Park-Bibliotheken Veränderung durch Lesen

Besucher können mehr über die Gemeinde in der Rocinha Bibliothek erfahren.
Besucher können mehr über die Gemeinde in der Rocinha Bibliothek erfahren. | Foto: Fábia Prates

Inspiriert von kolumbianischen und französischen Vorbildern entstanden in Rio de Janeiro Park-Bibliotheken, an Orten, an denen es sonst kaum kulturelle Angebote gibt.

Die Freizeitgestaltung der zwölfjährigen Zwillinge Melissa und Yasmin da Cruz de Melo hat sich radikal verändert, und ihre Schulleistungen wurden deutlich besser, seit sie Ende 2015 nach Rocinha zogen, Rios größte Favela mit 70.000 Bewohnern in einfachsten Behausungen, umgeben von Rios Nobelvierteln der „Zona Sul“. Auf Anregung ihrer Eltern, einem Omnibus-Kassierer und einer arbeitslosen Hilfsarbeiterin, kamen sie in Kontakt mit der 2012 eingeweihten Park-Bibliothek und besuchen sie seitdem durchschnittlich drei Mal pro Woche.

Das 1,6 tausend Quadratmeter große Gebäude mit Bibliothek, Videothek, Film- und Theatersaal, einem gemeinschaftlichen Internetraum und anderen Einrichtungen auf fünf Stockwerken ermöglichte den Schwestern den Zugang zu Internet, das sie zu Hause nicht haben, und zu Filmen, die sie nirgendwo sonst sehen können. Vor allem aber bietet sich ihnen hier eine Vielfalt an Büchern, die es in der öffentlichen Schule, die sie besuchen, nicht gibt.

Die Begeisterung war sofort da. Woche für Woche nehmen die beiden nun Bücher nach Hause. Mehr als 70 hätten sie seit Ende vergangenen Jahres bereits gelesen, sagen sie. „Wenn eins fertig ist, fangen wir das nächste an“, erzählt Melissa. Und beide sagen, ihre Schulleistungen hätten sich dadurch verbessert. „Ich setze die Kommas nun besser“, sagt die eine. „Früher bekamen wir sechs oder sieben Punkte von zehn in Portugiesisch, heute sind es acht oder neun“, fügt die andere hinzu, während sie sich aufmachen, mit ihrer vierzehnjährigen Freundin Lerryen in der Videothek im ersten Stock einen Film anzuschauen. Auch Lerryen interessiert sich allmählich für Bücher. „Früher hatte ich dafür nicht so viel übrig“, gesteht sie.

Zwei Stockwerke höher bestätigt die Mutter der Zwillinge, Luciana Alaide Melo, 42, was die Mädchen erzählen. „Sie lesen mehr Bücher und bekommen bessere Noten in der Schule“, sagt sie und schaut von einer der Terrassen aus der zehnjährigen Jüngsten beim Arbeiten am Computer zu. „Ohne die Bibliothek wären sie um diese Zeit nur zu Hause.“

Aufwertung von Räumen

Bibliothek in Rio de Janeiro. Internetraum der Rocinha Bibliothek: die Mehrheit der User hat keinen Zugang ins Netz von zu Hause aus. | Foto: Fábia Prates Angeregt von Erfahrungen aus Medellín und Bogotá in Kolumbien, sowie dem Bibliothekennetzwerk in Frankreich, wurde das Projekt der Park-Bibliotheken vor neun Jahren vom Kulturministerium des Bundesstaates Rio de Janeiro ins Leben gerufen, mit dem Ziel, einen innovativen Ort für Bildung, Freizeitgestaltung und Kultur in bisher vernachlässigten und bedürftigen Gegenden des Bundesstaates zu schaffen und über solche Aktionen strategische Räume in Gegenden zu besetzen, die in hohem Maß von Gewalt geprägt sind, sowie damit zu einem Nachdenken und zur Aufwertung dieser Orte anzuregen. Heute gibt es in Rio de Janeiro drei Park-Bibliotheken - eine in Manguinhos, einer von Gewalt geprägten Gegend am Stadtrand, eine in Stadtzentrum und die erwähnte in Rocinha - sowie eine vierte im benachbarten Niterói.

Vera Schroeder, Superintendentin für Leseförderung und Wissensvermittlung im Kulturministerium, sieht eine positive Reaktion der Gesellschaft. Die Einrichtungen werden von sehr unterschiedlichem Publikum frequentiert. Das Gebäude in Rocinha, auf dem Gelände einer früheren illegalen Abtreibungsklinik, wird vor allem von Kindern und Jugendlichen besucht. Viele von ihnen, wie der zwölfjährige Fabrício Alves, kommen wegen Internet, das sie zu Hause nicht haben, viele andere sind aber auch der Faszination des Lesens erlegen. Bevor es die Bibliothek gab, musste Fabrício in Internet-Cafés Geld für das Surfen bezahlen.

Rückzugsort in der Stadt

Die Biblioteca Parque Estadual im Stadtzentrum dagegen wird unter anderem von Obdachlosen und vielen Halbanalphabeten besucht. „Es ist uns gelungen, das gesamte Team zu trainieren, um all die unterschiedlichen Leserschichten der Bibliothek bedienen zu können“, sagt Schroeder.

Aber es gibt auch die Welt der Universitätsstudenten und Postgraduierenden, die den Ort zum Studieren oder auch zur Freizeitgestaltung aufsuchen. Tatiana Lima, 37, die in Kommunikationswissenschaften promoviert, entdeckte den Ort als Refugium, als sie an ihrer Magisterarbeit schrieb. „Das Ambiente ist unglaublich. Es gibt Raum zum Studieren, Klimaanlage, Licht und Ruhe. Ich habe eine Umgebung gefunden, in der ich gut arbeiten kann“, erzählt sie.

Unterschiedliches Klientel

Bibliothek in Rio de Janeiro Blick auf Rocinha von der Bibliothek aus. | Foto: Fábia Prates Die Lehrerin Noélia Rodrigues, ebenfalls Doktorandin, kommt regelmäßig mit ihrer neunjährigen Tochter in die Bibliothek in der Stadtmitte. „Auffällig ist die soziale Mischung hier. Das ist großartig, weil von Studenten über Straßenbewohner bis zu Freiberuflern alles dabei ist. Es ist heutzutage nicht leicht, an einem einzigen Ort so viele unterschiedliche soziale Schichten gemeinsam zu finden“, stellt sie fest.

Als das Projekt geplant wurde, ging es darum, mindestens eine Park-Bibliothek in jede Region Rio de Janeiros zu bringen, also 15 Einrichtungen über den gesamten Bundesstaat verteilt, davon zehn im Hinterland. Die Wirtschaftskrise hat das Projekt nicht nur verlangsamt, sondern auch Unsicherheit ausgelöst über die Zukunft der bereits bestehenden, funktionierenden Einrichtungen, die gut angenommen werden. Fast 360.000 Besucherinnen und Besucher haben die vier Park-Bibliotheken zwischen Januar und Juni 2016 gezählt.

Die für die Park-Bibliotheken verantwortlichen Behörden verhandeln derzeit über die Verlängerung von Verträgen mit anderen öffentlichen Institutionen und suchen gleichzeitig neue Partnerschaften, um ihr Programm aufrechterhalten zu können. Außer der Erhaltung der bereits existierenden Strukturen ist eine Ausweitung in Rios Umland, die Baixada Fluminense, sowie in andere Städte im Bundesstaat geplant. Aufgrund der wirtschaftlichen Lage ist die Zukunft des Projekts allerdings ungewiss.