverteilungsröhre, Heizungsröhre, Stromkabel sowie Röhre für die Sanitäreinrichtungen in den 7 Zimmern und in den Nebenräumen hineinlegen. Sicher hatte der Umbau vier Jahre gedauert, dafür aber darf Leila künftig das Frühstück im Anrichtezimmer, Abendessen auf Bestellung anbieten, einen Konferenzsaal , Fahrdienst etc… zur Verfügung stellen… Sie baute einen Lieferantennetz auf der Basis der Wirtschaftsform des Teilens und Tauschens auf, an dem viele Reiseleiter, Kunsthandwerker, Fahrer, Blumengärtner, Maler, Weber und Keramiker beteiligt sind. Gemeinsam mit der ASM möchte Leila Ben Gacem, dass die Gesamheit kulturgeschichtlicher Bauten sich einer Verjüngungskur unterziehen müssen , um sie vor dem Verfall zu retten, und damit sie an Lebensdynamik nichts einbüssen, so dass sie am Ende zu pulsierenden Lebenszentren werden.

“Wenn ich in der Kasbah (Stadtbefestigungsanlage) und am Eingang der alten Medina stehe, kommt es mir vor als ob ich durch die Geschichte hindurch schlendern würde. Wieviele Menschen vor uns sind hier entlang spazieren gegangen, und wieviele andere nach uns werden dasselbe tun und erleben. Nach der Revolution ist keine Ausrede mehr erlaubt. Man kann klein beginnen, an sich selbst nicht zweifeln, Vertrauen zu seinem Lande haben, und Chancen nicht verpassen. Diese ist eine Geisteshaltung, die mehr wert als Geld ist !”, sagte sie am Ende mit lächelnd.