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In den Ferien freiwillig in die Schule

Mit Comics gegen Gewalt und Extremismus?
Goethe-Institut Tunis / Hamza Bennour

Viele von ihnen hatten anfangs gar nicht so viel Lust – oft überredeten die Lehrkräfte die Schülerinnen und Schüler, während ihrer Ferienzeit an Comic-Workshops über Gewalt und Radikalismus des Goethe-Instituts teilzunehmen. Bereut hat es jedoch keiner von ihnen – im Gegenteil: Eine Schülerin setzte sich begeistert zu Hause sogar noch bis um 3 Uhr nachts des Folgetags an ihren Comic.

Insgesamt veranstaltete das Goethe-Institut im Oktober und November drei Comic-Workshops für jeweils rund zehn Schülerinnen und Schüler an tunesischen Internatsschulen in Tunis, Kairouan und Tozeur. Anders als beispielsweise in Deutschland richten sich die Internate in Tunesien vor allem an Schülerinnen und Schüler, die auf Grund der weiten Entfernung ihres Wohnorts nur täglich in die Schule gehen können, wenn sie dort auch übernachten. Vor einem dieser Internate im tunesischen Tozeur saß der Grundschüler Mehdi am ersten Tag des Comic-Workshops – weil er gehört hatte, dass dort irgendetwas mit Comics stattfinden wird. Er durfte natürlich ebenfalls mitmachen.

Alle Jungen und Mädchen haben nach zwei Tagen einen eigenen Comic gezeichnet. Goethe-Institut Tunis / Hamza Bennour

Das erste Mal: Comics

Viele andere der teilnehmenden Mädchen und Jungs kannten das Genre Comics zuvor gar nicht: Die Bildergeschichten sind in Tunesien, vor allem im Süden des Landes, nur kaum verfügbar. Und wenn sie doch zu finden sind, dann zu hohen Preisen. „Am Anfang hatten die Schülerinnen und Schüler keine konkrete Vorstellung davon, was Comics sind. Sie konnten nicht zwischen Bildergeschichten, Zeichentrickfilmen, Illustrationen und Karikaturen unterscheiden“, so Nouha Habaieb, Künstlerin, Comic-Zeichnerin und Leiterin des Workshops. Die Schülerinnen und Schüler kennen zwar alle Superhelden wie Superman – aber eher aus Filmen und von Merchandise-Produkten und wussten erst nicht, dass sie ursprünglich aus Comics kommen.

Keine ausgedachten Geschichten

So ging es auch Slima, Schüler am technischen Gymnasium in Makthar, einer Kleinstadt im Nordwesten Tunesiens. Er hatte zunächst keine Vorstellung von Comics und war zudem leicht verunsichert, als er erfuhr, dass er die Bildergeschichte selbst illustrieren sollte. „Da ich nicht gut zeichnen kann“, fügt er hinzu. „Es hat sich dann aber herausgestellt, dass ich doch zeichnen kann“, sagt der Schüler der dritten Klasse weiter und lacht.
Nouha Habaieb ist Künstlerin, Comic-Zeichnerin und Leiterin des Workshops. Goethe-Institut Tunis / Hamza Bennour


Sein Comic handelt von einer Geschichte über Gewalt und Diskriminierung. Ein Junge, dessen Eltern geschieden sind, lebt unter miserablen und gewaltvollen Bedingungen, die sich negativ auf seine schulischen Leistungen ausgewirkt haben. Schließlich bricht er die Schule ab und rutscht daraufhin in die Kriminalität ab – und landet im Gefängnis.
 
Die meisten Geschichten haben sich die Kinder und Jugendlichen nicht frei ausgedacht, sondern entspringen ihrem Erfahrungshorizont – in den Comics werden beispielsweise Rivalitäten zwischen Clans an Schulen, Gewalt von Lehrkräften und Schul-Aufsichtspersonen, Liebe und Drogenkonsum thematisiert.

Gleicher Ablauf, unterschiedliche Resultate

Die drei Workshops liefen dabei immer nach dem gleichen Muster ab: Zunächst werden Erwartungen an die gemeinsamen zwei Tage gesammelt sowie über Gewalt und Radikalismus aus den Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler heraus debattiert. Anschließend geht es um alles, was zu Comics dazu gehört – beispielsweise Figuren, Sprechblasen und die Aufteilung des Blattes. Erst dann sollten die Schülerinnen und Schüler erste eigene Skizzen anfertigen. „Uns ist vor allem wichtig, dass sie nicht unbedingt gut zeichnen können, sondern viel Wert auf den Gesichtsausdruck legen“, sagt Hamida Chaouch, Projektmitarbeiter am Goethe-Institut.
Jungen und Mädchen lernen und zeichnen gemeinsam. Goethe-Institut Tunis / Hamza Bennour


Auch wenn das Programm der Workshops gleich war, die Resultate waren sehr verschieden: Während es in den Comics der Schülerinnen und Schüler in Tunis vor allem um alltägliche Formen der Gewalt wie Diebstahl ging, wurde im südlicheren Kairouan und Tozeur eher Extremismus thematisiert. In einem Comic eines Schülers in Kairouan ist die Hauptperson ein Junge, dessen Familie nicht genug Geld hat, um Schulbücher zu kaufen. Vor der Schule trifft dieser Junge, dessen Eltern geschieden sind, auf einen Salafisten, der ihm Geld für Schulbücher verspricht. Als Gegenleistung muss der Junge einen Angriff auf einen Polizisten starten – dabei wird er erwischt, verurteilt und verhaftet. Im Gefängnis lernt der Junge einen Sozialarbeiter kennen, der sich für die Leserin oder den Leser dann überraschenderweise als Vater des Jungens herausstellt. Sein Vater kümmert sich in seinem Beruf zwar um Andere, aber privat nicht wirklich um seine eigene Familie – ebenfalls eine wahre Geschichte.

Erwachsene unerwünscht

Nach Halima Fakraoui, Koordinatorin des Schülerwerks in Kairouan, zielen die Workshops vor allem darauf ab, gegen jegliche Form von Gewalt und Extremismus in Bildungseinrichtungen vorzugehen. „Als wir Schritt für Schritt das Thema Gewalt und Extremismus ansteuerten, ging dies den Jungen und Mädchen sehr nahe“, berichtet Nouha Habaieb, die nach ihrem Studium der bildenden Künste in Belgien nach Tunesien zurückkehrte. Laut der Comic-Zeichnerin hatten die Schülerinnen und Schüler viel darüber zu erzählen. Wenn während des Workshops zu viele Erwachsene im Raum waren, dann war sofort ein leichtes Unbehagen seitens der Schülerinnen und Schüler zu spüren, offen über ihre Probleme zu sprechen.

Ein geeignetes Instrument zur Sensibilisierung

Comics seien ein wirksames Instrument zur Sensibilisierung von Menschen, ob jung oder alt, weiß die Trainerin Nouha Habaieb, die auch Autorin von Kinderbüchern ist. Drei bis vier Comic-Seiten würden ausreichen, um viele thematische Aspekte erzählerisch zu bewältigen. Darüber war auch die 16-jährige Schülerin Oumeyma am Gymnasium Makther ganz erstaunt: „Ich hätte nicht gedacht, dass man durch Bildergeschichten viele Sachverhalte und Themen bildlich-erzählerisch darstellen kann, wie beispielsweise das Thema Gewalt und Extremismus“, berichtet sie. Das Schöne an den Workshops des Goethe-Instituts ist auch, dass Jungs und Mädchen gemeinsam lernen und zeichnen konnten.
Alle gezeichneten Comics werden am Jahresende in einer Gesamtpublikation gedruckt. Goethe-Institut Tunis / Hamza Bennour


„Obwohl sich die Schülerinnen und Schüler vorher nicht kannten, haben sie sich sofort in die Arbeit gestürzt und konnten uns und sich selbst mit ihren kreativen Produktionen begeistern“, erzählt Anouar Mahroumi. Der Lehrer für Sozialkunde am Gymnasium Haffouz weiß, dass die Comic-Workshops Teil eines breiter angelegten, vom Goethe-Institut 2017 gestarteten Projektes Gewaltfreie Schule ist. Das Projekt startete zunächst zum Thema “gegen Gewalt und Extremismus und für mehr Toleranz an Schulen“ mit einem Film-Workshop. „Als Fachberater habe ich in sämtlichen bislang durchgeführten Veranstaltungen eine grundlegende und wirksame Veränderung im Schulmilieu und bei allen Teilnehmenden aus unterschiedlichen Lernstufen, Internaten und Schultypen wahrgenommen“, so Anouar Mahroumi weiter.

Nach den erfolgreichen Comic-Workshops versichert auch Halima Fakraoui, Koordinatorin des Schülerwerks in Kairouan, „dass wir im Regierungsbezirk Kairouan einen Schulclub für Bildergeschichten auf die Beine stellen werden – mit der Zentralaufgabe, jegliche Form von Gewalt mit Bildern zu bekämpfen.“ Auch Schülerin Oumeyma wünscht sich einen Comic-Club an der Schule. „Der Workshop hat mir so gut gefallen, dass es mir jetzt schon schwer fällt, ihn hinter mir zu lassen“, sagt sie.

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