Band des Monats Mor ve Ötesi

Mor ve Ötesi
Mor ve Ötesi | Foto: Mor ve Ötesi

Die türkischen Rockband Mor ve Ötesi ist eine der bekanntesten in der Türkei. Anfang 1995 taten sich die Schulfreunde Kerem Kabadayi (Schlagzeug), Harun Tekin (Gesang und Gitarre), Derin Esmer (Gesang u. Gitarre) und Alper Tekin (Bass) in Istanbul zusammen, um Musik zu machen, ein Jahr später schon erschien ihr erstes Album "Şehir". Seitdem wurde die halbe Mannschaft ausgetauscht. Mit dem neuen Bassisten Burak Güven und dem Gitarristen Keren Özyegen brachte die Gruppe sieben weitere Alben auf den Markt. Anna Esser sprach mit dem Sänger Harun Tekin über die Band und ihre Musik.
 

Wie fing alles an mit Mor ve Ötesi?

Eigentlich fing alles in der Deutschen Schule Istanbul an, als Mitschüler bei mir in der Klasse mit Tippex-Stiften auf ihre Deutschbücher schlugen. Es sah so aus, als hätten sie Spaß dabei. Also haben wir 1991 eine Hiphop Band gegründet, wir nannten uns “Sram”, „Investigators of Sound, Rap and Music“. Zwei Jahre später dann begannen wir mit Rockmusik. Wir haben hart gearbeitet, viel und lange geübt und geprobt. Unsere Band nannte sich „Decision“ und wir coverten englischsprachige Rockbands. 1995 entschieden wir uns dann, eigene Lieder zu schreiben. Wir gründeten im Januar 1995 Mor ve Ötesi, da waren wir in der 11. Klasse.

Ein Jahr später ist dann schon euer erstes Album erschienen …

Ja. Damals waren sieben unserer acht Stücke auf Englisch. Mit ihnen gingen wir dann zu Sony. Sie hörten sich alles an und sagten: ja, ganz schön, aber das ist auf Englisch, das verkauft sich in der Türkei nicht, auf Wiedersehen. Das stachelte unseren Ehrgeiz an. Wir gingen zu Ada Müzik, die sich Mitte der Neunziger entschieden hatte, Newcomer zu unterstützen, vor allem Rockbands. Der Chef von Ada Müzik willigte ein, unser erstes Album „Sehir“ erschien. Aber dann trafen wir die beste Entscheidung, die wir überhaupt treffen konnten: Wir nahmen zwei weitere Lieder auf Türkisch auf. Das ermöglichte uns dann einige Konzertauftritte.

Die späteren Alben waren ganz auf Türkisch?

Bis auf das erste waren alle auf Türkisch.

Es muss ganz anders sein, wenn man plötzlich in seiner Muttersprache singt.

Ja. Wir standen ja unter dem Einfluss englischsprachiger Musik. Deshalb versucht man ganz automatisch, etwas Ähnliches auf Türkisch hinzubekommen, was aber wegen der Prosodie, also der Beziehung zwischen den Texten und der Melodie, nicht funktioniert. Es hört sich dann an wie ein Engländer, der versucht, auf Türkisch zu singen. Ich habe einige Jahre gebraucht, um das zu verstehen und es anders hinzubekommen. Aber jetzt, denke ich, klappt es ganz gut. Außerdem gibt es ein ganz anderes Selbstbewusstsein, wenn man in der eigenen Sprache singt, es ist natürlicher. Und es geht ja nicht nur um die Bedeutung, sondern auch um Assoziationen. Wenn man etwas sagt, dann ist es gut zu wissen, was man wirklich meint.

Eure Texte sind doch immer sehr politisch ...

Nicht immer.

Was heißt das?

Eigentlich handeln unsere Texte viel mehr von Liebe und Beziehung, als von Politik. Alle denken, dass wir politische Musik machen. Es stimmt, wir haben einige Songs, die sehr politisch sind. Aber wenn man das Gesamtrepertoire betrachtet, dann ist das nur ein kleiner Teil. Das Album, mit dem wir in der Türkei erfolgreich wurden, war das von 2004, Dünya Yalan Söylüyor. Es hat sich 270.000 Mal verkauft. Darin gab es einige gesellschaftskritische Stücke, über den Irakkrieg zum Beispiel, den Zustand der Massenmedien oder über die Umweltzerstörung. Dieses Album war eine Ausnahme, aber so ist es bei den Leuten hängengeblieben. Ich finde auch nicht, dass politische Texte ein Kriterium für gute Songs ist. Jedes Lied muss dem Zuhörer Raum geben, den er nutzen kann oder nicht. Wenn das gelingt, dann ist es ein guter Song.

Ihr habt im Sommer im Gezi Park gespielt …

Nicht im Park, aber auf dem Taksimplatz. Die Taksim-Plattform hatte einige Bands zu einem Konzert eingeladen, uns auch. Diese Energie, die wir dort gespürt haben, hatten wir nie zuvor erlebt. Wir haben schon vor weitaus mehr Menschen gespielt, aber das war einmalig. Ich dachte, der Platz explodiert gleich.

Macht ihr ein Lied darüber?

Das geht nicht. Es ist so, wie wenn man jemanden zutiefst liebt. Dieses Gefühl ist besser und schöner, als es ein Song jemals sein könnte. Die Gezi-Zeit war der höchste Ausdruck von Liebe, den ich jemals erlebt habe. Wie also könnte ich ein Lied darüber schreiben? Es würde nicht gelingen. Niemals.
 


Hattet ihr am Anfang eurer Karriere Vorbilder? Wer hat euch beeinflusst?

So viele damals aktuelle türkische Beispiele gab es nicht. Die meisten waren Solokünstler und haben vor dem Militärputsch 1980 sehr gute Musik gemacht, wie beispielsweise Cem Karaca oder Erkin Koray. Unsere Vorbilder kamen aber vor allem aus England oder den USA, wir liebten die Musik von Radiohead oder den Manic Street Preachers. Aber wir wollten unsere eigenen Sachen spielen, nicht nur covern. Das war wohl eine gute Entscheidung.

Gab es irgendwann ein einschneidendes Erlebnis für dich und eure Musik?

Ja. Als wir Mor ve ötesi gründeten, gab es kaum Clubs in der Türkei, wo man Rockmusik hören konnte. Außerdem gab es keine Festivals mit internationalen Künstlern. Kam mal eine Band wie Jethro Tull nach Istanbul, dann war das, als stiege Gott auf die Erde herab. Anfang des Millenniums fanden dann zum ersten Mal in Istanbul Festivals statt, die einen enormen Einfluss auf die türkische Musikszene hatten. Ich erinnere mich noch an das Gefühl, als ich Suede auf der Bühne sah, die gerade ihren Soundcheck machten. Der Bassist verhaspelte sich einige Male und ich dachte mir: Hey, die sind tatsächlich nicht viel besser als wir. Das hat uns überzeugt, dass wir es schaffen können, wenn wir nur hart genug arbeiten.

Wie geht ihr jetzt, wo ihr erfolgreich seid, damit um?

Wir versuchen, andere daran teilhaben zu lassen. So haben wir zum Beispiel ein eigenes Recordlabel gegründet und veröffentlichten dort die ersten Alben von Newcomerbands. Irgendwann ging das nicht mehr. Jetzt versuchen wir sie zu unterstützen, indem wir zu ihren Proben gehen und Workshops geben. Ich mache Stimmcoaching und habe drei Jahre lang Songwriting in der Istanbuler Bilgi Universität unterrichtet. Wir versuchen einfach, junge Musiker zu unterstützen.

Manche sagen, ihr seid eine Gruppe von wohlhabenden Jungs, die sich den Rockerlook verpasst haben …

Naja, viel Geld hatten wir nicht. Auch jetzt besitze ich fast nichts, kein Auto, kein Flugzeug, nur eine Katze. Unsere Band hat sich nie so sehr um Looks gekümmert. Wir haben uns eigentlich nie darüber Gedanken gemacht, wie ein Rockmusiker auszusehen hat. Wir waren eher Sonderlinge, mit Brillen und seltsamen Klamotten, eigentlich die typischen Losertypen, die eben Musik machen wollten. Daher waren wir auch ziemlich alleine, gehörten keiner Szene an. Wir waren und sind unabhängig, aber immer noch so eine Art Nerd-Band.

Dafür seid ihr ganz schön erfolgreich …

Wir sind eben erfolgreiche Nerd-Rocker …