Künstler zu Gast Judith Kuckart: Geschichten laufen mir nach

Judith Kuckart
Judith Kuckart | Foto: Sarkany

Judith Kuckart ist nicht nur Schriftstellerin, sie ist auch Tänzerin und Regisseurin, die regelmäßig an Theatern inszeniert. Anderen laufen die Hunde hinterher, mir die Geschichten, sagt sie. Nach einer Lesung in Istanbul im Januar 2015 wird sie im Herbst am Goethe-Institut Izmir lesen.
 

Sie sind sowohl Schriftstellerin, als auch Tänzerin, Regisseurin und Choreografin …
 
Bevor ich anfing zu schreiben, habe ich Theater gemacht. Tanz und Theater. Nein, ich war ursprünglich nicht Theaterautorin und auch nicht Dramaturgin, was nahe läge, weil ich jetzt schreibe. Ich machte meine Tanzausbildung, brach sie ohne Diplom ab, weil ich mich unwohl fühlte als ziemlich altes Pferd unter fünfzehnjährigen Elfen an der Folkwangschule Essen. Ich wurde rasch engagiert beim Tanzforum Köln – wenn auch nur kurz – und dann beim Choreographischen Theater Heidelberg. 1984 habe ich meine eigene Compagnie gegründet: das Tanztheater Skoronel.
 
Wie kamen Sie dann zum Schreiben?
 
Das Tanztheater leitete ich bis 1998, für das ich bald eigene Texte schrieb. Die stummen Geschichten von Körpern, deren mehrdeutige, aber auch in sich beschränkte Bewegungssprache reichte mir als erzählerisches Element bald nicht mehr aus. Ich fing an zu schreiben. Aus zusammengesuchten Textpassagen wurden eigene Textchen, wurden längere Textstücke, und die Arbeit an den Textstücken wollte irgendwann Arbeit an einem Roman sein. Ab 1991 wurde aus dem täglichen Training um 10.00 Uhr morgens immer mehr der tägliche Gang an den Schreibtisch, um die gleiche Uhrzeit. Bei einer Premiere sah die Besitzerin des S. Fischer-Verlags in Frankfurt die Aufführung. Sie war von der Arbeit so überzeugt, dass sie mich noch am gleichen Abend nach Frankfurt einlud, um mir einen Vertrag für einen Roman anzubieten. Wegen der Textchen, die sie gehört hatte? Das konnte doch nicht wahr sein. Ich kann das, das mit dem Roman, habe ich damals einfach gedacht, mit der gleichen Leichtigkeit und Neugier, mit der ich bei Proben versuchte, eine neue Kombination, eine neue Choreografie zu finden. Ich unterschrieb einen Vertrag für einen Roman, der eigentlich ein Tanzstück werden sollte.
 
Wie verbinden Sie Tanz, Theater und Literatur?

 
Vieles hätte ich nicht so geschrieben, wenn ich nicht davor Tänzerin gewesen wäre. Bei allen Ess-Störungen, Gesundheits - und Altersproblemen, bei allen Karriere-Katastrophen, latenten Melancholien und berufsbedingten Unbedarftheiten gegenüber der Welt - wenigsten bei den Artigen - sind Tänzer besondere Menschen. Tänzer ist man lebenslang. Also ist man lebenslang ein besonderer Mensch. Zu tanzen und getanzt zu haben schafft eine Haltung gegenüber dem Leben, eine innere und eine äußere, die keine andere Berufssparte mit den Tänzern teilt, auch die der Musiker und Schauspieler nicht.
Also steckt im Schreiben das gleiche schöne Versprechen wie im Theater, für mich wenigstens. Wünsche sind potentielle Handlungen, und beide Orte, Bühne und Schreibtisch, bieten eine Plattform, gewünschte Handlung als selbstständige Welt und als starke Behauptung erlebbar zu machen. Denn erlebt ist das, was man gefühlt hat, oder? Menschen anzuschauen und in der Arbeit sie auch für die Arbeit lieben zu lernen, habe ich im Theater gelernt.
 
Was bedeutet Ihnen das Schreiben?

 
Schreiben hatte für mich immer etwas damit zu tun, vom Leben erzählen zu wollen und dabei Gelebtes und Erfundenes zu einem stimmigen Paarlauf zu überreden, mittels Sprache. Schreiben hatte bei mir immer etwas mit Geldverdienen zu tun. Schreiben hat mit Tod zu tun. Wer erzählt, hat eine Frage. Erzählen hat mit Heimat zu tun. Ich glaube, erzählen wollte ich schon immer. Nur wusste ich lange nicht, dass es auf die schriftliche Form hinauslaufen würde.
 
Viele Ihrer Romane drehen sich um den Ausbruch aus Gewohntem und Rückkehr in dieses.
 
Alle Romane von mir beschäftigen sich damit. Da bin ich sicher keine Ausnahme. Auch persönlich beschäftigt mich das Thema,- auch dies keine Ausnahmesituation, weil ich ein Mensch bin.
 
Gerade waren Sie zu einer Lesung im Goethe-Institut Istanbul eingeladen, im Sommer werden Sie auch in Izmir lesen. Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit der Türkei?
 
Im Ballettunterricht, beim Folkloretanz.  Da war ich vielleicht acht oder neun Jahre alt und wir hatten einen großen Ballettabend im einzige Kino der Stadt. Der Lichtburg. Ich tanzte den Matrosentanz/Schweden, den Wiener Walzer, den Holzschuhtanz/Niederlande, den Schleiertanz/Indien. Ich tanzte in roten Stiefeln den Kosakentanz und den Bar, ja Bar, ich glaube so hieß der Tanz, bei dem mir die Musik bekannt vorkam. Unser Gemüsehändler nebenan war türkisch und hörte bei der Arbeit Kassetten. Sein Laden hieß “Spanischer Garten”.
 
Was ist für Sie „typisch türkisch“?

Tee, Kissen, fremde Schönheiten,  Hüzün.
 
Womit beschäftigen Sie sich zurzeit?

Ich schreibe an elf Erzählungen, die sich zu einem Roman verweben sollen, wollen oder auch werden.
 
Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?


Viele! Auf jeden Fall komme ich zurück nach Istanbul.