E-Books und Bibliotheken Eine Erfolgsgeschichte?

Frank Simon-Ritz
Frank Simon-Ritz | Foto (Ausschnitt): © Leo Pompinon

Bibliotheken in Deutschland verleihen immer mehr E-Books. Goethe.de sprach mit Frank Simon-Ritz, dem Vorsitzenden des Deutschen Bibliotheksverbandes (dbv), über die Entwicklung.

Herr Simon-Ritz, 2012 boten knapp 600 öffentliche Bibliotheken deutschlandweit über das vorherrschende Leihsystem „Onleihe“ rund 600.000 E-Books an; diese wurden über 2,5 Millionen Mal ausgeliehen. 2009 umfasste der Bestand erst knapp 200.000 digitale Bücher, die rund 250.000 Mal ausgeliehen wurden. Wie schätzen Sie die positive Entwicklung der E-Books-Nutzung durch Bibliotheken ein?

Das ist nicht unbedingt ein Thema, das nur die Bibliotheken betrifft. Es stellt sich grundsätzlich die Frage: Wie setzt sich das E-Book als neues Medium, als neuer Datenträger kulturell durch?

In den USA beispielsweise ist die Verbreitung von E-Books deutlich höher als in Deutschland. Hierzulande lag der Umsatzanteil am gesamten Buchmarkt 2012 bei etwa 2,4 Prozent – im Jahr zuvor waren dies jedoch erst 0,8 Prozent.

Es zeichnet sich ab, dass es auch weiterhin hohe Zuwachsraten geben wird, weshalb das E-Book als Medium und als Datenträger eine immer wichtigere Rolle einnehmen wird. Dieser Trend spiegelt sich auch in Bibliotheken wider, wo E-Books zum selbstverständlichen Angebot dazugehören und auch sehr gut nachgefragt werden.

Nachbildung der analogen Welt

Zum Verständnis: Wie werden E-Books durch Bibliotheken verliehen?

In Bibliotheken findet beim Verleih von E-Books etwas statt, was eine Nachbildung der Vorgänge in der analogen Welt ist: Die Ausleihe ist zeitlich befristet und mit einem entsprechenden Zeitstempel versehen.

Als Bibliotheksnutzer habe ich das digitale Buch meist für zwei Wochen entliehen und besitze für diese Zeit eine Zugangsberechtigung. Über sie erhalte ich den Zugriff auf einen externen Server, wo ich das E-Book mit einem beliebigen Endgerät herunterladen kann.

Die meisten Bibliotheken arbeiten mit der Firma Divibib zusammen, die bei den Verlagen die Lizenzen für E-Books verhandelt und diese über das „Onleihe“-System zur Verfügung stellt. Über ein sogenanntes Digital Rights Management wird das digitale Dokument geschützt, es kann also nicht unrechtmäßig verbreitet werden.

Haben E-Books Vorteile gegenüber dem Buch?

Die Diskussion über E-Books sollte unseren Blick dafür schärfen, dass es nicht entscheidend ist, ob das Buch auf Papier gedruckt und in einen Einband gebracht wurde. Das Buch an sich ist etwas Immaterielles. Bücher sind Inhalte und kein Stück Papier. Es geht überhaupt nicht darum, mit der Nutzung von E-Books dem Buch den Todesstoß zu versetzen: Es gibt eine neue, digitale Ausgabeform, und es gibt weiterhin gute und schlechte Bücher. Ob die nun gedruckt oder digital verbreitet werden, ist absolut zweitranging. Das E-Book stellt überhaupt keine Gefahr für das Buch dar.

Gefahr für den Bildungsauftrag

Inwiefern sehen Sie kommerzielle Verleiher als Konkurrenz für die öffentlichen Bibliotheken?

Es gibt derzeit vier kommerzielle Verleiher. Sie gehen davon aus, dass beim E-Book das Kaufen nicht mehr unbedingt die Vorzugsoption ist. Denn vielleicht will es der Leser gar nicht für immer und ewig auf seinem Tablet-PC haben, möglicherweise genügt ihm bei manchen Büchern eine zeitlich befristete Zugangsberechtigung.

Natürlich ist der kommerzielle Verleih ein Modell, das Ähnlichkeiten mit dem der Bibliotheken hat. Aber es besteht ein gravierender Unterschied: Die Bibliotheken kommen ihrem gesellschaftlichen Auftrag nach, der darin besteht, für die breite Öffentlichkeit, ganz unabhängig von sozialer Schicht und Einkommen, einen Zugang zu Information, Wissen und auch zu Unterhaltung zur Verfügung zu stellen. Derzeit verweigern einzelne Verlage den Bibliotheken die Lizenzierung von E-Books. Das aber stellt den Bildungsauftrag von Bibliotheken in Frage.

Bibliotheken animieren zum Weiterlesen

Die Verleger befürchten Umsatzeinbrüche, wenn E-Books in Bibliotheken verliehen werden und der Leser dann vielleicht auf den Kauf des Buchs oder E-Books verzichtet. Können Sie diese Sorge nachvollziehen?

Ich habe den Eindruck, dass in der kulturellen Debatte „Buch versus E-Book“ die Ausleihe in Bibliotheken ein Unterthema ist. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer: Die Verlage werden nicht daran zugrunde gehen, dass Bibliotheken E-Books zum Verleih anbieten.

Wir führen momentan eine Diskussion, die der Diskussion in den Sechzigerjahren entspricht, als es um den Verleih von Büchern in öffentlichen Bibliotheken ging. Damals glaubte man, dass es der Ruin der gesamten Verlagsbranche sei, wenn niemand mehr ein Buch kauft, das er auch ausleihen kann. So ist es aber nicht gekommen, im Gegenteil: Bibliotheken animieren Menschen zum Weiterlesen, was oft dazu führt, dass Lieblingsbücher gekauft werden.

Für Bibliotheken ist jedenfalls ganz klar, dass sie nur dann modern und zeitgemäß sind, wenn sie auch digitale Medien zur Verfügung stellen können. Wenn ihnen das verwehrt bleibt, verwandeln sie sich zu Büchermuseen.

Gesetzliche Regelung notwendig?

Welchen Ausweg aus der Diskussion mit den Verlagen sehen Sie?

Nach der Debatte aus den Sechzigerjahren wurde letztlich durch eine Änderung des Urheberrechtsgesetzes festgeschrieben, dass Bibliotheken das Recht haben, jedes in Deutschland erscheinende Buch zu erwerben und ihren Nutzern zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig wurde eine Bibliothekstantieme eingeführt, mit der über Verwertungsgesellschaften eventuelle finanzielle Einbußen von Autoren ausgeglichen werden. Ich fürchte, wenn es aktuell nicht zu einer verbindlichen Einigung lizenzrechtlicher Art zwischen Bibliotheken und Verlagen kommt, wird es kaum einen anderen Weg geben, als dies gesetzlich zu regeln.

Der dbv schlägt in diesem Zusammenhang eine E-Book-Tantieme vor, um das Verleihprivileg von Bibliotheken mit einer zusätzlichen Abgabe abzugelten.

Ihr Fazit: Sind E-Books und Bibliotheken eine Erfolgsgeschichte?

Ich bin davon überzeugt, dass E-Books und Bibliotheken eine Erfolgsgeschichte werden, weil die moderne Bibliothek zunehmend von elektronischen Medien geprägt sein wird.