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Kuratorin: Pınar Öğünç
Die Schwerkraft und die Mehrzahl

Pınar Öğünç
Foto: Muhsin Akgün

Als ich begann diesen Text zu schreiben, befand sich zum ersten Mal ein Team von Astronautinnen im Weltraum. Zeugin dieses historischen Ereignisses zu sein, ändert zwar nichts daran, worum es mir geht, ließ mich aber zügiger schreiben.

Da es in der NASA für eine der Frauen keinen passenden Raumanzug gab, kam der – seit 35 Jahren überfällige – ausschließlich von Astronautinnen durchgeführte Außeneinsatz im All nicht zum ursprünglich angesetzten Termin im März 2019 zustande, sondern erst im Oktober. Wie in allen Bereichen werden also auch hier qualifizierte und talentierte Frauen wegen sexistischer Verhältnisse auf die Ersatzbank verbannt. Die Live-Übertragung des Weltraumspaziergangs in den sozialen Medien und die Fragen, die vor allem von jungen Mädchen an das Team gestellt wurden, lassen auf eine Zukunft hoffen, in der es ganz normal ist, Frauen in wichtigen Positionen zu sehen. Dieser Umstand ließ mich über einige sexistische „Witze“ hinwegsehen, die sich an das Astronautinnen-Team richteten. Ursprünglich wollte ich über Hexen schreiben, also über Frauen, die nicht so lebten, wie man es vor vier Jahrhunderten von ihnen erwartete und die deshalb verbrannt wurden. Aber Hexen lassen sich tatsächlich mit dieser Weltraumfahrt auf schwindelerregende Weise zusammenbringen: Mit dieser Reise ins All beobachteten wir den letzten Akt eines Machtkampfes, der kolonialistische Züge aufweist und sich von diesem Planeten auf das Universum ausdehnte. Die Hexenjagd, die sich über drei Jahrhunderte erstreckte und Tausende von Frauen das Leben kostete, lässt sich mit der Kolonialisierung und der Ausweitung des Kapitalismus auf die Neue Welt verbinden. Wir sind mit einem Kapitalismus konfrontiert, der im Namen des Kriegs gegen „den Teufel“, die Gesellschaft ihrer „problematischen“ Elemente entledigt, die brutalste aller Arbeitsteilungen implementiert, die auf Zwang und Geschlechtersozialisation basiert, Frauen domestiziert, um seinen Fortbestand zu gewährleisten, und sich immer wieder selbst zu erneuern weiß.

Wir befinden uns im 21. Jahrhundert – müssen wir denn immer noch über die „Autorin“ sprechen? Haben wir das denn nicht schon längst geklärt, beziehungsweise warum müssen wir das überhaupt klären? Weil diese Fragen tatsächlich immer noch unbeantwortet sind, ist es nach wie vor erforderlich, über die zeitgenössische Literatur, die Frauen und dieses Zeitalter zu sprechen. Feministische Historiker*innen heben seit Jahren die Notwendigkeit hervor, die unterschiedlichen Epochen im Namen der Wahrheit aus der Perspektive der Frau neu zu bewerten und die von den Siegern und den Männern geschriebene Geschichte anders zu interpretieren. Es muss einen tieferliegenden Grund geben, warum so viele Menschen diese ungeheuerliche Jagd auf Frauen unter dem Vorwand der Hexerei als ein Phänomen des Mittelalters verbuchen. Man möchte vermutlich nicht wahrhaben, dass diese dunkle Periode auf die Gegenwart ausstrahlt. Glücklicherweise sind wir sehr weit vom „dunklen“ Mittelalter entfernt. Wir leben in einem zivilisierten Zeitalter, in dem man auf YouTube Videos von Enthauptungen im Namen der Religion und Anschlägen auf religiöse Menschen hochladen kann. Die Sklaverei wurde aufgehoben, aber Frauen werden auf Märkten immer noch wie Sklaven verkauft. Die Sklaverei wurde aufgehoben, aber der „fortgeschrittene“ Kapitalismus erzwingt eine brutale Form von Armut, die immer noch ihresgleichen sucht. Menschen, vor allem Frauen, werden von einem System unterdrückt, das ihnen das Gefühl gibt, austauschbar und wertlos zu sein. Heute werden zwar keine Hexen mehr verbrannt – die noch dazu das Geld für Kohle, Teer und Henker vorstrecken mussten –, aber die Regierungen finden nach wie vor genügend Hexen, denen sie auf andere Arten zum Verhängnis werden können.

Wir leben in einem Zeitalter, in dem, wenn es um Gleichstellung geht, Frauen die Frage stellen, „Mit wem und mit was?“ und eine Ordnung außerhalb von binären Geschlechtsmodellen suchen. Gleichzeitig verbrennt sich eine Frau aus Protest gegen das Stadionverbot im Iran selbst. Wir leben in einem Zeitalter, in dem Frauen ganz alleine im Weltall herumspazieren können, aber andere Frauen sterben, ohne auch nur abends alleine ausgegangen zu sein. Als wäre der Kriegszustand ausgerufen worden, werden jeden Tag überall auf der Welt Frauen von Männern ermordet, die sie in den meisten Fällen auch noch kennen. Obendrein kommen die Täter damit davon. Und die politische Kontrolle über den Körper der Frau wird mithilfe der Religion noch verstärkt. Es gibt „den Menschen“ und dann gibt es diejenigen, die unter ihm stehen: Mal sind das Migrant*innen, mal Frauen, mal LGBTIler und mal die Armen. Die Serienmorde im Namen von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Homo- und Transphobie, der Faschismus in all seinen Mikrogrößen und der internalisierte Militarismus – das alles sind widernatürliche Auswüchse einer ausgeprägten Herrschaftsmentalität. All diese normalisierte Gewalt erregt weder Schwindel noch Übelkeit. Es scheint nicht die Pest zu sein, sondern eine andere ansteckende Krankheit, über die sich keiner mehr wundert. Bei all dem über eine längere Lebensdauer zu verfügen, als sie im Mittelalter üblich war, kann nur ein Fluch sein.

Dieses Jahrhundert konfrontiert uns mit einer ganzen Reihe von ethischen und philosophischen Fragen: „Sollen androide Soldaten an eurer Stelle sterben und morden?“ Oder, wenn Mörder wegen „guter Führung“ Strafminderung bekommen, da es die Frauen angeblich „verdient hätten“ zu sterben, wird gefragt, ob man androide Richter in Verhandlungen über die Bestrafung von Frauenmorden einsetzen sollte. Zum Glück gibt es feministische Denkerinnen, die unseren Gegenwartshorizont erweitern: Donna Haraway beschreibt anhand des Cyborg-Themas ein neues digitales Proletariat, eine Neue Industrielle Revolution, die weit über die Grenzen dieser Fragen hinausgeht, während sich Rosi Braidotti mit der Idee des „nomadischen Subjekts“ mit seinen vielfältigen Zugehörigkeiten und Abweichungen von der Norm, die nicht negativ konnotiert sind, auf die Zeit „nach dem Menschen“ konzentriert. In diesen beiden Zukunftsmodellen werden autozentrische Anmaßung, Männlichkeit und der Speziesismus des Menschen korrigiert.

Der Sexismus in der künstlichen Intelligenz tritt nicht nur durch die Verwendung von weiblichen Stimmen und Formen bei der Programmierung für Servicezwecke zutage, sondern findet sich auch in Lernmechanismen wieder, die vom Menschen entwickelt wurden: Sexroboter, die „Witze“ über Vergewaltigung machen, Tay, der sich nach wenigen Tagen Social-Media-Erfahrung zum rassistischen Troll entwickelt und die menschenähnliche Sophia, die auf ihre „Weiblichkeit“ getestet wird. Auch was die Literatur anbelangt, stellen sich ernstzunehmende Fragen: Wird das Vergnügen, das wir beim Lesen von beglückenden Romanen und Geschichten empfinden, durch die Textproduktion einer künstlichen Intelligenz beeinträchtigt werden, die alle Klassiker der Literaturgeschichte „gelernt“ hat? Wird die unzulängliche Literaturgeschichte, in der Frauen Jahrhunderte lang für das Recht zu lesen und zu schreiben kämpfen mussten und deshalb unweigerlich verspätet Teil dieser Welt wurden, in der Genese zukünftiger Literatur ebenfalls Mängel aufweisen?

Manche gehen mit den Bezeichnungen „Autorin“ und „als Frau schreiben“ sehr vorsichtig um, während andere der Täuschung erliegen, dass wir diese Diskussion längst hinter uns hätten. Einige wiederum sind aus schlechter Erfahrung davon überzeugt, dass sich der Gebrauch dieser Begriffe nachteilig auswirkt. Das Frausein im Kontext des Schreibens nicht zu erwähnen, ist für viele eine bewusste Entscheidung, die aufgrund dieses Frauseins von der Literatur ausgeschlossen und von universalistischem Denken ausgenommen wurden – und sich daher von einer professionellen Laufbahn verabschiedet haben. Auf der anderen Seite existiert durchaus die Vorstellung, dass das Frausein Möglichkeiten auf dem literarischen Feld eröffnet.

Der männlichen Mehrzahl, die seit Urzeiten eine komplizenhafte Nutzergemeinschaft bildet, wird das romantische Bündnis von Schicksalsschwestern gegenübergestellt, das nichts mit dem zu tun hat, worauf ich hier hinauswill. Was wäre das auch für ein seichtes Kriterium, wenn eine Autorin nur aus dem Grund wertgeschätzt würde, weil sie als Frau geboren wurde. Mit den Worten „Wenn man als Jude angegriffen ist, muss man sich als Jude verteidigen“ hat Hannah Arendt nicht die Glorifizierung einer vorgegebenen Identität vorgeschlagen, sondern ihre Politisierung. Als Frau wird man nicht geboren. Eine mächtige Quelle der Inspiration liegt aber darin, im Bewusstsein des „Andersseins“ eine Frau zu werden – ohne die essenzialistische Identifikation mit dem biologischen Geschlecht und in der bewussten Überlagerung von differenzierenden Merkmalen wie „Rasse“, Klassenzugehörigkeit, Alter und sozialem Geschlecht. Es ist, als wäre den Frauen die Schwerkraft verwehrt worden und sie hätten Jahrhunderte lang in dieser seltsamen Leere das Stehen und Sich-Bewegen gelernt. Ihre zu Beginn schmerzenden Muskeln haben sie auf diese Weise geformt. Dabei hinterfragen sie auch die Schwerkraft beziehungsweise die Norm. Sie hinterfragen das kapitalistische Patriachat, die Heteronormativität und soziale Geschlechtszugehörigkeiten an sich. In der Art und Weise, wie Frauen ihre Geschichten in den Kontext von sozialer Gerechtigkeit und Gleichberechtigung einreihen, ohne sich dabei als Opfer zu präsentieren, neue Opfer zu produzieren oder Sonderrechte einzufordern, steckt eine große Kraft. Dies bewerkstelligen sie, indem sie Verbindungen zwischen allen Formen von Herrschaft herstellen, das institutionalisierte und systematische Konkurrenzdenken thematisieren und Gewalt sowie alle Formen von Autorität offenlegen, ohne neue Hierarchien aufzubauen. Ganz gleich, wie man was auf welche Art erzählt, es sollte eine Literatur möglich sein, die das Leben von all diesen Umständen befreit – eine Literatur, die auf ihre eigenen Zellen und Atome zurückgreift.

Ursula K. Le Guin rief dazu auf, die Welt neu zu schreiben[1], und behauptete, eine Frau könne die Welt am besten dadurch verändern, dass sie ihre eigene Lebenserfahrung als Wahrheit präsentiert.[2]

Virginia Woolf beschrieb den Unterschied zwischen Frau und Mann anhand des unterschiedlichen Gebrauchs des Wortes „Ich“, während Hélène Cixous dafür plädierte, Texte zu verfassen, die durch den Körper fließen. Außerdem erinnern wir uns noch sehr gut an Sevgi Soysals Beschreibung des „auf dem Boden bleibenden Ausbruchs“. Schreiben ermöglicht uns eine gewisse Selbstentfremdung, die Vertrautes hinterfragt und unsere Interpretation der Welt bereichert. Aber dennoch: Schreiben ist nicht alles. Das Leben ist größer als die Literatur. Diese Tatsache entwertet nicht die Literatur, sondern gibt dem Leben die Bedeutung, die ihm zusteht. Die Erde, aus der meine Wurzeln trinken, ist komplex und reichhaltig. Auf dieser Erde gibt es schreibende Frauen, die die abgeschlossene Geschichte ablehnen, die stellvertretend für sie geschrieben wurde. Darunter sind Frauen, deren Geschichten nie veröffentlicht wurden – weil sie es nicht wollten oder weil sie ihre ungeschriebenen Geschichten wie ein Organ in ihren Körpern mit sich herumtrugen. Schreibend erwidern wir auch den Gruß derjenigen, die an einem Ende der Menschheitsgeschichte von den Höhlenwänden winken. Wir wissen, dass die meisten dieser Handabdrücke Frauen von Frauen stammen.

 

Ich betrachte dieses Thema als eine Art Gespräch, in dem wir gemeinsam unsere Sätze aneinanderreihen können. Wir haben das große Glück, dass es noch Dutzende von anderen Autorinnen gibt, die an unserem visionären Tisch hätten Platz nehmen können.

Mit Deniz Gezgin, die in ihren Romanen die Konstruktionen von Patriarchat und Herrschaft dekonstruiert und versucht, ohne Sprache zu schreiben, habe ich über die Beziehung zwischen Natur und nichtmenschlichen Wesen diskutiert. Mit der Lyrikerin Aslı Serin habe ich über die Wut der Frau gesprochen, die sich im Laufe der Geschichte angesammelt hat, sowie über die Lyrik und die Literatur als Feld der Selbstverteidigung. Banu Özyürek, deren Protagonistinnen gnadenlos ehrlich zu sich selbst sind und bittere Ironie in Stärke verwandeln können, erzählte davon, wie man Selbstachtung und Selbstvertrauen bewahren kann, wenn man sich selbst als Subjekt konstruiert. Die kurdische Autorin Eylem Ata Güleç, die infolge jahrelanger Assimilationspolitik nicht in der Sprache ihres Volkes schreiben kann, habe ich sowohl nach der Literatur eines Lebens gefragt, das unausweichlich von der Politik geprägt wurde, als auch nach der Schwierigkeit, das erlebte Leid in Sprache zu übersetzen. An dieser Stelle sei hinzugefügt, dass man sich mit der kurdischen Frauenbewegung im Rahmen dieses Themas und auch abseits vom Literaturgeschehen eingehender beschäftigen sollte. Melike Koçak unternimmt einen persönlichen Spaziergang durch die Geschichte der türkischen Literatur und schreibt über Autorinnen, die durch die literarische Welt, die sie begründeten, andere Frauen inspirierten und für das Schreiben begeisterten. İpek Şahbenderoğlu behandelt die Literatur von Semra Topal, die in ihrer eigenen Art von Humor, Dunkelheit und Sprache durch den Karneval dieses Zeitalters wandert. Seval Şahin untersucht die unterschiedlichen Manifestationen von Macht in dem Buch Tehdit Mektupları [Drohbriefe] von Aslı Biçen, die jeden ihrer Romane in einem anderen Stil verfasst. Sevcan Tiftik, die mit der Queer-Theorie sehr gut vertraut ist, analysiert Belma Fırats Alışın Buradayız [Gewöhnt euch dran, wir sind hier] anhand von Charakteren, die keiner Heteronorm entsprechen.

Selbst wenn sie nicht Teil dieses Projekts waren, möchte ich an dieser Stelle den Verlag Güldünya Yayınları grüßen, der sich auf das Verlegen von Autorinnen spezialisiert hat, und Ayizi Yayınları ganz viel Kraft und Erfolg auf ihrem Weg wünschen.

Vielen Dank an alle, die diese visionäre Runde bereichert und unterstützt haben.

[1] Vgl. „,We have to rewrite the world.‘ The Fisherwoman’s Daughter“, in: Mother Reader, Seven Stories Press, 2001.

[2] Vgl. „When we women offer our experience as our truth, as human truth, all the maps change“, in Dancing At The Edge of the World: Thoughts on Words, Women, Places, Grove Press, New York 1989, S. 160.

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