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Julia Wolf
Flaneusen

„Ich wünschte, unsichtbar zu sein. Mich als ein Subjekt zu fühlen, das seine Umgebung abscannen darf, als Auge, das aufnimmt. Nicht als Körper, schwitzender Körper, der sich zu sehr betrachtet fühlt.“ Mit diesen Worten beschreibt Sibylla Vričić Hausmann in ihrem Essay „Feste Dinge“ ihre Gefühle bei ihren Streifzügen durch Sarajevo während eines Aufenthalts in der Stadt 2017. Der Text ist Teil der Anthologie „FLEXEN — Flâneusen* schreiben Städte“, herausgegeben von Özlem Özgül Dündar, Mia Göhring, Ronya Othmann und Lea Sauer. Der Band versammelt 30 Texte verschiedenster Art, Essays, Reportagen, Erzählungen, Gedichte über und von Flâneusen*. Das Sternchen ist hier zentral. Im Sinne von Lauren Elkin, deren Buch „Flâneuse — Frauen erobern die Stadt in Paris, New York, Tokyo, Venedig und London“ die Literaturgeschichte der Flâneuse nachzeichnet, und die mit einem Interview im Band vertreten ist, fassen die Herausgeberinnen die Flâneuse* nicht bloß als weiblichen Gegenpart zum männlichen Flaneur, sondern als eine „Figur“, deren Erleben „immer dadurch geprägt ist, dass sie marginalisiert wird“. Gemeint sind also Frauen*, People of Color, und queere Menschen. Für diese Flâneusen* gilt, so Lauren Elkin, dass sie sich nicht entscheiden können, in der Öffentlichkeit aufzutreten. Sie werden immer wahrgenommen und/oder angesprochen, ihr Verhalten wird kommentiert. Der eingangs zitierte Wunsch, unsichtbar zu sein, und somit die Sehnsucht, sich Erwartungen und Zuschreibungen im öffentlichen Raum entziehen zu können, findet sich dann auch in den Texten der Anthologie wieder. Etwa entscheidet sich die Protagonistin in Mirjam Aggelers Erzählung „Wenn du lächeln würdest“ aus Angst vor Übergriffen von Männern eine Hose statt des Minirocks anzuziehen. Und in Svenja Gräfens Erzählung „Schritte machen“ muss sich die Protagonistin nach der Geburt ihres ersten Kindes mit den Reaktionen ihrer Umwelt auf ihre lesbische Elternschaft auseinandersetzen. Wie gefährlich den Flâneusen* ihre Sichtbarkeit werden kann, zeigt auch Deniz Ohdes „Dresden — Chemnitz (Drei Männer)“. Am Tag nachdem in Chemnitz eine Person bei einer Messerstecherei getötet wurde und es daraufhin zu rassistischen Ausschreitungen kam, läuft die Protagonistin durch Dresden. Die Nachrichten über die Geschehnisse in Chemnitz, die erst nach und nach zu ihr durchdringen, vermischen sich mit Beobachtungen der Erzählerin in der Stadt, den Versuchen, vom Äußeren der Menschen auf ihre Gesinnung zu schließen, und der Sorge, dass die Leute an ihr selbst nicht nur die Linke und Intellektuelle erkennen könnten, sondern auch etwas, das ihr „in den Genen sitzt“ und sich nicht „austreiben lässt“. Deniz Ohdes Text macht das Gefühl wachsender Bedrohung durch rechte Politik und rechten Terror spürbar, in dem ein großer Teil unserer Gesellschaft derzeit lebt.

Die Flâneusen* schreiben Städte nicht nur, wie es im Titel der Anthologie heißt, sie lesen sie auch, deuten ihre Geschichte und Gegenwart. In „Alleen und Frauen“ von Anneke Lubkowitz begibt sich die Flâneuse* auf einen Spaziergang durch die Berliner Bezirke Wedding und Mitte, sie will so lange laufen, bis sie auf eine Straße stößt, die nach einer Frau benannt wurde. Spoiler Alert: Sie läuft lange. Und denkt beim Laufen über die Politik der Straßenbenennungen nach, über die Bedeutung von Namen und über Autorschaft. In „Am Bayerischen Platz“ von Judith Coffey beschreibt eine jüdische Person ihre Empfindungen bei den Begegnungen mit Tafeln, die am Bayerischen Platz in Berlin angebracht sind und die im genauen Wortlaut die antisemitischen Gesetze der Nationalsozialisten wiedergeben, um die Passant*innen zum Nachdenken über die eigene potentielle Mittäter*innenschaft anzuregen. Coffey stellt fest, dass bei der Konzeption dieses Denkmals offensichtlich nicht bedacht wurde, was die alltägliche, erzwungene Konfrontation mit der Shoah bei einer jüdischen Person auslösen könnte: „Das jüdische Publikum, das ist nicht vorgesehen. Es ist nur in der Vergangenheit real.“ Die Texte von Coffey und Lubkowitz verdeutlichen, dass die Flâneusen* im öffentlichen Raum als Objekte von Blicken und Zuschreibungen zwar oftmals schmerzhaft sichtbar sind, aber noch zu selten als Subjekte präsent sind. Hier setzen die Herausgeberinnen der Anthologie an, indem sie das Flanieren als einen Akt der Selbstermächtigung und Aneignung des öffentlichen Raums fassen. Besonders eindrucksvoll ist in diesem Zusammenhang die Reportage „Wie man eine Stadt erobert“ von Julia Lauter. Sie erzählt von Frauen in Indien, die sich tags wie nachts zu urbanen Spaziergängen verabreden, und mit ihrer Präsenz das traditionelle, von Männern dominierte Stadtbild stören. Den Gefahren des Flanierens, vor allem in der Nacht, trotzen diese Frauen mit Neugier und dem unbedingten Willen zur Selbstbestimmung. So wird Neha Singh, eine der Initiatorinnen der Bewegung, mit den Worten zitiert, nicht mit Fremden zu sprechen, sei einer der schlechtesten Ratschläge, der ihr als Kind eingebläut worden sei: „Wenn die Furcht sich zwischen sie und die Welt zu schieben droht, nimmt sie heute Anlauf und springt.“

Allen Texten in „FLEXEN — Flâneusen* schreiben Städte“ ist gemein, dass sie die bestehenden Verhältnisse hinterfragen. Im Interview definiert Lauren Elkin als subversiv jene Akte, die „die Welt aus der Fassung“ bringen und „die Art und Weise, wie unser Leben Normen unterliegt und wie diese entstehen“ in Frage stellen. Genau dies leisten die in der Anthologie versammelten Beiträge. Ihre inhaltliche und formale Vielfalt ist die große Stärke des Bandes.

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