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​​Interview mit Louisa Marie Summer

 Frauenbilder – Kadın Portreleri
Frauenbilder – Kadın Portreleri | Foto © Mehmet Arslan Güven

Interview mit Louisa Marie Summer anlässlich ihrer Ausstellung „Frauenbilder - Kadın Portreleri“ im Goethe-Institut Ankara.

Von Kristijan Miksche

Louisa, kannst du etwas über deine Herkunft, Familie und den Weg in die Fotografie erzählen?

Ich bin in München geboren und aufgewachsen und habe nach wie vor ein sehr gutes Verhältnis zu meiner Familie. Mein Vater, ein leidenschaftlicher Hobbyfotograf, hat mich zur Fotografie gebracht. Meine erste Kamera bekam ich mit 9 Jahren, zur Erstkommunion. Mein erstes fotografisches Projekt war die Facharbeit zum Abitur; die Dokumentation einer alten Prachtstraße in München. Meine Ausbildung absolvierte ich zunächst an der Staatlichen Fachakademie in München mit einer Facharbeit über Jugendkultur in Georgien, danach machte ich den Master of Fine Arts an der Rhode Island School of Design in den USA.
 
Was fasziniert dich?

Am meisten treibt mich die Neugier auf die Welt, auf andere Menschen und Kulturen und ihre Lebensweisen. Manchmal, wenn ich fotografisch unterwegs bin, geht es soweit, dass ich mich frage, `wo ist mein eigenes Leben, oder lebe ich gerade das der Anderen‘? Das Fotografieren ist wie ein Motor um Neues zu erleben, es öffnet mir so viele Türen.
 
Ist denn diese Trennlinie zwischen deinem und dem Leben Anderer die größte Herausforderung?

Wenn ich fotografiere, ist es wichtig, dass es diese Linie nicht gibt, um das Vertrauen des Anderen zu bekommen, dass er/sie sich öffnet und zeigt, wie er/sie ist, so wie wenn ich nicht da wäre. Dies erfordert großes Einfühlungsvermögen und Respekt dem Anderen gegenüber.  Teilweise habe ich das Gefühl, ich verschwinde hinter der Kamera. Es ist ein schönes Kompliment, wenn die Leute sagen: „Du bist da, aber irgendwie auch nicht in den Bildern“.
 Foto © Mehmet Arslan Güven Was sind die Verbindungspunkte zwischen dir und den Menschen und Themen, die du fotografierst?

Viele Fotografen sprechen von diesem Dreieck Subjekt-Fotografin-Betrachter. Jeder Betrachter geht als Individuum an das Bild heran. Ich habe aufgehört zu erwarten, dass Leute meine Bilder so sehen, wie ich sie sehe. Mir ist die Beziehung zwischen Fotografin und dem Subjekt am wichtigsten, weil ich darauf mehr Einfluss habe. Es ist zentral, dass sich die Person wohl fühlt. Da kommt mir sicher mein Enthusiasmus zu Gute. Man muss auch viel probieren. Natürlich ist es oft eine Überwindung, eine Gruppe anzusprechen, aber ein Foto entsteht, wenn man es denn auch entstehen lässt. Spontanität ist angesagt.
 
Was hat dich nach Ankara gebracht?

Lacht. Der Anruf der Goethe-Institutsleiterin Eva Marquardt. In New York hatte ich einige tolle Freunde aus der Türkei. Vor Ort habe ich die Menschen einfach als herzensgut und hilfsbereit kennengelernt. Ich habe das Gefühl, es gibt hier ein anderes Zeitmanagement als in Deutschland.
 
Ist Ankara wie erwartet?

Vieles schon, ja. Das Groß- und Hauptstadtgefühl ist absolut spürbar, immer ist was los, immer kann man was unternehmen. Architektonisch habe ich mir nicht die schönste Stadt erwartet, aber es zählt ja das Innere. Das Innere sind die Menschen und von denen bin ich sehr angetan.
 Foto © Mehmet Arslan Güven Was hattest du vorab erwartet und wie hat sich das Projekt entwickelt?

Zunächst war das Projekt breit gefasst: Stadt, Land, Mensch. Mir wurde aber gesagt, dass hier vieles erst bei einer Tasse Tee oder Kaffee entsteht. Also war meine Absicht, mich vor Ort inspirieren zu lassen. Es war allerdings schwieriger als gedacht, richtig einzutauchen und das Thema zu bestimmen. Das hängt auch mit den sehr unterschiedlichen Menschen und Phänomenen hier zusammen. Ich bin offen für alles, das Schöne ist ja gerade, dass man auf das reagiert, was man vorfindet und erlebt. Da setzten wir dann den Schwerpunkt auf Frauen und davon ausgehend auf den Puls der Stadt und ihre verschiedenen Facetten. Frauen sind der Quell allen Lebens, wir lassen uns von ihnen leiten: als Mütter, Frauen, Mitmenschen. An ihnen zeigen sich eindrücklich Kontraste und Kontroversen, die überall, auch in Ankara und der modernen Türkei bestehen.
 
Was verbindet dich mit den Frauen hier?

Mehr als man manchmal denken würde. Ich habe viele starke Frauen kennengelernt, die auch so manches Leid teilen. Eine hat so schön gesagt: „Strong women are lonley“. Da habe ich kurz innegehalten. Das trifft es irgendwie ganz gut. Da ist man irgendwie Einzelkämpferin, als Mann scheint es normal, wenn man viel arbeitet und seinen Job macht. Als Frau bekommt man da schnell ein negatives Etikett verpasst. Man will es nicht, aber man nimmt es in Kauf. Eine Frau im Projekt erzählte, sie hatte sich von ihrem Mann getrennt, weil sie zu sehr unter seinem Druck stand. Sie möchte nicht alleine bleiben, sondern einen Mann, der ihr ebenbürtig ist und sich nicht eingeschüchtert fühlt, wenn sie eine gewisse Unabhängigkeit wahren möchte. Da ist wohl kein Unterschied zu mir oder anderen Frauen in Deutschland.
 
Was hat dich hier berührt?

Die Stadtentwicklung, die Gecekondus und die Schicksale, die dahinter stecken. Die großen Unterschiede zwischen einzelnen Stadtvierteln und Menschen.
 
Und was überrascht?

Die lebendige Outdoor-Kultur, die Cafés mit offenen Dächern. Vieles spielt sich draußen ab, und dass es hier so viele interessante Parks gibt, obwohl viele sagen, es sei hier nicht grün. Aber das liegt wohl an der die Stadt umgebenden Steppe. Es hat mich schon beindruckt, wie Ankara aus dem Boden gestampft wurde. Verwunderlich ist, dass es so wenig Altes gibt, es fehlt mir ein bisschen die alte Seele. Und wenn es doch ältere Viertel gibt, wie jenes um die Zitadelle, wirken sie nicht wie der Kern, sondern irgendwie exotisch innerhalb dieser Stadt.
 
Was möchtest du mit dieser Ausstellung erreichen?

Ich würde gerne eine Ausstellung machen, die auch für die Einheimischen hier interessant ist, dass sie auch etwas mitnehmen können. Sei es etwas von meiner Sicht auf Ankara, auf Frauen und das Leben hier oder dass sie vielleicht neue Facetten ihrer eigenen Stadt entdecken.

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