Tasawar Curatorial Studios © Goethe-Institut

TASAWAR Curatorial Studios

Über die Kunst des Kuratierens in Tunesien.
 


Seit September 2019 ist ein neues Projekt des Goethe-Instituts Tunesien auf dem Weg. TASAWAR Curatorial Studios ist ein postgraduales Studienprogramm, das in Tunis stattfindet. Monatliche Workshops, die so genannten "Studios", bilden den Kern des Programms. Sie werden ergänzt durch eine Reihe von off- und online Coworking-Einheiten. Das einjährige Studienprogramm ist ein Angebot für Künstler*innen, Kurator*innen und Kunstvermittler*innen sowie Kulturproduzen*innen, die die kuratorische Tätigkeit in ihre Praxis integrieren wollen.
Tasawar ws
 
"Bislang gibt es in Tunesien nur eine überschaubare Anzahl von Museen, Kunst- oder Kulturvereinen und Galerien, die zeitgenössische Kunst präsentieren", sagt Andrea Jacob, Direktorin des Goethe-Instituts Tunesien. "Wir beteiligen uns mit diesem Programm an den aktuellen Entwicklungen in der zeitgenössischen Kunst und den laufenden lokalen Diskussionen über neue und einzigartige Ausstellungsformen, und wir hoffen, dadurch das Engagement für zeitgenössische Kunst in der Region nachhaltig zu fördern."

Ab September 2020, startet TASAWAR II zum ersten Mal mit einer Gruppe von internationalen Teilnehmer*innen. Die monatlichen Module von TASAWAR II bestehen aus einem online Modul, einem onsite Modul (Moving Between Languages) und einem onsite Expert*innen Workshop. Die onsite Aktivitäten werden dokumentiert und mit den internationalen Teilnehmer*innen virtuell geteilt. Das Programm für TASAWAR II kann hier abgerufen werden.
 
Wir gratulieren herzlichst unseren Teilnehmer*innen: Alexia Alexandropoulou, Sara Alhindi, Chourouk Amouri, Rania Atef, Safa Attyaoui, Ines Baccouche, Mohsen Bchir, Nejma Ben Boubaker, Syrine Bettaleb Ali, Samira Bouabana, Houari Bouchenak, Amal Bouzid, Salsabil Chellali, Hela Djebbi, Mouna Djebbi, Nesrine Elamine, Famkje Elgersma, Mohammed Oussama Houij, Kenza Jemali, Nadia Jmal, Zeineb Kaabi, Farouk Kamoun, Elham Khattab, Nadia Mounier, Daniela Nofal, Sarah Marie Schmidt, Abdo Shanan, Pia Stengl, Florence Vieira und Huda Zikri. Das transnationale Kollektiv umfasst hauptsächlich Teilnehmer*innen aus Tunesien, aber auch aus Algerien, Ägypten, Frankreich, Deutschland, Schweden, Griechenland und Syrien.


 

  • Das Programm 
Die Studios setzen sich Vorlesungen, Diskussionen und Trainings zusammen, die sich auf die Entwicklung und Förderung von Schlüsselkompetenzen für inhalts- und konzeptorientierte Ausstellungsgestaltung beziehen. Über das gesamte Studienjahr sind drei Praxisfelder integriert, eines ist ein kollektives Forschungsprojekt zu zeitgenössischer Kunst in Tunesien und Nordafrika, zwei weitere sind Kunst-im-Kontext-Projekte. Ergänzt wird das Programm durch Aktivitäten wie dem Besuch von künstlerischen Ateliers und laufenden Ausstellungsprojekten oder durch informelle Netzwerkveranstaltungen beim Mittag- oder Abendessen. "Es ist sehr schön zu sehen, wie sich die Initiative des Goethe-Instituts in wenigen Monaten mit Leben gefüllt hat", sagt Bettina Pelz, die Kuratorin und Leiterin des Programms.
  •  Die Entwicklung des Programms 
Die international agierende Kuratorin, Autorin und Hochschullehrerin Bettina Pelz entwickelte das Konzept und das Programm auf der Grundlage ihrer Erfahrungen, die sie in den letzten Jahren in Tunesien gesammelt hat. Ihr kuratorischer Fokus auf Kunst-im-Kontext-Projekte prägt das Curriculum. In den Händen von Emily Sarsam vom Goethe-Institut Tunesien wurde aus der Idee ein Programm. Über den Sommer 2019 bewarben sich mehr als 60 Teilnehmer*innen, von denen 32 ausgewählt wurden. Sie haben Kunst-, Design- und Architekturstudien oder Geistes-, Sozial- oder Naturwissenschaften studiert, oder sie arbeiten im Personalwesen oder im Marketing. Einige haben die Hochschulen gerade erst verlassen, andere sind in zeitgenössischen Kunst- oder Kulturprojekten aktiv, manche sind selbst Hochschullehrer*innen, die meisten von ihnen leben in Tunis.
  •  Der transdisziplinäre Ansatz 
Ziel des Programm ist es, die vorhandenen Kenntnisse und Fähigkeiten der Teilnehmenden zu integrieren und sie für die Entwicklung eines breiten Spektrums kuratorischer Ansätze zu nutzen. "Kuratorische Praxis ist immer transdisziplinär", sagt Bettina Pelz: "Und in diesem Sinn profitieren sehr von den vielen unterschiedlichen Expertisen der Teilnehmer*innen.“ Im Rahmen eines Studios kann sich die Rolle der Teilnehmer*innen von der einer Expert*in in dem einen Thema zu einer Anfängerin in einem anderen Bereich wandeln. Dieser Wechsel fördert Toleranz und Flexibilität. Teilnehmer*innen lernen in wechselnden Rollen und Konstellationen, Sprachen oder Medien zu navigieren, oder Probleme einzeln oder im Tandem, in einer Kleingruppe oder im Plenum zu lösen. Die Vielfalt der Interaktionsformate hat zu einer sehr produktiven Gruppendynamik geführt, und auch zu einer starken Lernsolidarität zwischen den Teilnehmenden.
  •  Die Lernumgebung 
Gemeinsam erkunden die Teilnehmer*innen die regionale Kunstszene, diskutieren über die Bedingungen zeitgenössischer Kunst auf dem afrikanischen Kontinent und fragen nach den Verbindungen zu arabischen und Mittelmeerländern sowie nach Best-Practice-Beispielen weltweit. Zu den Diskussionen gehören auch die Evaluation verschiedener kuratorischer Positionen oder die Analyse des konzeptionellen Rahmens von Museen oder Galerien. Die Recherchen beziehen sich sowohl auf Festivals und Biennalen als auch auf Kunst im öffentlichen Raum oder soziokulturelle Projekte. "In den TASAWAR Studios diskutieren wir über zeitgenössische Kunst, hinterfragen kuratorische Praktiken und Trends in den künstlerischen Fragen des 21. Jahrhunderts. Diese Diskussionen bringen Themen ans Licht, die hochinteressant sind, die ich aber allein nicht in Angriff genommen habe. Ich wüsste schlicht nicht, wo ich anfangen sollte", beschreibt es eine der Teilnehmer*innen, Louise Baranger.
 
  •  Die Expert*innen 
Regelmäßig kommen lokale und internationale Expert*innen wie Künstler*innen, Kurator*innen, Kunstvermittler*innen oder Kulturaktivist*innen in die Studios, um ihr Wissen zu teilen, um über ihre Praxis zu berichten und um ihre Erfahrungen zu diskutieren. Auf dem Programm stehen vor allem Protagonist*innen aus dem afrikanischen Kontinent und der MENA-Region. Der polyvokale Ansatz zielt darauf ab, die Teilnehmenden zu ermutigen, ihren individuellen theoretischen und praktischen Rahmen für zukünftiges kuratorisches Handeln zu entwerfen. "Nach jedem Studio sieht meine Denkweise ein wenig anders aus", sagt Teilnehmerin Salma Kossemtini: "Ich denke, die TASAWAR Studios sind wichtig für meine Entwicklung als junge Kreative. Es hat mich dazu gebracht, meine Ziele zu hinterfragen und meine Perspektive verändern. Es hilft mir, neue Wege in mir selbst und in meiner professionellen Praxis zu beschreiten".
  •  Die Treffpunkte 
Um das Wissen über die lokale Kunstszene zu vertiefen, findet jedes Atelier in einer anderen Umgebung statt. Dies ermöglicht es, verschiedene Qualitäten von Räumen und hier angewandte konzeptuelle Ansätze zu studieren. Die Teilnehmer*innen treffen diejenigen, die diese Orte kuratieren, sie erhalten Einblick in das Wie-Was-Geht, und können verstehen, welche Ressourcen notwendig sind. Bisherige Gastgebende waren in  der Innenstadt von Tunis das GOETHE-INSTITUT und die Kunstgalerie CENTRAL, in der Medina der MINASSA Coworking Space, in La Marsa die Bibliothek MILLE FEUILLES und in Sidi Bou Said die SCHULE FÜR ARCHITEKTUR UND URBANISMUS (ENAU) und das kulturhistorische Museum ENNEJMA EZZAHRA. Aufgrund der globalen Gesundheitskrise wurde das Programm März 2020 auf ein wöchentliches Online-Studienprogramm umgestellt.
  •  Die Sprache 
Zu den weiteren Besonderheiten des Programms gehört der ständige Wechsel zwischen den Sprachen. Entsprechend der internationalen Ausrichtung des Studienprogramms ist Englisch die gemeinsame Sprache des Projektes, und damit stellt sich auch kontinuierlich die Frage der Übersetzung. "Als Tunesier*innen sind wir an französische oder englische Begriffe gewöhnt, wenn es um zeitgenössische Kunst geht. Im Rahmen des TASAWAR-Projekts nehmen wir das tunesische Vokabular genauer unter die Lupe und wollen es gegebenenfalls erweitern", sagt Kurator Aymen Gharbi, der das Modul "Moving between Languages" leitet. Die Diskussionen und Ergebnisse werden in einem mit dem Programm wachsenden Glossar dokumentiert. "Der ständige Wechsel zwischen den Sprachen vertieft nicht nur die individuelle Sprachkompetenz, sondern ermöglicht auch eine kritische Reflexion der internationalen Terminologien und Codes", sagt Bettina Pelz.
  •  Die Aufgaben und Werkzeuge 
Im Laufe des Studienjahres müssen die Teilnehmenden Interviews führen und dokumentieren, Ausstellungskonzepte entwickeln und kuratorische Stellungnahmen verfassen, Vorträge vorbereiten und mit Kunstvermittlung experimentieren. Das Programm umfasst auch grundlegende Werkzeuge des Projektmanagements von der Tabellenkalkulation für die Budgetplanung bis zur Gestaltung von Websites. "Nach und nach verstehe ich, wie jede Entscheidung in einem kuratorischen Projekt, sei es in Bezug auf das künstlerische Konzept oder den ausgewählten Ort, in Bezug auf die technischen Mittel oder auf die Art und Weise der Kunstvermittlung immer auch eine Budget-Entscheidung ist, und auch umgekehrt, wie jede Budget-Entscheidung immer auch Auswirkungen auf die Kunst hat", beschreibt es Syrine Siala, eine der Teilnehmenden. Der gesamte Prozess des Projekts spiegelt sich auf der TASAWAR Website, die als interaktiver Treffpunkt fungiert. Es handelt sich um eine Online-Lernplattform, die die Profile der Lehrenden und Lernenden zeigt, die Pläne für jedes Studio und die damit verbundenen Aufgaben auflistet, die programmspezifische und kulturelle Aktivitäten in Tunesien archiviert, die ein Verzeichnis der bevorstehenden kuratorischen Projekte enthält und die Links zu den Social-Media-Kanälen des Programms aufmacht. "Mit dem medienübergreifenden Ansatz des TASAWAR Programms waren wir gut auf die Online-Zusammenarbeit vorbereitet, wie wir sie jetzt in Zeiten der Corona-Krise brauchen. Wir mussten unser Programm modifizieren; jetzt treffen wir uns jede Woche online", sagt der Teilnehmer Imen Bahri. "Als Lehrende an einer Kunstschule muss ich meine digitalen Werkzeuge ständig aktualisieren, und auch dafür ist TASAWAR eine gute Quelle.“
  •  Die Antwort auf die weltweite Corona-Krise 
Während der Zeit der Kontakt- und Reisebeschränkung werden die monatlichen Studios in wöchentliche Webstudios, Labors und Workshops umgewandelt. Der Übergang zu einem Online-Projekt ermöglichte es der Gruppe, internationale Studierende aus anderen kuratorischen Programmen oder junge Kurator*innen zur Teilnahme einzuladen. Seit März 2020 gibt es sechs internationale Teilnehmer*innen aus Frankreich, Deutschland, Griechenland und Slowenien sowie aus Kanada, Mexiko und den USA. Die tunesische Teilnehmerin Chiraz Mosbah genießt die internationale Zusammenarbeit: "Mit den vielen ungleichen Hintergründen und unterschiedlichen Erfahrungen im Rahmen dieses Programms zusammenzukommen entsteht eine großartige Gelegenheit für einen bereichernden und fruchtbaren Austausch". Und Katja Štesl aus Ljubljana kommentiert: "Es ist wirklich wunderbar, Teil dieses Projekts zu werden. Es fehlt an Projekten wie diesen, die eine solche Form der Bildung ermöglichen. Es geht um den Austausch von Ideen, aber auch um die vielen Zeitfragen, die während und wegen der Treffen immer wieder wichtig werden, so können wir als Individuen und als internationales Kollektiv wachsen. Und dieses Projekt teilt nicht nur wichtige Wissensbestände, sondern es fördert auch eine professionelle Haltung gegenüber der zeitgenössischen Kunst. Und was noch wichtig ist: Bei TASAWAR gelingt, dass wir uns gehört fühlen und wir spüren, wie wir durch kollektives Engagement gesellschaftlich relevant werden können. Diese gemeinsame Erfahrung führt zu einer innigen Verbindung zwischen uns allen.“
  •  Die Pläne 
Teil der laufenden Diskussion ist die Frage, wie auf die Auswirkungen der globalen Gesundheitskrise reagiert werden kann und was mit den beiden gemeinsam geplanten Ausstellungsprojekten geschehen soll. Das Ausstellungsprojekt MATTER OF TIME auf dem Gelände des kulturhistorischen Museums ENNEJMA EZZAHRA war für April 2020 geplant, und das internationale Lichtkunstprojekt INTERFERENCE in der Medina von Tunis war für September 2020 geplant. "Der Blick auf das überdurchschnittliche Engagement aller Beteiligten zeigt, dass diese Lernumgebung auch in diesen unsicheren Zeiten zu vielen schönen neuen Projekten führen wird", kommentiert Emily Sarsam den bisherigen Erfolg des Projekts. "Dieses erste TASAWR-Programm läuft bis September 2020, und derzeit prüfen wir die Möglichkeiten, eine zweite Auflage anzubieten, die vielleicht sogar von einem regionalen Netzwerk ausgerichtet werden könnte."