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Doğuş Sarpkaya
Von der Macht entstellte Persönlichkeiten

Eyüp Aygün Tayşir: 4 Hane 1 Teslim [4 Häuser 1 Kapitulation], İletişim, 2016.

Von Doğuş Sarpkaya

Wenn von einer Abfolge der Generationen die Rede ist, ist die Diskussionsgrundlage meist ein unangefochtener Fortschrittsglaube: die Grundannahme, dass der Geist der Aufklärung der Geschichte einen fortwährenden Schub nach vorne gibt. Als ob nicht nahezu die gesamte Menschheitsgeschichte gespickt wäre mit Machtkämpfen, die sich im Kreis drehen, und wir nicht bloß unterschiedliche, aber frustrierend stereotype Versionen des immer gleichen Stücks inszenieren würden! Wenn es doch einmal vorkommt, dass in der Geschichte für einen Sekundenbruchteil Funken aufleuchteten, vergessen wir zwar sofort, dass wir nur Figuren eines Vaudeville-Theaters sind, das seit der Entstehung der Klassengesellschaft wieder und wieder dieselben Szenen aufführt. Aber dann berührt uns jemand sanft an der Schulter und sagt: „Beruhig dich.“ Und plötzlich fällt uns auf, dass wir vergessen haben, wie unterschiedliche Machtverhältnisse alle Bereiche des Lebens durchdringen und nicht einmal die kleinsten sozialen Einheiten von Unterdrückungsmechanismen ausgenommen sind. Letztendlich müssen wir zugeben, dass es eine Illusion wäre zu glauben, der Fortschritt könnte seinen Ursprung in der Familie haben, sich von dort auf alle Institutionen ausbreiten und von Generation zu Generation weitergetragen werden.

Ein Familienepos

Wenn wir uns diesem Thema nähern, ist eines der ersten Werke, das einem in den Sinn kommt, Eyüp Aygün Tayşirs 4 Hane 1 Teslim [4 Häuser 1 Kapitulation], das sich mit den Ursprüngen von Machtverhältnissen im Mikrokosmos der Familie befasst. Dieser Roman, der uns schon auf der ersten Seite mit Nalân bekanntmacht und in dessen Zentrum die vier Häuser stehen, in denen sie ihr Leben verbringt, ist ein „Familienepos“, in dem gattungstypisch der Wandel innerhalb der Familie die Transformationen in der Gesellschaft widerspiegelt. Nalân, die Tochter einer Familie mit arabischen Wurzeln, die von Urfa in ein Istanbuler Slumviertel gezogen ist, ist eine junge Witwe. Ihre zweite Ehe wird sie mit Baki eingehen, den sie über eine Zeitungsannonce kennengelernt hat. Anhand dieser zweiten Ehe Nalâns stellt der Roman Themen wie häusliche Gewalt, Slumproblematik, Gentrifizierung, kulturelle Unterschiede und Klassengesellschaft zur Diskussion. 

Gleichzeitig muss aber betont werden, dass 4 Hane 1 Teslim in erster Linie die Verhältnisse innerhalb der Familie intensiv durchleuchtet und auf die Realitäten des Landes nur zwischen den Zeilen anspielt. Es ist offensichtlich, dass der Autor sich von der Last befreien will, die Welt in einem einzigen Roman erklären zu müssen – ein Anspruch, dem viele Romanautor/-innen in ihren Erstlingswerken erliegen. In der Tat schreibt Tayşir auch über die Deportation der Armenier und den Militärputsch vom 12. September 1980, streift diese Themen aber nur am Rand. Denn sein eigentliches Anliegen ist es zu zeigen, wie Familien und religiöse Institutionen den Menschen formen. Und dies demonstriert er in erster Linie an Vater-Sohn-Beziehungen.

Väter und Söhne

Es ist kein Zufall, dass Tayşir dieses Buch allen Vätern gewidmet hat. Der Titel des Buches bezieht sich auf die vier Häuser, in denen unsere (vermeintliche) Hauptfigur Nalân im Lauf ihres Lebens wohnt. Die Hauptachse des Romans ist aber die Beziehung zwischen Agâh, Baki und Sabri. Agâh, der ein naturwissenschaftliches Talent hat, lief von Zuhause fort, um zu studieren. Er möchte seinen Sohn Baki als disziplinierten jungen Mann mit einer ähnlichen Leidenschaft für die abendländischen Wissenschaften aufwachsen sehen. Dabei setzt er allerdings nicht auf Überzeugungskraft, sondern versucht Baki seinen Willen aufzuzwingen. Dieser reagiert auf den übermäßigen Druck mit Dilettantismus. Er scheint sich geschworen zu haben, mit allem Schritt zu halten, aber ohne die nötige Konsequenz, die echte Leidenschaft für eine Sache mit sich bringt. Bakis Sohn Sabri wiederum verhält sich zunächst wie die Kopie seines Vaters. Er erschafft sich jedoch sehr früh eine eigene Welt aus Büchern, was ihn langfristig vor dem Schicksal eines Abziehbildes bewahrt.

Obwohl Agâh und Baki unterschiedliche Persönlichkeiten zu sein scheinen, ähneln sie sich in dem, was sie tun. Beide heiraten Frauen unter ihrem Stand, die keine Schulbildung genossen haben. Beide sind hart und gleichzeitig wankelmütig in der Beziehung zu ihren Söhnen. Beide sehen ihre Kinder als Projekt an und scheitern. Der Autor rückt die Beziehung zwischen Vätern und Söhnen immer wieder in den Mittelpunkt des Romans, um die Persönlichkeit des Menschen und den überwältigenden Druck der Familie auf diese Persönlichkeit zu betonen. Darüber hinaus geben uns die im Roman auftauchenden religiösen Rituale wie auch die Diskussionen über Religion das Gefühl, dass nicht nur die Beziehung zwischen Vater und Sohn, sondern auch zwischen Gott und dem Menschen zur Diskussion steht. Diesen Strang hat der Autor in einem Vortrag über sein Buch selbst betont: „Wenn wir die Beziehung zwischen Vater und Sohn unter Berücksichtigung aller Formen dieser Beziehung auf die Frage von Gott und Mensch ausweiten, werden uns die verschiedenen Formen von Macht beziehungsweise die Formen unterschiedlicher Hierarchieebenen bewusst.“ 

Formales Gleichgewicht

4 Hane 1 Teslim setzt neben einer Ausgewogenheit des Ausdrucks auch auf andere Techniken. Man kann sagen, dass der Autor formal besonders eine Art „Segmentierungsmathematik“ anwendet: Beschreibende Details sind so in den Text eingespeist, dass keine dramaturgischen Nachlässigkeiten in der Erzählung auftreten. Darüber hinaus bedient sich Tayşir einer verkürzten Erzähltechnik, die an das retardierende Moment in Krimis erinnert: Kurz vor der Aufdeckung bricht er mit der Geschichte ab und erhöht so die Spannung bei den Leser/-innen. Tatsächlich werden wir über einige Details sogar ganz im Dunkeln gelassen, beispielsweise werden wir nie darüber aufgeklärt, warum es Baki nicht geschafft hat, in Deutschland zu leben. Diese Technik schafft bewusst Informationslücken bei den Leser/-innen, was zeigt, dass die Wirklichkeit eben unvollständig ist und sich nur teilweise erfassen lässt.

Taysirs Erstlingswerk 4 Hane 1 Teslim ist es gelungen, sowohl inhaltlich als auch formal ein inneres Gleichgewicht herzustellen, was höchste Anerkennung verdient. Eyüp Aygün Tayşir dringt tief in die durch unterschiedliche Machtkonstellationen entstellten Persönlichkeiten der Menschen ein. Sein Pessimismus, der auf der Unveränderlichkeit bestimmter Verhältnisse gründet, sollte daher als Einladung zur Diskussion verstanden werden.

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