Künstler zu Gast „Das hat eine Chance, gut zu werden!“ – ein Gespräch mit Jim Rakete

Jim Rakete, 1951 in Berlin geboren, hat in dem Projekt „Gelecek ve „Yüz“leşme (face&future)“, das er gemeinsam mit Moritz Rinke im Rahmen ihres Stipendiums an der Kulturakademie Tarabya verwirklichte, junge Menschen in der Türkei zu ihrem Verhältnis zur Europäischen Union, ihren Träumen und Plänen befragt. Über seinen Film und das Verhältnis von Türkei und Europa sprach er mit Anna Esser.

Was war der Grund für das Projekt „Gelecek ve „Yüz“leşme (face&future)“?

Es ging mir um die Aufmerksamkeit. Ich kann einfach ganz schlecht damit umgehen, dass wir eine Kanzlerin haben, die das ganze Türkei-Thema über so viele Jahre hinweg ignoriert hat. Man muss das Ganze dahingehend untersuchen, wie die Perspektive langfristig ist. Wir haben so eine lange Geschichte mit der Türkei und es lohnt sich einfach sehr, dahin zu gucken und zu sehen, wohin sich alles bewegt.

Fragt man jetzt junge Leute in der Türkei, sieht man die unterschiedlichsten Perspektiven: da gibt es die Gleichgültigen, dann gibt es die Türkei-Zentristen, die sagen, wir sind doch der Mittelpunkt der Welt, bis hin zu Leuten, die der Meinung sind, dass in Europa die Perspektive für junge Leute eigentlich besser ist. Es ist wichtig, dass man diese Einstellungen erfragt und sich anschaut, was die jungen Menschen eigentlich wollen. Das formt ja auch unsere Perspektive.

Was war Ihnen wichtig bei Ihrem Film?

Als es im Mai 2013 am Taksim-Platz losging, war die Aufregung groß. Aber genauso schnell, wie es in den Medien war, war es auch wieder weg. Ich wollte wissen, ob es im Bewusstsein der Menschen auch so ist wie in den Medien. Ich glaube aber, dass ein Bewusstsein ohnehin vorhanden ist.

Und dann ist da die Frage, welche Position wir einnehmen wollen. Möchten wir nur Augenzeugenberichte lesen und sagen: „Krass, ein Wasserwerfer!“? Das sind doch eher schülerzeitungsartige Ergüsse, die den Kulturschaffenden nicht ganz würdig sind. Oder man schaut auf die langfristigen Ziele. Hier zeigt sich, dass der eigentliche Schaden genau jetzt entsteht, wo es mit keiner Zeile gewürdigt wird, wo Journalisten weggesperrt werden usw. Diese langfristige Sichtweise ist für mich die bedeutendere. Man muss der Türkei zeigen, dass wir genau hinschauen, dass uns etwas daran liegt, dass wir diese Freundschaft nicht vergessen haben. Dass wir die Dinge kritisch hinterfragen und nicht jedes Stehen im Wasserwerferstrahl zur Tagesaufregung machen und nächste Woche ist dann wieder Sudan dran und übernächste Woche etwas anderes. Das greift zu kurz. Darum geht es mir mit dem Film.

Was haben Sie während der Interviews entdeckt?

Ich habe ganz unterschiedliche Menschen und Gefühle gesehen. Wir haben versucht, alle Gesellschaftsschichten zu erreichen. Wir haben mit Orthodoxen und ganz internationalen gesprochen. Es gab alle Schattierungen, das war schön. Jeder sieht die jetzige Situation aus seiner Perspektive. Der Baggerführer sagte in dem Interview auf die Frage nach dem neuen Flughafen, dass er schon manchmal das Gefühl habe, die Türkei mache zu viel platt auf dem Weg in die moderne Türkei und beseitige so eigentlich ihre Wurzeln. Ein interessanter Gedanke von einem Baggerführer.

Und ich habe gemerkt, dass sich schon viel geändert hat, dass viele Leute Angst haben. Moritz Rinke hat zum Beispiel die hautnahe Erfahrung gemacht, weil die gegnerische Schriftsteller-Fußballmannschaft schon ausgedünnt ist, es stehen nur noch rund fünf Spieler zur Verfügung, die anderen sind schon weggeschlossen. Es ist schlimm zu sehen, dass die Einschüchterung greift.

Hat Sie bei den Interviews etwas überrascht?

Am meisten haben mich die jungen Menschen überrascht, die gesagt haben, dass Istanbul sowieso der Nabel der Welt ist. Es waren aber ganz unterschiedliche Reaktionen dabei. Da war zum Beispiel eine junge Juristin, die fünf Sprachen fließend sprach. Sie war sehr differenziert. Bei allen Interviews konnte man merken, was für eine unglaubliche Vielfalt möglich ist in Istanbul. Und man sieht, was wir verpennen. Wir sind ja verrückt, wenn wir uns in Europa oder Deutschland als Mittelpunkt der Welt verstehen. Das ist falsch. In Istanbul sind die Verwerfungen so groß, es fügt sich alles noch nicht, es muss sich noch eine Weile zurechtschuckeln. Darin liegen auch ganz große Chancen im Denken. Dass man sich eben noch nicht so festlegt, dass man auf Einflüsse anders reagiert, sich eben noch nicht alles gesetzt hat. Wir hier haben uns schon so eingerichtet mit Billigflieger, Berghain und Parties.

Glauben Sie, dass dieser Punkt auch in Istanbul bald erreicht sein wird?

Nein, dort ist noch so ein großer Klärungsbedarf.

Sie waren von April-Juni 2013 in Istanbul, also zur Zeit der Gezi-Proteste …

Der Taksim hat einen unglaublichen Symbolcharakter, wie Stuttgart 21. Es ging ja nicht um drei Bäume im Gezi Park, sondern er ist ein Verteiler (Bedeutung des Wortes „Taksim“ auf Deutsch, Anmerk.d.R.). Es ist sehr interessant, dass es einen so zentralen Ort in Istanbul gibt, weil die Stadt einem so riesig vorkommt. Die Nacht, als am Taksim-Platz plötzlich alles eskalierte, schloss sich an unseren letzten Drehtag an. Beim Schneiden des Films fiel mir auf, dass viele der jungen Leute merkwürdig blumig antworteten. Etwas fabelähnliches hatte sich da in die Sprache geschlichen. Doch irgendwann habe ich gemerkt, dass sie nur verklausuliert ihr Unwohlsein äußerten. Es lag ein großes Unbehagen im Raum. Man hatte das Gefühl, dass eine Grenze überschritten war. Diese ganzen jungen Menschen, die wir befragt hatten, sind unglaublich sympathische Leute, teilweise mit einem Selbstbewusstsein, sodass man sich fragt, woher das kommt. Mit Anfang 20, an irgendeiner Kunstakademie, und sie reden, als würde ihnen die Welt gehören-wunderbar!

Auch in meiner Fotografie ist das so. Da gibt’s zwei Möglichkeiten. Entweder man duckt sich unter der Sache durch oder man steht. Ich möchte, dass jemand was will vom Leben. Nicht Leute, die das Leben irgendwie so runterleben oder ableben, das interessiert mich nicht. Ich will Leute, die was wollen vom Leben. Und das habe ich an vielen jungen Menschen in der Türkei gesehen.

Was sagen Sie zu einem Beitritt der Türkei zur Europäischen Union bzw. zu einer privilegierten Partnerschaft?

Da geht es ja schon los. Das sind Begriffe, die ich nicht akzeptiere. Für mich ist das ein Hinhalten und Ausbremsen. Das kritisiere ich vehement. Ich würde mir erst einmal wünschen, dass sich das Interesse aneinander in einer gelebten Form ausdrückt. Dass wir sehen, was diese beiden Länder natürlicherweise miteinander zu tun haben. Sonst gibt es ja nur die Migrationsdebatte, die aber vollkommen unzureichend ist. Es geht auch um ein Stück Geschichte. Und da ist man in Tarabya ja gar nicht so schlecht aufgehoben, weil man da immer über diese Grabsteine stolpert und sich spätestens auf dem Soldatenfriedhof Gedanken darüber machen muss, wie wir seit geraumer Zeit eigentlich umeinander rumtanzen, die Türkei und Deutschland.

Was wäre Ihr Wunsch, wenn Sie den Begriff der privilegierten Partnerschaft ablehnen?

Lass doch erst einmal eine machen und danach einen Namen dafür finden. Wenn ich mir anschaue, dass von den sechs Vorbedingungen der europäischen Partnerschaft überhaupt erst ein Thema andiskutiert, nicht mal abgehakt, wurde… Und Erdogan hat ja mit immer größer werdender Verärgerung festgestellt, dass diese Gespräche stocken. Der Meinung bin ich auch. Man muss einfach weiter verhandeln, muss einfach schauen, wie sehr wir uns in dem Menschenrechtskorridor nähern. Und dann mal sehen. Ich sehe das zumindest so: Das sind unsere Nachbarn. Man muss das Interesse aneinander fördern. Deshalb finde ich die Ausstellung als Signal sehr wichtig.

Was wünschen Sie sich für die jungen Menschen in der Türkei?

Ich wünsche Ihnen, dass sie reisen können. Neue Dinge erleben und die Eindrücke dann mitnehmen und verarbeiten können.

Wie sehen Sie die Zukunft der Türkei im Hinblick auf Europa?

Wenn ich in Istanbul in dieses sagenumwobene Café in Yeniköy gehe, da kommt mir einer entgegengestürzt, der 30 Jahre lang in Deutschland gelebt hat und sofort der Meinung ist, er schuldet mir einen Umsonst-Kaffee, und fängt an, von Deutschland zu schwärmen. Da frage ich mich: Von welchem Land redet er? Wir sind doch eigentlich so dicht beieinander. Es kann doch nicht sein, dass das jetzt alles vorbei ist, bloß weil irgendwelche Firmen gerade niemanden mehr brauchen. Es ist doch an allen anderen Stellen völlig offensichtlich, wie viel wir miteinander anfangen können. Ob es Solarenergie ist, Brückenbau oder eben Kultur.

Wir haben doch mehr Gemeinsamkeiten als zum Beispiel mit Schottland, oder? In ein paar Jahrzehnten werden wir wohl darüber lachen, dass wir überhaupt darüber diskutiert haben. Das ist doch die einzige Chance, die wir haben. Sowohl für die Türkei, als auch für Europa. Hat das eine Chance, gut zu werden? Ja, das hat eine Chance, gut zu werden!