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Sevcan Tiftik
Von Identitäts- und Erfahrungsvielfalt inspirierte queere Themen

Sevcan Tiftik
Sevcan Tiftik | Foto: Sevcan Tiftik

Als Protest ebenso wie als Repräsentationsanspruch sind in der zeitgenössischen türkischen Literatur im Vergleich zu früher vielseitigere Formen von Weiblichkeit präsent. An dieser Sichtbarkeit haben (neue) soziale Bewegungen und kritische Theorien einen erheblichen Anteil. Natürlich gab es auch schon vorher Abweichungen von der Norm und Einwände gegen sie in der Literatur. Tatsächlich ist es auch nicht verwunderlich, dass die Literatur als ein Feld der Praxis, der Zeugenschaft und der Erfahrungsvermittlung der Lehre des Öfteren voraus war.

Belma Fırats Buch Alışın Buradayız [Gewöhnt Euch dran, wir sind hier] ist ein sehr lautstarkes Werk, das sich vor allem auf die LGBTI+-Bewegung, die Gezi-Park-Proteste und queeren Feminismus bezieht. Das Buch, aufgeteilt in zwei Abschnitte mit den Titeln „Alışın“ [Gewöhnt Euch dran] und „Buradayız“ [Wir sind hier], thematisiert eine Reihe von Geschlechtsidentitäten und sexuellen Orientierungen außerhalb der Norm. Es handelt vom Aufmischen der Heteronormativität, vom Kämpfen, von Sichtbarkeit, von Selbstverleugnung, von politischen Zusammenschlüssen um der Umwelt willen, von Bäumen und ihrer Ermordung, von politisch begründeten Suiziden, von hoffnungslos Verliebten, vom Existenzkampf und dem Kampf um Gleichheit, von Kindern, von Jugendlichen, von Menschen mittleren Alters, von der Unterschicht, von den Anderen und den Anderen der Anderen.

Der Grund, diesen Aspekt hervorzuheben, liegt in der Vielfalt weiblicher Erfahrungen, der Dekonstruktion weiblicher (Hetero-)Normen und seiner offensichtlichen Beschäftigung mit den Inhalten queerer Theorie. Dieses Attribut trifft aber nicht nur auf Fırats ersten Erzählband Alışın Buradayız zu. In Kuyuda [Im Schacht] und Bugün Anne Gibi Değilim [Heute bin ich keine Mutter] erforscht sie ebenfalls den Körper und seine Entwurzelung zwischen Identität und Erfahrung, das soziale Geschlecht, Sexualität und die Dekonstruktion von Strukturen des Verlangens. Am deutlichsten unternimmt sie dies jedoch in dem Werk, um das es hier geht.

Alışın Buradayız ist nach dem Slogan benannt, den die LGBTI+-Bewegung der Türkei seit Jahren verwendet. Wenn jedoch der Buchtitel aus dem Slogan besteht und das Buch als „LGBTI+-Literatur“ bezeichnet wird, ist es dann auch queer? Ein Werk mit diesem Titel und Charakteren, die sich abseits von Zweigeschlechtigkeit und zweigeschlechtlicher sexueller Orientierung bewegen, muss ja nicht automatisch als queere Literatur gelten. Denn entgegen der allgemeinen Annahme, dass jedes LGBTI+-Thema und jede LGBTI+-Darstellung einen queeren Kern enthält, ist nicht notwendigerweise immer ein queeres Potenzial gegeben. Queer kann man nicht immer kategorisieren und es gibt auch sehr viel queer innerhalb der Norm.

Queer bedeutet nicht dasselbe wie LGBTI+. Queer ist auch kein Kürzel für alle Kategorien sexueller Orientierung und Geschlechter. Queer ist eine Bewegung, die von allem angetrieben wird, das andersartig ist, an der Diversität Gefallen findet und Normen aushebelt. Diese Bewegung ist Teil von Theorie, Praxis, Existenz- und Identitätsfragen, Verhalten und Sexualität.

Obwohl die Queer-Theorie erst im Jahre 1990 stärker in Erscheinung trat und als Arbeitsfeld aufkam, das die heteronormativ geprägten Grenzen essenzialistischer Geschlechterwahrnehmung, Körper, Identität und kultureller Organisation enthüllte und herausforderte, wurde das Wort queer bereits 1960 in Theorie und Praxis verwendet.

Queer, was auf Englisch in etwa seltsam, krumm, obskur, absonderlich, verdächtig, ungewöhnlich, wertlos, böse und unheimlich bedeutet, hat im türkischen Sprachgebrauch kein geeignetes Pendant. Daher wird sowohl das Wort „kuir“, eine phonetische Anpassung des englischen Wortes, als auch das übliche queer verwendet.

Dieses Wort, das im englischen Jargon „schwul“ bedeutet, hat laut Eve Kosofsky Sedgwick seinen Ursprung im Deutschen „quer“, im Lateinischen „torquere“ [verdrehen] und dem englischen Wort „athwart“ [kreuzweise], das sich aus der indoeuropäischen Wurzel „twerkw-“ entwickelt hat.[1]

Alışın Buradayız beschäftigt sich mit den Thematiken der Queer-Bewegung. Die Figur in der ersten Geschichte des Buches, „Buradayım“ [Ich bin hier] diskutiert darüber, was alles nicht queer ist. Der Text führt die Leser*innen direkt vom Taksim-Platz, der von Regenbogenfahnen umgeben ist, zur Pride-Parade. Die Leser*innen lauschen nicht bloß den Slogans und skandieren sie mit, sondern erleben inmitten von Körpern, die nicht in binäre Kategorien einzuordnen sind, gleichzeitig die Geschichte der LGBTI+-Bewegung der Türkei. Diese Geschichte führt uns von den Gezi-Protestzelten, den vertriebenen, ausgegrenzten und obdachlosen Menschen bis hin zu Gentrifizierungsvorhaben in der Avcılar-Meis-Wohnanlage und der Bayram-Straße, in der viele transsexuelle Menschen leben und arbeiten. Des Weiteren kommen in dem Buch viele Redewendungen des LGBTI+-Jargons [tr. Lubunca] vor und die Vielfalt von „Weiblichkeit“ kommt nicht nur in der ersten Geschichte, sondern im gesamten Buch zum Vorschein. Die Ungewissheit, was Körper abseits der Normativität der Geschlechterrolle „Frau“ beziehungsweise abseits akzeptierter Geschlechtszuschreibungen sind, ermöglicht es, Charaktere – die sich nicht kategorisieren lassen – und ihre Gender-Performativität zu queerisieren oder durch queere Einmischung zum Handeln zu bringen. In einer sexistischen Gesellschaft werden die Eigenschaften bestimmter Personen darauf beschränkt, was die Worte Transe, Drag, Freak, „Frau mit Pimmel“, „kein braves Mädchen“, intersexuell, androgyn, Fräulein, Mädchen, Kind, große Schwester und großer Bruder aussagen. Die Protagonist*innen dieses Buchs lassen sich von solchen subjektiven Etikettierungen aber nicht stören, sondern leben ihre Existenz, ihre Freude, ihre Wut und ihren Kampf weiter, ohne sich auf die Normen der Fiktion, der Autorin und der Literatur festnageln zu lassen. Im Endeffekt sind die Charaktere in Alışın Buradayız so, wie sie sein möchten: „so-od-er-so-si-nd-sie-Fr-au-en“ und „so-od-er-so-si-nd-sie-Mä-nn-er“.[2]

[1] Jason Edwards, Eve Kosofsky Sedgwick, Routledge, New York 2009, S. 62.

[2] Belma Fırat, Alışın Buradayız, NotaBene Yayınları, Ankara 2014, S. 32, 36 (aus dem türkischen Original ins Deutsche übersetzt).

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