Interview mit Marian Dörk „Visualisierungen machen die Dynamik einer Bibliothek sichtbar“

Epochen und Sparten – Deutsche Digitale Bibliothek Visualisiert
Epochen und Sparten – Deutsche Digitale Bibliothek Visualisiert | Foto (Screenshot) © fh-potsdam.de

Nicht nur in digitalen Bibliotheken leben die Schätze, die auf ihre Nutzer warten, oftmals im Verborgenen. Professor Marian Dörk erläutert, wie Visualisierungen dabei helfen können, Bestände sichtbarer zu machen.

Herr Dörk, Sie forschen über die Visualisierung kultureller Daten, also deren Veranschaulichung mit grafischen Mitteln. Was ist das Ziel solcher Visualisierungen?

In den letzten Jahren wurde viel Geld und Zeit in die Digitalisierung von Kulturgut investiert. Das Ziel unserer Forschung ist nun, die reichhaltigen und umfangreichen digitalen Bestände sichtbarer und damit besser verfügbar zu machen. Auch jemand, der nicht genau weiß, wonach er sucht, soll in den Beständen von Museen, Archiven und Bibliotheken stöbern und dabei auf Interessantes, Inspirierendes oder Informatives stoßen können. Bestenfalls kann er dabei ganz unterschiedliche Perspektiven auf diese Sammlungen einnehmen.

Muster und Tendenzen aufzeigen

Wenden sich diese Visualisierungen an Experten?

Marian Dörk Marian Dörk | Foto (Ausschnitt) © Henrik Hagedorn Ursprünglich haben sich Datenvisualisierungen ausschließlich an Experten – beispielsweise Wissenschaftler oder Analysten – gerichtet. Seit etwa 2011 beobachten wir aber eine Popularisierung in diesem Bereich. Eine treibende Kraft sind die Medien, die gezielt Datenjournalismus betreiben, um komplexe Sachverhalte zu vermitteln. Visualisierungen wenden sich also heute vermehrt an den interessierten Laien.

Wie können Bibliotheken Visualisierungen einsetzen?

Bibliotheken können mit Visualisierungen zum Beispiel auf die Breite und Vielfalt ihres Bestandes hinweisen. In einem Projekt für die Deutsche Digitale Bibliothek (DDB) sind wir der Frage nachgegangen, wie man die zeitliche, räumliche und thematische Spannbreite des riesigen Bestands sichtbar machen kann und wie man zugleich Muster oder Tendenzen erkennbar werden lässt.

Die Grafiken, die dabei entstanden sind, wirken recht komplex…

Ja, tatsächlich sind sie eher für den Fachdiskurs in der Digitalisierungs-Community. Diese Makroperspektiven distanzieren uns ein Stück weit vom Bestand. Doch der ist im Fall der DDB ja auch sehr, sehr groß. Es gibt aber auch Beispiele für einen dezidiert spielerischen, ästhetisch einladenden Zugang. Im Projekt Bohemian Bookshelf von Kolleginnen aus Calgary werden etwa Bücher entsprechend der Farbe ihres Covers oder ihrer Dicke arrangiert. Das ist ein scheinbar banaler Zugriff auf den Bestand, der in dieser Mehrdimensionalität jedoch ganz unterschiedliche Benutzergruppen und deren Präferenzen ansprechen kann.

Online und vor Ort

Sind die Visualisierungen vor allem in der digitalen Welt zu finden?

Nicht nur! Es gibt auch vielfältige Möglichkeiten, Visualisierungen im Gebäude der Bibliothek unterzubringen. Mehrere Visualisierungen wurden 2004 an der Ausleihtheke der Seattle Public Library angebracht, die nicht nur darauf hingewiesen haben, welche Bücher es in der Bibliothek gibt. Es wurden an den Ausleihstationen auch Statistiken dazu gezeigt, wie viele Bücher an einem Tag ausgeliehen wurden, von welchen Autoren und mit welchen Themen.

In der SLUB in Dresden werden Echtzeitvisualisierungen über die Zugriffe auf den Bestand in der Bibliothek projiziert. Was ist deren Mehrwert?

Solche Visualisierungen machen die Dynamik der Bibliothek sichtbar – und schaffen so ein Bewusstsein für die Bibliothek als komplexen lebendigen Körper.


Gibt es auch Beispiele, wo Visualisierungen im digitalen und realen Raum zusammenwirken?

Ja! An der University of Technology in Sydney hat der Künstler Chris Gaul anhand der Dewey-Dezimalklassifikation für die inhaltliche Erschließung von Bibliotheksbeständen sogenannte Bibliotheksspektrogramme entwickelt. Er hat Farben für die unterschiedlichen Kategorien von Büchern vergeben. Dabei entspricht die Breite der Farbbänder der Anzahl der Bücher. Die Farben wurden an den Regalen angebracht, sie werden bei der Wegführung durch die Bibliothek genutzt und wurden auch in den Onlinekatalog integriert. Das ist eine sehr schöne, einfache Idee, mit der man die Verteilung von Büchern im Bestand digital und im realen Raum sichtbar machen kann.

Für jede Art von Bibliothek

Sehen Sie das Thema Visualisierungen eher in wissenschaftlichen oder öffentlichen Bibliotheken?

Sowohl als auch – aber mit unterschiedlichen Schwerpunkten. In öffentlichen Bibliotheken geht es vielleicht primär darum, Interesse für den Bestand zu triggern. Der Besucher fragt sich: Was gibt es hier Neues? Was nehme ich mit in den Urlaub? Da ist das Interesse an zufälligen, aber glücklichen Entdeckungen groß. Dieser Aspekt spielt zwar auch in den wissenschaftlichen Bibliotheken eine Rolle, aber dort sind die gezielten Rechercheprozesse zentraler. Hier könnte mit Visualisierungen verdeutlicht werden, wie Autoren, Themen und Stichworte zusammenhängen, um eine systematische Suche zu unterstützen. An beiden Fronten kann die Visualisierung einen wertvollen Beitrag leisten.

Marian Dörk ist Forschungsprofessor für Information, Visualization & Management an der Fachhochschule Potsdam. Er forscht im vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekt Visualisierung kultureller Sammlungen (Vikus) an neuen Möglichkeiten, das kulturelle Erbe online visuell zugänglich zu machen.