Künstler zu Gast Die Exotik des Alltäglichen - ein Gespräch mit Angelika Overath

Angelika Overath
Angelika Overath | Phillip Ostrowicz

Angelika Overath ist Reporterin, Schriftstellerin, Literaturkritikerin und Dozentin. An Langeweile wird sie wohl nicht denken, wenn sie sich an ihre Zeit als Stipendiatin an der Kulturakademie Tarabya in Istanbul erinnert.

Sie waren im Winter 2015/ 2016 an der Kulturakademie Tarabya in Istanbul. Hat die Stadt Ihre Arbeit beeinflusst?
 
Zunächst hat die Stadt mich beeinflusst. Istanbul ist heftig, mitreißend, ermüdend, erfrischend, eine Droge.
 
Sie sind Journalistin und Schriftstellerin. Wie viel Realität steckt in Ihren Romanen?
 
Das reine Erfinden interessiert mich weniger. Ich glaube, das kann ich auch nicht so gut. Ich bin neugierig und recherchiere gerne. Dann komponiere ich. Wer meine Romane mit meinen Reportagen vergleicht, kann sofort sehen, dass sie stilistisch verwandt sind. Menschen faszinieren mich, all diese Helden in ihren Lebenszusammenhängen. Ich arbeite viel mit Details, es liegt mir daran, einen Sound zu entwickeln. Und ich hoffe, dass meine Texte eine Erlebnisqualität haben, dass sie intensiv sind. Ich möchte den Leser mitnehmen in die Exotik des Alltäglichen, die er so vielleicht noch nicht gesehen hat.
 
Wie finden Sie die Ideen zu Ihren Texten?

 
Auf der Strasse. Und in der Erinnerung. 
 
Nun schreiben Sie gerade an einem neuen Roman. Können Sie uns schon etwas darüber verraten?

 
Nicht so gern. Das ist zu früh. Vielleicht nur so viel: Es wird um Toleranz gehen, um Toleranz zwischen den Religionen, um Geschlechtertoleranz. Mich interessiert das Verhältnis der Religionen zum Körper. Der Roman wird in Istanbul spielen, im Istanbul der Gegenwart. Und er wird ein Fenster öffnen ins Konstantinopel des 15. Jahrhunderts.
 
Ich habe gehört, dass der Sufi Mystiker und Lyriker Rumi darin vorkommt. Deshalb die Frage: Was hat Rumi mit uns im Westen zu tun?
 
Der Orient, Bilder des Orients, haben den Westen immer fasziniert. Denken Sie etwa an Goethes „West-östlichen Divan“, in dem sich Goethe in Hafis spiegelt. Rumi wurde  von Muslimen, Juden, Christen gleichermaßen verehrt. Seine Liebeskonzeption bleibt frisch. Ich sehe in dieser Aktualität auch einen Ausdruck der Sehnsucht nach Versöhnung. Neben Rumi (oder Mevlana, wie er in der Türkei ja heißt) wird Nikolaus von Kues in meinem Roman eine Rolle spielen. Er war der erste westliche Theologe, der sich intensiv mit dem Koran auseinandergesetzt hat. Nikolaus von Kues und Rumi – das gibt mir die Gelegenheit, westliche und östliche Mystik zu vergleichen, in ihrer Verschiedenheit, aber auch in der gemeinsamen Auffassung, dass der Mensch nicht zu sehr auf sein Ich fixiert sein sollte. Das Absehen vom Ego, von der Zielstrebigkeit, vom Projektemachen, das war ja für westliche Philosophen und Schriftsteller generell ein faszinierender Grundzug ‚orientalischer’ Kultur.
 
Was nehmen Sie mit aus Istanbul?
 
Das Heimweh einer Fremden.
 
Was lassen Sie da? Was wünschen Sie der Stadt?

 
Neue Freunde lasse ich da. Und ich wünsche der Stadt, dass  ihr Charme weiterwirkt. Trotzalledem. Ich habe eine unglaubliche Herzlichkeit in Istanbul erlebt, von ganz verschiedenen Menschen. Und letztlich verstehe ich die Hysterie um die Anschläge nicht. Statistisch sterben in Istanbul pro Jahr 1.800 Menschen im Straßenverkehr!  Mir scheint im Augenblick, dass die Angst vor dem Terror das eigentlich Gefährliche ist. Sie ändert uns; sie macht uns verrückt. Dabei wird der Terror noch zunehmen. In allen Metropolen. Wir leben im 21. Jahrhundert; die Kriegsführungen haben sich geändert.