Künstler zu Gast Ich sehe etwas und es macht klick: Nezaket Ekicis Performance-Installationen

Ein goldener Käfig, mit Kussmündern bedruckte Wände, zerbrochenes Porzellan in einem leeren Becken: die Performancekünstlerin Nezaket Ekici beschränkt sich nicht auf ein Thema und ein Medium. Neun Monate lang war sie Stipendiatin der Kulturakademie Tarabya in Istanbul. Mit Anna Esser sprach sie über ihre Erfahrungen.

Was sind die Hauptthemen, die Sie bearbeiten?
 
Ich mache das schon seit mehr als 15 Jahren. In dieser Zeit haben sich vier Themen herauskristallisiert: die deutsch-türkische Identität und an sie gekoppelt Religion, die Kunstgeschichte, mit der ich mich während meines Studiums beschäftigt habe. Ein drittes Thema ist ortsspezifisch, die Architektur. Ich entwickele zum Beispiel für einen Swimmingpool eine Performance oder für ein Gefängnis. Unterschiedliche Kulturen sind außerdem ein Thema, weil ich viel reise. Viele Arbeiten sind bestimmt für diese, wie beispielsweise seit 2008 das Werk „5 Sinne“, das Kochen auf verschiedenen Kontinenten. Darüber hinaus gibt es noch Performances, die sich nicht einordnen lassen, sehr für sich stehen, sehr skulpturale Arbeiten.
 
Wie entstehen Ihre Performances? Sehen Sie etwas und dann ...
 
… macht es klick. Es ist ein Moment, ein kleiner Eindruck, den ich dann im Kopf weiter entwickele. Eine andere Herangehensweise sind die Auftragsarbeiten von Museen oder Galerien oder Festivals, die eine Arbeit zu einem bestimmten Thema möchten. Aber das Schönste ist, wenn die Ideen einfach so kommen, durch Eindrücke, durch ein Gespräch, durch die Nachrichten.
 
Was ist für Sie als Performancekünstlerin wichtig?
 
Neugier. Als Künstlerin muss ich neugierig und offen sein. Auch wenn ein Thema etwas schwierig ist, muss ich zumindest darüber nachdenken. Von großer Bedeutung ist mein gelebtes Nomadentum, es gibt immer Bewegung in meinem Leben. Zum Glück leben wir in einer globalisierten Welt, in der das Reisen so einfach und alles so schnelllebig ist. Das ist für meine Performances von Vorteil, weil sie die Zeit festhält und die Zuschauer auch mal zur Ruhe kommen, indem sie sich auf etwas konzentrieren müssen. Konzepte sind meine Spezialität. Ich mache Konzeptkunst, denke viel darüber nach, warum etwas so oder so sein soll. Deshalb haben die Arbeiten ja auch Qualität. Experimentell arbeite ich nicht. Da können zwar interessante Formen entstehen, aber da gibt es keine Auseinandersetzung.
 
Welche Bedeutung hat der Körper für Sie?

 
Der Körper ist mein Werkzeug, mein Ausdrucksmittel. Ich komme aber aus der klassischen Malerei und Bildhauerei, die ich auch einbinde. Aber den Körper setze ich als Vermittler, als Sprache ein, den ich immer mit verschiedenen Medien verbinde. Ich will auch den Raum mitbearbeiten, zu einer Installation. Deshalb nenne ich meine Arbeiten auch Performance-Installationen: immer groß, viel Material, das zeichnet mich aus.
 
Bei Medley / White haben Sie ja den ganzen Garten der Kulturakademie Tarabya bespielt ...

 
Ja, das war nicht einfach, dieser riesige Garten, die vielen Leute, das war eine riesige Inszenierung. Es ist schön, die Zuschauer zu involvieren, den Ort zu beleben. Wie ein Film mit vielen Bildern. Das ist für mich körperlich unheimlich anstrengend, denn jede Aktion erfordert immer neue Energie, neue Konzentration, neue Handlung, immer wieder und wieder. Das ist sehr spannend, aber auch eine Grenzerfahrung.
 
Hat Tarabya etwas in Ihnen ausgelöst?
 
Tarabya hat mich sehr inspiriert. Diese weißen Holzhäuser dort, die Raseninseln. Ich musste die Reihenfolge der Arbeiten überlegen, welche zu welcher Fläche passt, wie ich die Leute führe, man muss den ganzen Raum ja mitdenken. Auch die Porzellanarbeit ist für das kleine Becken entstanden.

Auch der Goldkäfig, diese wichtige Arbeit, ist dort in den ersten Monaten entstanden. Diese 24 Stunden Sicherheit, man hat keinen Hausschlüssel, nur einen Wohnungsschlüssel, dass man Gäste anmelden muss. Dieser unheimliche Reichtum dort auf dem Gelände und im Gegensatz dazu die ärmliche Stadt. Das war mir fremd.  Ich bin hier auf einer deutschen Insel, nicht in der Türkei. Andererseits bin ich sehr froh, hier sein zu können, es ist eine große Ehre. Und wunderschön: das Meer, der Park, das Atmen.
 
Hat sich das deutsch-türkische Verhältnis in Ihnen durch den Aufenthalt in der Kulturakademie Tarabya verändert?
 
Nein, eigentlich nicht. Obwohl, doch: ich spreche die Sprache fließender. Vieles erscheint mir nicht mehr so fremd. Ich mag die Einstellung: irgendwie kriegst du alles hin. Nicht diese Bürokratie, das monatelange Hin und Her. Hier gibt es keine Berührungsängste.
 
Sie haben auch einen Workshop beim IPA Festival (International Performance Art Association)abgehalten. Wie sehen Sie die türkische Kunstlandschaft?
 
Den Workshop habe ich sehr gerne gemacht, die IPA Gruppe ist so engagiert. Diese eine Woche war wunderbar, von morgens bis abends mit jungen Menschen aus der ganzen Welt im Wald zu arbeiten, das war sehr intensiv. Hier in Istanbul sieht man ein großes Engagement für zeitgenössische Kunst, es gibt viele Ausstellungen, Performances weniger. Doch ich habe den Eindruck, als seien die jungen Künstler wenig eigenständig. Schon im frühen Studium müssten sie eine Unabhängigkeit erreichen, eine Selbständigkeit, und nicht nur nachahmen. Es ist ein Engagement da, aber es muss noch mehr getan werden. Vielleicht bin ich aber auch zu kritisch.

Auf der anderen Seite leben sie hier nicht so im Paradies wie wir in Deutschland: zeitgenössische Kunst wird hier nicht gefördert, es gibt kaum Ausschreibungen oder Off-Räume, die man bespielen kann, die meisten Künstler haben wirkliche finanzielle Schwierigkeiten. Aber sie versuchen etwas zu verändern, sie geben nicht auf, das finde ich super. Ich finde, der türkische Staat müsste offener sein, sich auch mit zeitgenössischer Kunst auseinandersetzen und mehr Unterstützung bieten. Auch um global mithalten zu können, müsste die Türkei auch Residenzen im Ausland anbieten.
 

Nezaket Ekici
Geboren 1970 in Kırşehir. Im Alter von drei Jahren wanderte sie mit der Familie nach Deutschland aus. 1994-2000 studierte sie Kunstpädagogik an der Ludwig-Maximilian Universität in München.
2001-2003 setzte sie ihr Performancestudium bei Prof. Marina Abramovic an der Hochschule der Bildenden Künste in Braunschweig fort, die sie 2004 mit dem Magister abschloss. Bei ihren Arbeiten und Performances konzentriert sich die Künstlerin auf Themen wie das gesellschaftliche Geschlecht, Religion, die türkisch-deutsche Identität, Kunstgeschichte und Architektur. Ihre Werke und über 120 Performances präsentierte sie in mehr als 30 Ländern auf vier Kontinenten, in über 100 Städten, in unterschiedlichen Museen, Galerien und auf Biennalen.