Künstler zu Gast Istanbul ist ein einziger Sog - Ein Gespräch mit José F.A. Oliver

José F.A. Oliver
José F.A. Oliver | Foto: Jim Rakete

José F.A. Oliver, andalusischer Herkunft, wurde 1961 in Hausach im Schwarzwald geboren und lebt dort als freier Schriftsteller. Für seine dichterischen Arbeiten erhielt er u.a. 1994 das Aufenthaltsstipendium des Berliner Senats im Literarischen Colloquium Berlin und 1997 den Adelbert-von-Chamisso-Preis. José Oliver ist Kurator des 1998 von ihm ins Leben gerufenen Literaturfestes Hausacher LeseLenz. Im Rahmen eines Stipendiums an der Kulturakademie Tarabya war José F.A. Oliver von August bis November 2013 in Istanbul.

Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit der Türkei?

Eigentlich gab es stets gute Berührungspunkte. Im Grunde von Kindesbeinen an. In erster Linie durch die Präsenz türkischer Einwanderer in Deutschland. Später kamen Freundschaften mit türkisch-stämmigen Schriftstellerinnen und Schriftstellern hinzu, die in Deutschland lebten (und leben). Hasan Özdemir zum Beispiel oder Zehra Cirak, Feridun Zaimoglu, Emine Sevgi Özdamar oder Selim Özdogan, um nur einige zu nennen. In den 1990er Jahren bin ich dann zum ersten Mal in Istanbul gewesen. Anlässlich einer deutsch-türkischen Buchpublikation einiger meiner Gedichte. Die Lesungen von damals habe ich in sehr guter Erinnerung. Insbesondere den Satz einer Sephardin, die mich nach einer Veranstaltung ansprach und sagte: „Ich darf mich vorstellen: Ich komme auch aus Spanien und lebe seit 500 Jahren in Istanbul!“ Dieser historische Satz begleitet mich seither. Er schenkte mir ein anderes Verständnis von Welt, schärfte meinen nomadischen Blick auf unsere Welt...

In welcher Weise hat die Begegnung mit der Türkei Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

In vielfacher Hinsicht. Zum einen hat mich die Stadt in ihrer nicht wirklich begreifbaren Versammlung all der humanen Leidenschaften fasziniert, aus denen sich Istanbul immer wieder von neuem gebiert. Das ist derart aufregend, dass ich den ganzen Tag und die halbe Nacht nur hätte schauen, beobachten und zuhören können. Istanbul ist ein einziger Sog. Auf der anderen Seite betörte mich die bloße, deshalb vielleicht auch äußerst komplex-schöne Notwendigkeit, das Zusammenleben so vieler Menschen zu skizzieren und zu ermöglichen, indem sie sich den alltäglichen Bedürfnissen, den Hoffnungen und Träumen stellt. Diese Herausforderung kontinuierlich neu zu entwerfen ist eine Wahnsinnsaufgabe. Überhaupt ist es für mich ein faszinierendes Rätsel, wie sich eine derartige Megalopolis tagtäglich und perspektivisch organisiert und (weiter)entwickelt. Eine ähnliche Faszination hatten schon Mexico-City, Lima oder Kairo auf mich ausgeübt.

Schließlich wurden mir im Laufe der vier Monate eine ganze Reihe unerwarteter Augenblicke intensiver Begegnungen zuteil. Ganz besonders angetan war ich von den Schülerinnen und Schülern des Istanbul Lisesi. Prägend erwiesen sich aber auch die vielen Gespräche zur aktuellen Situation in der Türkei. Die politischen, religiösen und die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Gleichzeitig schenkten mir die Monate in Istanbul die großartige Gelegenheit auch kritischer die Verhältnisse in Deutschland wahrzunehmen und zu reflektieren. Ich habe beispielsweise viel über die Konzepte von „Demokratie“ nachgedacht. Oder über die seltsam vorurteilsbehafteten Begriffe wie „Westen“ und „Osten“. Die Religionen, sprich der Islam und mein eigener katholischer Glaube waren auch ständig präsent. Jeder Gebetsruf schuf irgendwie eine versöhnende Präsenz einer Ruhe. Ach, es gäbe Vieles, das ich auf diese Frage antworten und vertiefen könnte.

Sie haben auch während Ihres Aufenthaltes in Istanbul als Stipendiat der Kulturakademie Tarabya viele Gedichte geschrieben. Welche Themen behandeln sie? Woher bekamen Sie die Inspiration dazu?

Ich fange dann an zu schreiben, wenn ich berührt werde und Istanbul hat mich berührt. Die Augen, die Blicke, das umtriebige Leben. Vor allem die soziale Wirklichkeit und die massive Beschneidung vieler Bürgerrechte trieben mich häufig an die leeren Blätter und in die Texte, die während jener Tage erste Notizen und Notate wurden. Es sind auch ein paar Gedichte entstanden. Ich glaube, Istanbul hat mich wieder stärker politisiert. Auch in meinen Texten.

Haben Sie einen Lieblingsort in Istanbul?

Ja, ich liebte es zusehends, am Bosporus zu sitzen und auf Asien hinüberzublicken. Oder einfach nur am Ufer entlang zu gehen. Wasser inspiriert mich – es hebt die Tempi auf, macht die Gedanken fließen... Ich hatte immer wieder diese seltsame Vorstellung, dass das Wasser des Schwarzen Meeres ein paar Tropfen der Donauquelle im Schwarzwald ins Mittelmeer strömen lässt. Irgendwie macht mich das Wasser ankommen, macht mich zuhause fühlen. Am Wasser hat mich diese oftmals überhitzte Stadt wieder beruhigt. Das ist ein gutes Gefühl gewesen. Nach diesem Gefühl sehne ich mich auch heute. Jetzt, da ich wieder im Schwarzwald bin.

Sie haben Verse von Ahmet Arif ins Deutsche übertragen. Warum dieser Dichter?

Ich habe seine Gedichte über Mely Kiyak kennengelernt. Ich fühlte mich sofort angesprochen... Anadolu / Anatolien... klingt ja fast wie Andalusien... „Anatolien bin ich“ ist ein großartiges, kämpferisches Gedicht, das Mut macht und Hoffnung in die Worte legt. Auch heute noch, vor allem auch heute, angesichts der erdrückenden Missachtung der Menschenrechte und Freiheiten in der Türkei.

Was ist für Sie „typisch türkisch“?

Kann ich nicht sagen. Die anatolische Melancholie? Oder vielleicht doch etwas anderes, aber das wäre dann eher „istanbulisch“: Der Sprung in den Bosporus und die vielen, vielen Angler bis spät in die Nacht. Ich habe ihnen oft zugeschaut. Das hab ich so noch nirgends erlebt... zumindest nicht so bewusst wie in Istanbul. Auch wenn ich mich natürlich immer wieder fragte, weshalb dieses Vergnügen fast ausschließlich „Männersache“ war.

Welche Kulturleistung aus der Türkei beeindruckt Sie am meisten?

Die türkische Sprache.

Wie riecht die Türkei?

Ich kann nur ahnen wie Istanbul riecht... Im Sommer nach Farben und die Stadt riecht nach schier unendlicher Bewegung und fließendem Wasser. Und doch ist der Geruch ein Bild und ein Lautteppich. Ein einziger Widerspruch im Einklang mit dem Widerspruch aus ungebändigter Sehnsucht nach Leben. Gepaart mit Geduld, Aufbegehren und Freiheit... Wie diese Mischung riecht, werden Sie jetzt fragen? Übersetzt könnte ich sagen: Oft nach Respekt und Freude, oft aber auch nach Furcht, manchmal nach Trauer, bisweilen nach Tee und Brotwärme. Ja, nach Brotwärme und seinem verborgenen Lächeln. Bin ich jetzt melancholisch? Wenn da die Wut nicht wäre auf das Pfefferspray, die Wasserwerfer und die Polizeiknüppel... Diese Trias riecht nach Demütigung...

Womit beschäftigen Sie sich zurzeit?

Mit meinem neuen Essay-Band „Fremdenzimmer“, der noch in diesem Jahr bei weissbooks erscheinen wird und mit der Vorbereitung des diesjährigen Hausacher LeseLenzes, das Literaturfestival, das ich 1998 mit Gisela Scherer gegründet habe, und das vom 10 – 19. Juli 2014 stattfinden wird. Daneben gibt es ein paar Vorbereitungen für Reisen in die USA, nach Spanien und nach Portugal. Mit den Gedichten im Rucksack, die in den letzten Wochen entstanden sind.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Schreiben, lesen, nachdenken und nachdenken, lesen und schreiben ... Hoffentlich auch wieder in Istanbul ...