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Hikmet Hükümenoğlu im Gespräch mit Şebnem İşigüzel
Über die Geheimnisse der Generationen: Körburun

Literatür Interview mit Hikmet Hükümenoğlu
© Goethe-Institut | Graphiker: Çağın Kaya, Fotograf: Ekin Özbiçer

Şebnem İşigüzel: Das Generationenthema ist eines der beliebtesten in der Literatur. Quasi in einem Atemzug lesen wir vom Leben von Frauen oder Männern und ihrer Heimat. Die Türen öffnen sich sperrangelweit. Diese Geschichten versetzen die Leser/-innen in eine gemütliche Ecke und erzählen auf unvergessliche Weise. Meine erste Frage bezüglich Körburun – eine fiktive Insel und gleichzeitig der Titel Ihres Romans, der eine Zeitspanne von dreißig Jahren (1960–1990) umfasst – handelt von der Begeisterung fürs Erzählen. Schöpft diese Begeisterung aus dem Wunsch, eine verborgene Geschichte zu erzählen, deren Folgen über mehrere Generationen zu spüren sind? Oder kam die Freude am Erzählen der Idee von Körburun zuvor? Welche Gedankenstränge haben Sie verfolgt und wie sahen Ihre Arbeitsschritte aus?

Hikmet Hükümenoğlu: Ich hatte die Arbeit an einem sehr anstrengenden, düsteren und verstörenden Roman erst kurz zuvor beendet. Ehrlich gesagt: Ich wollte danach an einem Projekt arbeiten, das mich mental weniger belasten würde. Ich hatte einige Kurzgeschichten im Kopf, hatte bis dahin auch noch keine Erzählungen veröffentlicht und dachte, dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen sei. Mit dieser Absicht hatte ich mich an den Schreibtisch gesetzt. Es ist dann aber etwas Eigenartiges passiert. Ich nehme an, dass mich beim Schreiben die schiere Freude am Erzählen gepackt hat. Die Texte, die als Kurzgeschichten intendiert waren, wurden immer länger. Die Erzählstränge begannen sich auf seltsame Weise ineinander zu verweben und zu verbinden. An diesem Punkt sagte ich zu mir: „Sei nicht so stur, das hier wird offensichtlich ein Roman.“ Also habe ich mich entschieden, eine Insel namens Körburun zu erschaffen und sie mit Protagonist/-innen zu besiedeln, deren Lebenswege sich überschneiden. Ganz neue Ebenen kamen dazu, die Familien vermehrten sich um neue Generationen. Dabei ist ein von sich aus wachsender, lebendiger Organismus entstanden.

Ich denke, dass sich die aufrichtigsten Geschichten immer in den Romanen finden lassen, die sich mit verschiedenen Generationen befassen. Vom Essen bis hin zu den Schlafzimmern, zu Liebesgeschichten, Geheimnissen, Enttäuschungen, Scham und Stolz – all das ist im Kern darin angelegt. Die Geschichte, die auf Körburun von Generation zu Generation überliefert wird, ist die vom Pogrom von Istanbul, das am 6. und 7. September 1955 stattfand. Ich nehme an, dass Sie zuerst dieses Datum bestimmt und später die Insel erschaffen haben. Ist dem so? Und was ist es, das Sie an diesem Datum besonders interessierte? Wie haben Sie Ihren Anker in der „Zeit“, von der Sie erzählen wollten, geworfen?

Das Rückgrat der Geschichte war der Umbruch in Istanbul und die Menschen, die sich von Generation zu Generation veränderten. Zum anderen aber auch die sich ständig wiederholende Geschichte... Wir leben in einem Land, in dem persönliche Traumata nicht von gesellschaftlichen zu unterscheiden sind. Da die Konfrontation mit einem Trauma kein leichtes Unterfangen ist, denken wir nicht viel über die Wiederholungen in unserer Geschichte nach. Bekanntermaßen sind die Ereignisse vom 6./7. September eines der schlimmsten Traumata unserer Geschichte. Wir wollen uns nicht erinnern, aber dieses Trauma hat sich in unserem kollektiven (Unter-)Bewusstsein festgesetzt. Es war eines der zentralen Wendepunkte dieser Zeit, in der Teile der Bevölkerung Istanbuls und damit auch ihr Kapital ausgetauscht wurden. Sogar die Gebäude, die wir heute noch betreten, die meisten Straßen, auf denen wir gehen – sie tragen Spuren von dem, was an diesen zwei Tagen geschah.

Bevor man zu schreiben beginnt, sollte man sich aufwärmen. Das entspricht in etwa der physischen Aufwärmphase vor dem Sport: Man dehnt die Seele mit den Dingen, die einen interessieren, und den Büchern, die man liest, die den Geist öffnen und die Fantasie freisetzen. Hatten Sie so eine Phase, bevor Sie sich an Körburun setzten? (Natürlich hat er das. Was du verwirrtes Ding wieder für Fragen stellst. Gezeichnet: Neriman [*]) Woraus haben Sie Ihre Inspiration bezogen?

Der Roman spielt von den 1960er Jahren bis in die 1990er. Ich wurde 1971 geboren, war also beinahe die Hälfte dieser Zeit gar nicht vorhanden. Aus diesem Grund musste ich den damaligen Alltag bis ins kleinste Detail recherchieren. Wo kaufte man damals seinen Fahrschein für die Bosporus-Fähre? Welche Lieder hörten die Leute? Außerdem stellte ich fest, dass mein historisches Wissen jenseits des „halb-offiziellen“ schulischen Geschichtsunterrichts sehr begrenzt war. Ich musste also unsere jüngste Geschichte studieren, suchte Zeitungen aus dieser spannungsgeladenen Zeit heraus und las die Kolumnen. Es war sehr hilfreich zu verstehen, was sich in den Köpfen der Menschen abspielte, um ihre Gedanken und Weltanschauungen nachbilden zu können. Leider sind die Möglichkeiten der Archiveinsicht in der Türkei sehr beschränkt, aber glücklicherweise haben wir Buchhandlungen, die alte Zeitungen und Magazine verkaufen. 

Haben Sie Lieblingsromane, deren Handlungen sich über Jahre und Generationen erstrecken?

Ich liebe lange Romane mit vielen Protagonist/-innen. Ich möchte nicht verallgemeinern, aber ich denke, dass ein gut geschriebener, langer Roman mich viel leichter mitreißt. Er geht mir nicht so einfach aus dem Kopf. Ein von mir sehr bewundertes Buch ist David Mitchells Der Wolkenatlas, dessen geniale Handlung sich nicht bloß über Hunderte, sondern über Tausende von Jahren erstreckt. Einer meiner größten Träume als Autor ist es, Mitchell eines Tages persönlich treffen und mich mit ihm unterhalten zu können. 

Körburun ist ein hervorragendes Beispiel dafür, was einen guten Erzähler ausmacht. Steckt darin das Geheimnis: eine Geschichte zu erzählen, die sich über so viele Jahre erstreckt? Wie die Märchen aus 1001 Nacht sind derartige Geschichten allein schon als Genre erfolgversprechend, aber auch kompliziert in der Umsetzung. Was hat Sie dazu bewogen, sich als Geschichtenerzähler in diesem Sinne zu versuchen?

In den Romanen davor habe ich immer mit komplexen Handlungssträngen gearbeitet. Ich wollte aber immer schon den klassischen Erzähler geben, der sich vom Zauber der Geschichte(n) mitreißen lässt. Dass ich dies mit Körburun geschafft habe, kann ich nicht auf eine konkrete Entscheidung zurückführen. Eher ist es das Resultat der Erfahrungen, die ich als Autor gemacht habe. Je stärker mein Selbstbewusstsein ist, desto freier fühle ich mich beim Schreiben. Ich bin zumindest zu Beginn viel weniger darum bemüht, den Lauf der Geschichte zu kontrollieren. Wenn der erste Entwurf fertig ist, muss ich natürlich mehrmals über den Text gehen und ihn formen wie ein Bildhauer, aber das Gefühl der Freiheit am Anfang hilft mir, meine Identität als Erzähler zu stärken.

Es muss sehr schwierig gewesen sein, eine Figur wie Neriman zu schreiben, die eine so schöne Überraschung parat hält. Wie haben Sie diese innere Stimme in Ihrer Protagonistin, die ihre Leser/-innen so sehr lieben, gefunden? Wie kam es zu dem Entschluss, sie auf diese Art zu gestalten? Ist dies nicht eine Haltung, die die Erzählerin, den Erzähler hinter der Geschichte in Frage stellt? 

Ich habe jeden Zeitabschnitt in Körburun aus der Sicht einer anderen Erzählerin beziehungsweise eines anderen Erzählers verfasst. Neriman war die Erzählerin des schwierigsten Teils, der die traumatischen Ereignisse enthält, die wir vorhin angesprochen haben. Im Mittelteil des Buches gibt es eine lange und verstörende Gewaltszene. Die Erzählfigur dieser Szene muss sozusagen das Gewissen des Lesers/der Leserin repräsentieren. Deshalb habe ich Neriman zu einer Figur gemacht, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Darüber hinaus hat sie sich zu einer verrückten, aber an sich völlig ausgeglichenen Frau entwickelt, die mit zwei Stimmen spricht und zwei Persönlichkeiten – die düstere wie auch die helle Seite der menschlichen Natur – in sich vereint. Mit diesem Abschnitt hätte ich nicht anders umgehen können. Am meisten Angst hatte ich davor, zu einem didaktischen Erzähler beziehungsweise Autor mit erhobenem Zeigefinger zu verkommen. Ich hoffe, dass mich Neriman davor bewahren konnte. 

Wenn in der Literatur und im Film Familien, Generationen und die Vergangenheit thematisiert werden, so ist dies meiner Erinnerung nach oft mit  unvergesslichen Mahlzeiten verbunden. Auch in Ihrem Roman kommt ein düsteres Abendessen vor. Diese Szene leitet ein Kapitel ein, in dem eindringlich von dem Bösen im Inneren eines ganz normalen Menschen erzählt wird. Das Schreiben dieses Abschnitts scheint mindestens genauso besonders wie das Schreiben des Romans selbst gewesen zu sein. Wie ist Ihnen die Idee dazu gekommen?

Die Fertigstellung des Romans hat mich vier Jahre gekostet, wovon ich mindestens ein Jahr lang damit beschäftigt war, diesen Abschnitt so zu gestalten, dass ich wirklich zufrieden sein konnte. Es hat nicht auf Anhieb funktioniert. Ich musste unzählige Änderungen vornehmen, bis ich schließlich den richtigen Ton traf. Nerimans Stimme zu modulieren, stellte sich als schwierig heraus. Sie besitzt eine innere Stimme, die so häufig Verwünschungen ausspricht, dass es beinahe komisch wirkt. In Anatolien hat diese Art von Verwünschungen eine reiche „kulturelle“ Tradition, aber die Flüche, die ich in meinem Alltag höre, belaufen sich auf höchstens zehn oder fünfzehn. Ich musste sehr viele Quellen durchforsten und eine richtige Fluch-Liste erstellen. Einen Teil habe ich sogar selbst erfunden. Dieser Aspekt der Arbeit war sehr unterhaltsam, aber insgesamt gesehen hat mich dieser Abschnitt psychologisch doch sehr belastet. Es ist anstrengend, in die Köpfe von nicht bloß einem, sondern zig Menschen schauen zu müssen, um von dem Bösen in ihnen berichten zu können.

Das Zeichnen des Bauernhauses in meinem Buch Venüs, das Zimmer, in dem die Frauen sitzen, und die Decken, die sie sich ansehen – ein fiktives Stadtbild Istanbuls im Jahre 1894 –, hat mich genauso glücklich gemacht wie das Schreiben selbst. Ich habe gehört, dass Sie das fiktive Körburun, sozusagen eine Erweiterung der Prinzeninseln, ebenfalls gezeichnet haben, bevor Sie es zu schreiben begannen. Haben Sie für diesen Roman auch Stammbäume, Daten-Tabellen und Kalender erstellt?

Natürlich! Ich habe mich mit Hunderten von Details befasst, wie dem Lageplan der Insel, den Stammbäumen der Familien, den Berufen und Ehepartnern der Einwohner/-innen, in welchen Häusern sie leben, welche Straße zu welcher Straße führt oder welcher Weg einen zum Supermarkt bringt. Ich hatte Notizbücher, Tabellen, Landkarten und Wandtafeln. Ich denke, dieser Teil der Arbeit an dem Roman hat mir am meisten Freude bereitet.

Wie schaffen Sie es, innerhalb dieses ganzen Generationengeflechts und des sich über Jahre ausdehnenden Handlungsstrangs nicht den Faden zu verlieren?

Eine riesige Excel-Datei. Ich habe für jeden der Charaktere eine Chronologie erstellt. Selbst wenn im Roman einige Dinge nicht erwähnt werden, musste ich alle Lebensabschnitte der Protagonist/-innen auf genaue Daten festlegen. Zum Beispiel: Wann hat X mit dem Studium begonnen, wann hat X geheiratet, wann ist der Vater von X gestorben? Außerdem musste ich diese Daten mit realen Ereignissen abgleichen. Wenn es in diesem Jahr einen Staatsstreich gab, wie lange dauerte die Ausgangssperre? Was stand in dieser Woche in den Schlagzeilen der Zeitungen? Welches Lied wurde im Radio gespielt?

[*] Eine Anspielung auf die Romanfigur Neriman in Körburun, die mit ihrer inneren Stimme spricht.

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