Theaterumbau Bühne frei!

Theater und Flüchtlinge
Theater und Flüchtlinge | Foto: Lutz Saure

Wie Deutschlands Kulturschaffende ihre Theater umbauen - zu Willkommenszentren, Suppenküchen und einer großen neuen Saga der Entrechteten.

Es gibt einen Raum am Ende eines schmucklosen langen Flures des Schauspielhauses in Dortmund, Raum 4.5 im vierten Stock, da saßen vor einigen Wochen zwei Dutzend kluger Leute zusammen und diskutierten über ein Symbol. Es ging um einen Lastwagen aus Bochum, es ging um das Theater und eigentlich ging es dabei um eine sehr große Frage: Wie sollen, wie können, nein mehr noch: wie müssen Kulturschaffende in Deutschland mit der vielleicht größten Völkerwanderung Europas seit dem Zweiten Weltkrieg umgehen? Welche Rolle spielen sie bei der Bewältigung der sogenannten Flüchtlingskrise? Und ja: In welcher Verantwortung stehen die deutschen Theater dabei auch?

Seit im Herbst 2015 die Geschichte der Flucht zum europäischen Hauptgegenstand geworden ist, kann kein Theater mehr diese Fragen ignorieren. Die Antworten darauf sind allerdings äußerst unterschiedlich - und so langsam werden sie auch ungemütlich.
Sophie Diesselhorst hat sich die Mühe gemacht, diese Entwicklungen an den Theatern sehr präzise zu verfolgen. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen bilanzierten auf dem Theaterportal nachtkritik.de seit dem Herbst 2015 penibel, was Theater konkret tun, um sich der Fluchtthematik zu stellen.

In diesem kurzen Sommer der Willkommensrufe, die ja rasch verstummten, rissen sich die Theater förmlich um die großzügigsten Hilfsangebote: das Südthüringische Staatstheater in Meiningen veranstaltete Bürgersalons zum gegenseitigen Kennenlernen, das Berliner Ensemble verschenkte Theaterkarten für Flüchtlinge und unterstützte Flüchtlingsunterstützer, das deutsche Schauspielhaus in Hamburg und das Deutsche Theater in Berlin öffneten Geflüchteten als Notunterkünfte ihre Türen. Knapp 80 solcher und ähnlicher Maßnahmen zählte die Liste von Diesselhorst und ihrem Team - kaum ein Theater, das nicht auch in dieser Liste auftauchen wollte.
Aber Moment mal: Ist das denn die Aufgabe der Theater - die Gegenwart zu behandeln, in dem sie sie so nah, vielleicht viel zu nah, an sich heran lässt? Und wenn die Theatermacher auf Sozialarbeit umsteigen, was bedeutet das dann für ihre Theaterarbeit? Es dauerte nicht lange bis die romantische Ambition, theatrale Herbergen für Bürgerkriegsflüchtlinge zu bieten, den Selbstzweifeln wich.

Und so diskutieren Regisseure, Dramaturgen und Intendanten in Deutschland derzeit wild über eine Frage: Wo ist, überspitzt gesagt, an deutschen Theatern der richtige Ort für den Flüchtling? Schon die Frage zeigt, dass das Verhältnis zwischen Theatern und den neuen Nachbarn kein ganz einfaches, kein ganz normales ist: Dass es einen Bedarf gibt, diesen Flüchtlingen, diesen Fremden also, ihren Ort zuzuweisen. Wie komisch das schon klingt.

Und so melden sich die ersten Stimmen derer zu Wort, die selbst über Fluchterfahrung verfügen und nun Tipps geben für deutsche Regisseure. Als Ende Januar hunderte Dramaturgen in Berlin den 60. Geburtstag der Dramaturgischen Gesellschaft feierten, schrieb die Künstlerin Tania Canas den Dramaturgen einige Empfehlungen ins Stammbuch und notierte „Zehn Punkte für Künstler*innen, die mit Geflüchteten arbeiten wollen”. So stand da zum Beispiel: “Unser Kampf ist keine Gelegenheit, unser Körper keine Währung, auf der Du Deine Karriere aufbauen kannst.”
Und: „Wir sind keine Ressource für Dein nächstes künstlerisches Projekt.”
Und: „Reduziere uns nicht auf ein Thema.”

Was bedeutet das aber, wenn der Theaterkeller nicht mehr nur ein Schlafplatz für Asylsuchende sein oder bleiben soll, sondern wenn, was ja angesagt wäre, nun die Bühne mehr und mehr freigeräumt wird, um auch und gerade dort die zahlreichen Konflikte und Dilemmas zu verhandeln, die mit der humanitären Krise und Geschichte der Flucht einhergehen?
Eine Antwort darauf ist das Dokumentarische Theater. Es konzentriert sich darauf, Momente des Erzählens zu ermöglichen. Es will Geflüchtete, die ihre Stimmen erheben, zu Zuhörern führen - und umgekehrt.

In Düsseldorf gründet sich derzeit ein Bürgertheater für Staatenlose. Das ist schon deshalb eine reizvolle Idee, weil bereits das Grundprojekt einen Konflikt aufzeigt und eine Ermächtigung verspricht: Bürger, das sind doch eigentlich die mit den Bürgerrechten. Bei Staatenlosen und jenen Hunderttausenden, die derzeit kommen, sieht es damit aber mau - und künftig in Deutschland wohl noch mauer - aus. Ihr Theater, sagen die Initiatoren, soll daher ein Theater der Zuflucht werden.

Es war ein Tag im September 2015, da stand auf dem Hans-Schalla-Platz vor dem Schauspielhaus in Bochum plötzlich ein kleiner Lkw. Der Lastwagen glich jenem, in dem kurz zuvor 71 Menschen bei ihrer Flucht gen Deutschland elendig verendet waren. Diese Geflüchteten wurden, versperrt im Ladecontainer, tot auf einem Autobahnstandstreifen gefunden. Und an diesem Tag in Bochum, nur wenige Tage nach dem Unglück, stellten sich plötzlich 71 Bochumer Theaterinteressierte in einen baugleichen Lkw. Sie wollten nachempfinden wie es sich wohl anfühlt, in einer so beengenden Situation zu sein. Es war dramatisch und manche weinten. Allerdings gab es für sie bei diesem Schauspiel keine Todesgarantie.
Dieses Beispiel zeigt auf, wie schwer es ist, aus einer Realität heraus, die brutal ist, gefühlvoll zu inszenieren.

Und da wurde den Regisseuren und Dramaturgen aus ganz Deutschland, die über den Lastwagen von Bochum, das Theater und seine Verantwortung einige Wochen später im Raum 4.5 im vierten Stock im Schauspielhaus Dortmund reflektierten, klar: Das kann es nicht sein. Oder zumindest: Das kann nicht alles gewesen sein. Und nun inszenieren sie sorgsam und sie schreiten langsam und fragend voran.