Künstler zu Gast Zwei Gedichte von Nico Bleutge

Nico Bleutge war von November 2013 bis Ende April 2014 als Stipendiat der Kulturakademie Tarabya in Istanbul. Seine zwei unten aufgeführten Gedichte "leichter sommer" und "grauwacke" wurden von Nafer Ermiş ins Türkische übertragen.

Der Berliner Schriftsteller Nico Bleutge studierte Neuere Deutsche Literatur, Rhetorik und Philosophie in Tübingen. Seit 2001 arbeitet er als freier Literaturkritiker für verschiedene Zeitungen, u.a. die Süddeutsche Zeitung und den Tagesspiegel. 2006 debütierte er mit dem Gedichtband "klare konturen". Gerade ist sein dritter Band "verdecktes gelände" erschienen. Nico Bleutge ist Mitglied des P.E.N.-Zentrums Deutschland. Für sein Schreiben hat er zahlreiche Auszeichnungen erhalten, u.a. den Anna Seghers Preis und den Erich Fried Preis.
 

leichter sommer
als läge noch eine schicht zwischen ihnen
und dem schmalen streif der küste
traten die wolken hervor, scharf ab-
geschnitten an der unteren kante, oben
ein faltiger riemen, in den die möwen kleine
löcher stanzten. beim nächsten aufschauen
hatte dunst die fläche aufgerauht und der wind
verfing sich in den drahtnetzen
knapp unterm wasserspiegel, die vögel
waren längst verschwunden, der himmel
hielt noch ein weilchen jene luft
die unter ihren flügeln rauschte
 
dann löste sich die hitze langsam
vom balkon und der blick wurde leichter
 
von den häusern abgelenkt. die weißen
parabolantennen an den fenstern
 
fingen schon die ersten lichter an
zu glühen blau und grün verkapselt.
 
als die augen zwischen den reklametafeln
streunen wollten war es eine rote
 
plastiktüte in der luft weit oben leuchtend
glitt sie vorbei und gab dem blick nach
 
und nach halt bis er weich und ruhig
hinter den lidern saß
 
die mit den broten sprechen, mur-
melnd, versunken. die an den straff
gespannten seilen stehen, sich
die köder stecken, bei nacht. algen
im wasser, rost, der auf den pollern
sitzt. ein warten, schauen auf lampen,                                    
auf die haut. ein licht schütten                                                  
schuppige knoten. manch einer boje,                                      
manch einer glutrest, spiritus. und
was sie fallen lassen, nachts, was
aus der hand sich löst, im murmeln,
wenn sie mit fremdem griff so rasch                             
den kork eintauchen, leuchtpunkte
setzen, kleine strömungssonden
 
und dann die lampengeschäfte, ihr nach-
gebendes summen, mit der umluft darin
 
dem leichten steppengeruch. ceylan
leuchtete, -latma, ausstehende nacht-                                     
                                                          
arbeit. nicht schlafen unter den kabeln, nicht
den pflanzen nachwachsen. glasbüschel
 
dehnten sich, blattwaben, wandernd, reh-
braun glänzende käfer. ihr staunen noch
 
schwach, vor den glühgeräuschen. nach-
giebig, tastend, rückten sie vor, noch
 
ohne schlaf, noch in das laufen vertieft
mit ihren kleinen warmen panzern
 
nicht mehr im dunkeln, nur den fühlern
nach, durch wirbelnde funken von luft
 
grauwacke
kaum mehr zu halten, kaum mehr zu haltendes grau
einer landschaft. grau, verhüllt von feldgrau, zementgrau. dichtes
in schichten gelagertes grau dieser gegend. feldspat, chlorit. und
die rauchgrauen wehen, ziehend, im schlaf.
                                                                    schon zerspellt die
bewegung. gehen, aufgehendes schleiern, gleiten im schauen, aal-
haut, wasserhaut, quarz. strömung aus grau, die sich öffnet
gleich wieder aufgesaugt wird. nur ein einschluß von kohle, kaum
mehr zu spüren, kaum mehr zu haltende schwingung der gegend
dämmern schon.
                            feuchte, innere graue flut, eisenfarbene
tiefe, näher dem boden, näher dem grundwogen zu. steingrau
und gußgrau, ununterbrochen, unaufhörliches schieben
von grau, das sich umstülpt, grau, das sich auflöst, zinn-
grau, basaltgrau, schelferndes grau
 
fischhaare finden, heller und trockener als gras
und fangspuren finden, kalk und gewebefalten
an schalen mit licht leitenden elementen, immer
im drehen, immer im streifen von bruchkanten, quer
zu den wellen, und den windungen folgen, fluchtnahen
körnern, drehen und finden von flurgras, kanälen
an stellen für wärme oder feuchte in lang schon
verlassenen schalen, klar wie perlmutt oder fisch-
glanz, das helle darin, das höhlenartige
das fehlende, und das atemwasser filtern, dreh
über dreh, an den rippen, nah an der spindel, nah                              
an der eigenfrequenz, noch den schwingungen
folgen, den fjorden, den kalten gärten und streifen
von licht, die wie schneehalden leuchten, schnee
der hohlfalten bildet, innen, schalen aus kalk
und eis, die nicht weichen, immer noch wachsen,
wendig, verändert, sich im gewebe halten