Künstler zu Gast SubOrient Productions: Transkulturelle Kreativschmiede

SubOrient Productions sind Ipek Ipekcioglu, Jamila Al-Yousef und Begüm Karahan. Das Berlin-based Kollektiv versteht sich als transkulturelle Kreativschmiede mit hohem Diversitätsanspruch in den unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen.

Seit wann gibt es euch? Wie habt ihr zusammengefunden und warum?
 
Jamila Al Jousef: Ich hatte im Juli 2013 durch eine gute Freundin Birgitta Strunk von der Berliner Senatskanzlei kennengelernt, die für internationale Beziehungen mit der MENA-Region verantwortlich ist. Sie lud mich kurz darauf zu einer ersten Brainstorming Runde anlässlich des 25.-jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft Berlin-Istanbul ein, wo verschiedenste Akteure ihre Ideen vorstellten. Aufgrund meiner Erfahrungen mit dem Arab* Underground Projekt auf dem Fusion Festival schlug ich vor, ein Festival in beiden Städten mit Künstler_innen aus der alternativen Szene zu machen und das in Verbindung zu den gesellschaftlichen Entwicklungen zu setzen. Darauf erhielt ich sehr positives Feedback.
Einen Monat später lernte ich dann im Poesiecafé in der Reuterstraße bei einem Konzert des irakischen Sängers Dury de Bagh Ipek Ipekçioĝlu kennen und erzählte ihr von meiner ursprünglichen Idee. Schon in der Woche darauf begannen wir, unsere Gedanken zu einem gemeinsamen Konzept zusammen zu fügen, dass wir dann dem Senat sendeten, welches uns an das Musicboard weiterleitete. Von da an nahm alles seinen Lauf.
Wir entschieden, unsere eigene Eventproduktion namens SubOrient Productions zu gründen: Wir verstehen uns als transkulturelle Kreativschmiede mit hohem Diversitätsanspruch in den unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen. Als Undergroundbewegung ist unser Ziel fernab des Mainstreams, Kulturschaffenden einen Freiraum zu ermöglichen, um sich unabhängig mit sozio-politischen Themen auseinanderzusetzen. Gegenüber dem bisher dominierenden Kanon türkischer, arabischer, kurdischer, armenischer und iranischer Kultur, finden Darstellungen subversiver Kunst und Kultur aus ihrer Perspektive noch zu wenig Beachtung.
 
Was ist das Ziel des "Kolektifs"?
 
1. Alternative Lebens-, Gesellschafts- und Kunstkulturen sichtbar machen.
2. Vorurteile gegenüber dem "Fremden/Anderen" abbauen, Weltoffenheit und Toleranz fördern, indem das Gemeinsame im Künstlerischen wie z.B. Musikstilen oder in Protestformen gesehen werden kann (Transkulturalität), statt den Fokus auf die Unterschiede zu legen - es geht nicht um Nationen, Ethnien sondern die Diversität in Berlin und Istanbul.
3. Diese Pluralität soll an individuellen Künstlerpersönlichkeiten und deren hybriden Identitäten sichtbar gemacht werden (z.B. weibliche Berliner DJ legt Dub, Techno, Balkan und anatolische Folklore auf, hat türkische Wurzeln, ist offen queer lebend).
4. Kulturschaffende aus verschiedensten Regionen und Backgrounds sollen zum gemeinsamen Kreativ-Sein inspiriert werden, um dadurch ein nachhaltiges Netzwerk für zukünftige Projekte und Initiativen zu bilden.
5. Auf die bedeutsame Rolle von Kunst und Kultur in gesellschaftlich-demokratischen Wandel soll hingewiesen und ihre öffentliche wie private Förderung als unterstützenswert dargestellt werden.
6. Gemeinsame, künstlerische Stimmen gegen soziale Ungerechtigkeit sollen hörbar gemacht werden.
 
Was verbindet eurer Meinung nach sozio-politische Themen und Kunst?
 
Kunst kann als Spiegel, oder besser noch Seismograph der Gesellschaft gesehen werden, eine Reflexionsebene, die durch unterschiedliche Medien auf prekäre Umstände aufmerksam machen und zum Wandel aufrufen kann. Kultur kann oftmals viel direkter Menschen ansprechen, als die Abstumpfung verursachenden Nachrichten. Gerade Künstler_innen, die unter schlechten wirtschaftlichen Bedingungen leben, sind existenziell darauf angewiesen, für Meinungsfreiheit einzustehen und sich gegen menschenrechtswidriges Verhalten einzusetzen.
Gerade die Gezi-Proteste haben gezeigt, welche Dynamik künstlerische Formate entwickeln können, die Menschen in ihren Anliegen zu unterstützen - so z.B. die Tanzperformance "Sen de Gel" des berühmten Derwisch-Tänzers Ziya Azazi, der mit Gasmaske auftrat.
 
Ihr habt gesagt, subversive Kunst und Kultur aus der Perspektive von türkischer, arabischer, kurdischer, armenischer und iranischer Kultur fehlt noch die gebührende Beachtung. Was meint ihr damit?
 
In der deutschen Gesellschaft leben mehr als 20% Menschen mit anderen kulturellen Backgrounds in der 1., 2. oder 3. Generation. Das spiegelt sich im öffentlichen Leben jedoch nicht wieder. Wichtige Positionen in Medien, Politik, Bildung und Kultur sind nach wie vor nicht ausreichend mit Menschen dieser Herkünfte besetzt, obwohl sie die gleichen akademischen Kompetenzen nachweisen können. Das spiegelt sich natürlich auch in der Programmatik und Kuratorik von Kulturinstitutionen wieder.
Zeitgleich werden durch die Medien jedoch permanent Klischees über islamisch-orientalische Gesellschaften reproduziert, die dazu führen, dass sich eine zunehmende Islamophobie und Ausländerhass ausbreiten können, die undifferenziert alles "Andere, Fremde" in einen Topf werfen und z.B. alle Muslime der ISIS gleichsetzen wollen.
Viel zu wenig finden alternative, künstlerische Stimmen Beachtung. Viele Kunst- und Kulturschaffende mit Wurzeln im konstruierten "Orient", ihre Herangehens- und Sichtweisen sind hierzulande unbekannt. Die Diversität ihrer Gesellschaften sichtbar zu machen, ist unser Ziel, um erkennbar zu machen, dass es mehr als "primitive Bauernvölker und islamistische Fanatiker" gibt.
Oder aber es gibt "gutgemeinte" Formate, die die Künstler auf ihre Herkunftsorte reduzieren und dann zu türkischen, arabischen Festivals etc. einladen. Wir wollen aber den Fokus auf die Kunst selbst legen und finden ethno-nationale Zuschreibungen schwierig. Daher konnten wir und unsere Künstler sich mit Begriffen wie "Künstler aus Berlin/Istanbul" auch viel besser identifizieren, als wenn man sagen würde "Der deutsch-türkische Künstler aus…" etc. Genau diese Mischungen sollten als normal angesehen werden und machen letztendlich die Vielfalt der beiden Kulturmetropolen Berlin und Istanbul aus.
 
Mit welchen Künstlern arbeitet ihr vorwiegend zusammen?
 
Wir arbeiten gerne mit Newcomern zusammen, die eine hohe Diversität in ihren Background und Musikstilen aufweisen. Das zeigt sich z.B. toll an der Band Bukahara. Die haben jüdische, schweizer, tunesische und palästinensische Wurzeln und spielen eine Musik die sich über Gypsy-Swing, Balkan, Funk, Reggae bis zu Oriental Jazz erstreckt.
Auch ist es uns wichtig, Frauen in der Musik und Elektroszene zu fördern, deswegen arbeiten wir auch mit der Platform female pressure (für mehr Frauen in der elektronischen Musikszene) zusammen. So hatten wir z.B. die türkische Bluessängerin Gülina, das Dubtechno-Duo Ah! Kosmos und Evrim Tüfekcioglu.
In unserem Dunstkreis hat sich ein Netzwerk professioneller Künstler_innen gebildet, größtenteils Musiker und Djs, aber auch andere Sparten (wie Video, Performance, Fotographie, Tanz, Film), die gleichzeitig gute Freunde sind, sodass man sich gegenseitig intensiv unterstützt.
 
Welche kulturellen Genres wollt ihr unterstützen?
 
Da sind wir überhaupt nicht festgelegt. Wie unsere Festivals in Berlin und Istanbul programmatisch zeigen konnten, haben wir neben sehr diverser Live-Musik und elektronischer DJ-Musik auch Tanz- sowie audiovisuelle Performances, Filmvorführungen und Gesprächsrunden. Wir sind genauso offen für Literatur z.B. in Form von Slams oder Theateraufführungen. Wichtig ist nicht das Medium, sondern der ästhetische Gehalt, die Erreichbarkeit des Publikums durch das Sinnliche aber auch die inhaltlichen Aussagen der Künstler. Wir möchten positive Gedanken für eine bessere, gerechtere Gesellschaft teilen und Leute durch die Kunst anregen, sich daran zu beteiligen und gerade Gruppen, die sich unterrepräsentiert oder diskriminiert fühlen, einen freien Raum zu geben, sich auszudrücken.
 
Was sind eure Pläne für die Zukunft?
 
Wir möchten gern an unsere Berlin-Istanbul Reihe anknüpfen und an beiden Orten weiterhin etwas machen und die Künstlernetzwerke erweitern.
Außerdem planen wir auf dem kommenden Fusion Festival den Arab* Underground Programmpunkt in Richtung SubOrient Productions auszuweiten, also auch türkische, kurdische, zazaische, persische, afghanische u.a. Künstlerperspektiven aufzunehmen.