Künstler zu Gast Ein Gespräch mit Katja Lange-Müller

Katja Lange-Müller
Katja Lange-Müller | Foto (Ausschnitt): Isolde Ohlbaum

Die Schriftstellerin Katja Lange-Müller war von Oktober 2013 bis Juni 2014 Stipendiatin an der Kulturakademie in Tarabya. Im Rahmen ihres Stipendiums las sie im Goethe-Institut in Istanbul und in Ankara aus ihrem Buch „Böse Schafe“.

Ihr Buch „Böse Schafe“, das Sie bei den Lesungen an den Goethe-Instituten in Istanbul und Ankara vorgestellt hatten, kann einen schon ziemlich traurig stimmen …

Das höre ich oft, besonders von Frauen. Was will man mehr. Das Schlimmste, das man über ein Buch sagen kann ist, dass es einen nicht berührt und man nach drei Stunden nicht mehr weiß, was man gelesen hat. Aber es ist auch ein komisches Buch.

Es gibt einige Parallelen zwischen der Protagonistin Soja und Ihnen: ungefähr gleich alt, vor dem Mauerfall aus der DDR nach West-Berlin gekommen, Schriftsetzerin. Kann man als Autor nur über etwas schreiben, das man selbst erlebt und erfahren hat?

Ja, sonst geht das nicht. Ich hätte mich natürlich nie auf einen Junkie eingelassen, aber ich habe auf einer psychiatrischen Station gearbeitet. Für jemanden aus dem Osten, wo es zwar allerhand gab, aber keine Drogen, war das eine interessante und überraschende Erfahrung. Soja hat tatsächlich viele Charaktereigenschaften, die ich auch habe, aber auch viele, die ich nicht habe. Nie war ich in dem Sinne naiv und so furchtlos. Die andere Erfahrung, um die sich die Geschichte kreist, habe ich auch selbst gemacht: ein System zu wechseln, ohne die Stadt zu wechseln - das ist schon bizarr. Die Stadt ist die dritte Hauptperson. Es gibt kein Kapitel, in dem das alte Westberlin wie in einem frühhistorischen Roman nicht wieder aufersteht. Das Bild von Westberlin, das man aus dem Fernsehen kannte, war falsch. Westberlin war genauso grau, unzulänglich und arm wie Ostberlin. Ich hatte immer den Eindruck, als trügen die Westberliner ihre besten Klamotten bei Besuchen im Osten, aber in Westberlin schlunzten sie in metallic-farbenen Jogginganzügen um die Ecke, in jeder Hand vier Bierflaschen.

Das ist doch immer noch ein wenig so in Berlin …

Inzwischen nicht mehr so stark. Deshalb wollte ich diese Geschichte aufschreiben, das Westberlin so beschreiben, wie es war. Dieses Insulaner-Berlin, das ist ein verschwundener Ort. Literatur hält ja immer Dinge fest, die im Verschwinden begriffen oder bereits verschwunden sind.

Stimmt Sie das Thema, die Aufopferung von Soja für Harry, nicht auch während des Schreibprozesses traurig?

Das ist nicht nur traurig, sondern auch komisch. Das Helfersyndrom ist mir nicht ganz fremd, ich bin ja gelernte Krankenschwester. Auf meine Stimmung schlägt sich das nicht nieder. Ich bin zwar in der Person drin, aber ich schreibe immer nur ein Stück, dann lasse ich es wieder kalt werden. Wenn ich wieder anfange, dann muss ich das Material wieder ändern, damit es weich wird. So schaffe ich auch die Distanz zu den Figuren.

Sie sind sehr präzise in Ihrer Wortwahl und haben einmal gesagt, dass ein Schriftsteller sich so kurz wie möglich fassen sollte ...

Ja, das wird mir auch von Kritikern nachgesagt, dass ich sehr genau sei in meinen Wörtern und Bildern. Ich bin kein Freund von 800 Seiten Romanen, ich habe auch noch keinen, außer Moby Dick, gelesen, bei dem ich nicht gedacht hätte, dass man nicht mindestens 100 Seiten hätte streichen können. Deshalb ist die Erzählung die ideale Form für mich, weil man diese erst schreiben kann, wenn man schon einen Schluss hat. Damit wird eine Oberflächenspannung erzeugt, das zieht. Wenn der Leser dann noch geschmunzelt oder geweint  oder sich empört oder geekelt hat, weil die Stimmungen sich übertragen haben, dann legt man das Buch auch nicht mehr weg.

Sie sitzen also lange an den Formulierungen?

Ich sitze lange an Seiten, die ich oft mehrmals ändere. Ich bin kein manischer Schreiber, schreibe nicht erst alles runter und fange erst dann mit der Innenarchitektur an. Nein, ich häkele. Ich kann erst weitermachen, wenn der Satz davor stimmt, das ist ein langsamer Prozess. Ganz oft ist eben nicht die erste Metapher, die einem einfällt, die beste, sondern nur die gefälligste, die gebräuchlichste -  langweilig. Dabei denke ich immer an den Leser, denn ich bin selbst einer, mehr als der Schreiber. Ich bin sicher, ohne Schreiben könnte ich überleben, ohne  Lesen nicht. Deswegen ist der Leser immer dabei.

Ihr Übersetzer ins Türkische, Cemal Ener, ist gerade beim Europäischen Übersetzerkolleg. Glauben Sie, dass man wirklich übersetzen kann, auch den Humor und die Atmosphäre?

Ja. Ich mache einmal im Jahr ein Seminar „Stilistik für Übersetzer“ in Strahlen beim Europäischen Übersetzerkolleg. Das ist schon eine ganz schöne Arbeit. Zwischen Türkisch und Deutsch liegt ein Fluss, dessen gegenüberliegendes Ufer man noch sehen kann. Zwischen Chinesisch und Deutsch liegt ein Ozean. Sowohl Fluss als auch Ozean kann man wirklich nur überwinden, wenn der Übersetzer selbst literarisch begabt ist. Im Grunde muss man den Text in der anderen Sprache neu schreiben, allerdings mental, stimmungsmäßig und vom Temperament nah am Autor. Ein guter Übersetzer muss ein guter Schriftsteller sein, sonst wird’s nichts.

Was macht für Sie die deutsche Sprache aus?

Ich finde sie ungeheuer elastisch. Ich habe gerade ein zusammengesetztes Nomen gebildet, das über zwei Zeilen geht. Das ist in kaum einer anderen Sprache möglich. Ich war lange mit einem koreanischen Koch verheiratet und habe mitbekommen, wie er Deutsch gelernt hat, es war manchmal zum Piepen. Wenn man ihm zum Beispiel sagte, dass er sehr ehrgeizig sei, antwortete er: Ich bin aber nicht geizig! An einer Berliner Mauer habe ich mal einen grandiosen Satz gelesen, auf den nie ein deutscher Muttersprachler hätte kommen können: „Willkommen=kommt aber nicht“. Das zeigt auch, wieviel Witz und poetische Energie, wieviel unendliches Potential in dieser reichen Sprache steckt.

Sie sind jetzt acht Monate in der Kulturakademie Tarabya, von Mitte Oktober 2013 bis Mitte Juni 2014. Hat Sie die Akademie inspiriert?

Ja, ich bin mit ein paar Seiten meines neuen Romans hergekommen, jetzt bin ich bei Seite 90. Es war ein indirekter Einfluss, der auf mich gewirkt hat. Ich muss ja einen Roman schreiben und das orientalische Erzählprinzip, wie bei Orhan Pamuk zum Beispiel, ist eine alte Tradition, die es bei uns so gar nicht gibt. Diese Erzähldramaturgie habe ich mir zu eigen gemacht. Auch die Distanz zu Deutschland tut gut, meine Romanfigur war selbst zwanzig Jahre in Katastrophengebieten.

Haben Sie einen Lieblingsschriftsteller aus der Türkei?

Nein, eigentlich nicht. Aber das Buch „Schwarze Galle“ von Sema Kaygusuz zum Beispiel, wofür ich ein Nachwort geschrieben habe, mag ich sehr.

Was wünschen Sie den Autoren hier in der Türkei?

Ich wünsche mir, dass wir mit jüngeren türkischen Autoren eine Übersetzerwerkstatt veranstalten können, da werde ich mich darum kümmern. Dann müssen Strategien überlegt werden, wie man die Türken in Deutschland zu Veranstaltungen mit türkischen Autoren einladen kann, sie kommen leider zu selten. Auch gute Übersetzer vom Türkischen ins Deutsch gibt es zu wenige. Ich wünsche ihnen außerdem sehr, dass sie mehr Stipendien in Deutschland erhalten, damit sie mal den Kopf frei bekommen und ein bisschen auch aus der Angstzone geraten.