Künstler zu Gast „Farbe ist wie eine Geste“ - Ein Gespräch mit Axel Buether

Axel Buethers  interaktive Licht-Klang-Kunstinstallation
Axel Buethers interaktive Licht-Klang-Kunstinstallation | Foto: Axel Buether

Axel Buether zeigte im Rahmen des 31. Internationalen Ankaraner Musikfestivals im Kuğulu Park Ankara eine interaktive Licht-Klang-Kunstinstallation, bei der die Besucher des Kuğulu-Parks die Impulse für wechselnde Atmosphären aus Farbe und Licht erzeugen. Mit dem Medienkünstler und Universitätsprofessor für das Lehr- und Forschungsgebiet »Didaktik der visuellen Kommunikation« am Fachbereich Design und Kunst der Bergischen Universität Wuppertal sprach Annkathrin Kury.

Herr Buether, Sie sind Medienkünstler und lehren als Professor für Didaktik der visuellen Kommunikation an der Bergischen Universität Wuppertal. Darüber hinaus sind Sie Autor zahlreicher Publikationen und erforschen unter anderem Aspekte der menschlichen Wahrnehmung und die Wirkung von Farben auf den Menschen. Wie kann man sich die Arbeit eines Farbforschers vorstellen?

Farbe ist wie eine Geste, eine Art nonverbale Kommunikation. Sie organisiert Beziehungen und funktioniert wie eine Sprache, da sich Symbolformen aus Farben bilden, die uns zeigen, wie etwas schmeckt, wie sich etwas anfühlt, bewegt, verhält oder wie es handelt. Die Farbwahrnehmung ist biologisch im Menschen verwurzelt und dient ihm dazu, sich in der Umwelt zurechtzufinden. Diese biologischen Muster hat der Mensch auf die Kultur übertragen. Ein einfaches Beispiel für die biologische Verwurzelung der Farben im Menschen ist das Erröten. Jede Farbe ist semantisch und symbolisch belegt und mit der Natur verbunden. Wie Farbsymboliken von der Natur in die Kultur übertragen wurden, lässt sich in der Kulturgeschichte beobachten.

Denken Sie, dass es eine Art universelles Farbverständnis geben kann?

Ja. Es gibt ein interkulturelles Farbverständnis, welches biologisch im Menschen verankert ist. Beispiele dafür sind die Assoziationen von Blau mit Wasser oder Rot mit Blut. Darüber hinaus haben sich mannigfaltige kulturelle Symbolverwendungen herausgebildet, welche die topografischen, klimatischen und materiellen Gegebenheiten einzelner Regionen widerspiegeln und Orientierung innerhalb von Gesellschaften erzeugen.

Die reichhaltige Farbkultur in vielen Regionen Indiens oder Afrikas lässt sich zum Beispiel sehr präzise auf das häufige Vorkommen von bestimmten Farbpigmenten und die hierdurch geringen Rohstoffpreise dafür zurückführen. Der kulturelle Gebrauch von Farbpigmenten und Naturmaterialien in Architektur, Handwerk und Kunst sorgt dafür, dass die Farbwahrnehmung je nach Kulturkreis anders wahrgenommen wird. In gleicher Weise lässt sich die besondere Bedeutung der Farbe Grün im Islam auf den Mangel an grüner Landschaft im Entstehungsraum der Religion zurückführen. Grün signalisiert Leben. Nirgends wird das so deutlich, wie in den Oasen der Wüsten- und Steppenregionen Arabiens. In Europa hingegen waren Farbpigmente selten und meist sehr teuer, weswegen buntfarbige Bekleidung und stark ornamentierte Architektur lange als Zeichen von Reichtum und Macht galten. Die Reformbewegungen des Katholizismus sowie der Protestantismus setzten sich davon bewusst ab, indem sie auf bunte Kleidungsfarben und ornamentale Architektur verzichteten. Weiß, Schwarz und Grau sind die Farben von Aufklärung und Moderne.

Mit dem weltweiten Siegeszug der Moderne hat sich der Gebrauch von Farbe in den meisten Weltregionen stark vereinheitlicht, was die Orientierung erschwert und die kulturelle Vielfalt einschränkt. Alte Identitäten gehen verloren, neue globale Identitäten gewinnen an Bedeutung. Mit Rückgewinnung der eigenen Identität werden die Farbkulturen der Weltregionen in Zukunft wieder deutlicher hervortreten und sich wechselseitig bereichern.

In Ankara haben Sie zusammen mit der Kunststudentin und Medienkünstlerin Susa Pankrath und dem Musiker Mehmet Can Özer im Rahmen des Internationalen Ankaraner Musikfestivals die Installation „Lichtwind“ im Kugulu-Park erstellt. Wie funktioniert diese?

Das Thema der Installation heißt „Lichtwind“. Es geht darum, die Illusion zu erzeugen, dass die Bäume durch das Licht erschaffen und bewegt werden. Es ist eine Form dynamischer „Lichtmalerei“, mit der die Poetik des Ortes sichtbar gemacht werden soll, eine Art zeitgenössischer Weiterentwicklung des Impressionismus. Insgesamt sollen fünf Stimmungen zum Ausdruck gebracht werden, die von einem lauen Sommerwind bis zu einem orkanartigen Windsturm reichen. Diese werden durch Licht und eine elektronische Klangkomposition erzeugt. Dazu wurden 60 LED-Scheinwerfen an 30 Bäumen installiert. Die Scheinwerfer werden einzeln und in Gruppen von einem generativen Computerprogramm gesteuert. Stamm und Krone aller Bäume können getrennt oder gemeinsam beleuchtet werden. Mikrophone auf beiden Seiten des Teiches ermöglichen den Besuchern durch Geräusche die interaktive Steuerung der Lichtimpulse und damit Einfluss auf die Gestaltung der dynamischen „Lichtmalerei“, sie bringen dadurch immer neue Landschaften aus Farbe, Licht, Bewegungen und Klängen hervor.

Im Grassimuseum in Leipzig befindet sich als Dauerausstellung Ihre interaktive Rauminstallation „Sinneslandschaften“, die nach dem gleichen interaktiven Prinzip funktioniert. Was ist der Grund für das Einbinden der Besucher in Ihre Installationen?

Kunst ist nicht einseitig. Ich sehe den Kunstbetrachter nicht als Konsumenten, sondern als Teil der Kunstproduktion an. Dadurch entsteht ein ganz anderes Erlebnis. Man könnte das mit dem Unterschied beim Hörerlebnis von Musik vergleichen, dass entweder passiv vor dem Radio oder aktiv im Konzert erfolgt, wodurch es viel intensiver erlebt wird. Diese Möglichkeit zur Partizipation wird durch die neuen Medien erleichtert, deren interaktive Komponente ein großes Potential birgt. Dadurch können Dinge entstehen, die nicht vollendet werden müssen und immer wieder neu, in einem offenen Prozess geformt werden und entstehen können. Allerdings muss sich jeder Künstler die Frage stellen, wieviel Freiheit er abgeben will. Bei Kunstwerken, die ausschließlich passiv betrachtet werden, ist eine Expertise notwendig. Aktive Kunst hingegen spricht auch Laien an und kann so eine größere Gesellschaftsschicht erreichen. Ich möchte den von ökonomischen Interessen verengten Kunstbegriff erweitern, denn Kunst braucht keinen Markt, denn jeder Mensch hat einen Kunstsinn, kann Kunst verstehen, von Kunst lernen. Es liegt daher in der Verantwortung des Künstlers, so viele Menschen wie möglich zu erreichen.

An welchen anderen laufenden Projekten arbeiten Sie gerade?

Momentan arbeite ich unter anderem an der Publikation des Buches „Die Sprache der Farben“, in dem die Wirkung von Farben auf das Erleben und Verhalten erklärt wird. Außerdem beschäftige ich mich im Rahmen eines Architekturprojekts mit der Übertragung eines Bildes in den Stadtraum. Dann steht demnächst die große internationale Konferenz „Farbe als Experiment“ an, die sich mit dem experimentellen Umgang mit Farbe als interdisziplinärer Gegenstand in Handwerk, Design, Kunst und der Wissenschaft befasst.