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Kuratorin: Katerina Poladjan
Heimat

Our tea – we must mix it with sugar

Von Katerina Poladjan

Einige Male schon packten wir unsere sieben Sachen, saßen auf gepackten Koffern und wunderten uns, was sich im Laufe der Jahre so angesammelt hatte, was wir gehortet hatten in Ecken und Kisten und Laden. Das war unser Zuhause, sagten wir, und meinten damit auch die Kartons, die im Flur standen, fertig für den Abtransport. War Heimat in all den Dingen? Würden wir mit den Dingen ein Stückchen Heimat mitnehmen?

Zur gleichen Zeit in Kaufbeuren – zum Beispiel – ging ein hochgewachsener Mann aus Somalia – zum Beispiel – durch die Straßen. In Kaufbeuren gibt es einen Bäcker, der Brote backt von heimischem Schrot und Korn. Der Mann aus Somalia betrat die Bäckerei und zeigte auf einen Alemannenlaib. Das Wort sagte ihm nichts, so lange war er noch nicht in Kaufbeuren, aber er sah das Brot, und es erschien ihm gut. Geschnitten oder am Stück, wurde er gefragt und ganz selbstverständlich antwortete er: Am Stück.

Wir saßen also auf unseren Koffern, ein wenig mulmig war uns, und doch waren wir zuversichtlich, hatten schon erfahren, wie ein neues Habitat heimatlich wurde. Nach ein paar Jahren zogen wir wieder um. Wir sammelten unser Zeug ein. Wir nahmen unsere Heimat mit, wir parkten sie mal hier, mal dort.

Wenn es aber kein Umzugsunternehmen gibt, keinen Überseecontainer und schon gar kein sicheres Ziel? Leicht muss das Gepäck dann sein. Ein Tuch vielleicht. Papiere. Das Telefon. Eine Fotografie. Bei Heine finden wir das heilige Buch, das die Juden “aus dem großen Brande des zweiten Tempels gerettet, und es im Exile gleichsam wie ein portatives Vaterland mit sich herumschleppten”. Aber alle Dinge können verloren gehen, und sie gehen verloren. Und wahrscheinlich ist Heines Gedanke an ein portatives Vaterland gar nicht so zu deuten, dass wir in den Gegenständen wahrhaftig Heimat bei uns tragen können. Das wäre auch zu einfach, um wahr zu sein. Wenn es aber so etwas wie Heimat gibt, tragen wir sie möglicherweise nicht in sinnbehafteten Dingen, sondern in uns selbst. Aber wo? In einem einzigen Wort? In dem deutschen Wort Fensterrahmen, das die fast Hundertjährige beiläufig murmelt, ein Wort, das die fast Hundertjährige fast hundert Jahre nicht gesprochen hat, weil sie die Sprache in ihrer alten Heimat nicht sprechen durfte?

“Heimat ist Sprache”, schreibt Mechthild Lanfermann in dieser Publikation über das Buch Gegen die Welt von Jan Brandt. "Die Sprache, die man teilt, ist das Band, die Kontaktaufnahme. In einem weitgehend geschlossenen Mikrokosmos, in dem wenig Neues passiert, geht es selten um wirklichen Austausch von Informationen. Die immer gleichen Grußworte und Floskeln dienen der Selbstbestätigung in der geschlossenen Gruppe. Es sind Codes, die den Menschen vermitteln, zur Gemeinschaft zu gehören. Oder eben nicht.“ Und was passiert, wenn Codes nicht mehr greifen, wenn man in der neuen Heimat zuerst die Codes dechiffrieren muss? Ist man verloren? Muss man sich neu finden? Neu erfinden?

Unsre Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer,
unsre Heimat sind auch all die Bäume im Wald.
Unsre Heimat ist das Gras auf der Wiese,
das Korn auf dem Feld und die Vögel in der Luft
und die Tiere der Erde
und die Fische im Fluss sind die Heimat.
Und wir lieben die Heimat, die schöne
und wir schützen sie,
weil sie dem Volke gehört,
weil sie unserem Volke gehört.

So lautet der Text eines bekannten Liedes der DDR-Pionierorganisation “Ernst Thäl-mann”. “Ich habe das Lied als Kind in der Schule gesungen. Den Text kann ich immer noch auswendig aufsagen, die Melodie habe ich bis heute nicht vergessen“, schreibt Carola Weider in ihrem Text über Wolfgang Hilbig. Und weiter: ”Das Wort Heimat auszusprechen, es aufzuschreiben, ist nicht erst heute seltsam, mit unangenehmem Beigeschmack verbunden. Es war mir schon damals nicht geheuer, ich spürte, dass es ein für gewisse Zwecke benutztes Wort war, ein ideologisch aufgeladener Begriff: eine Lüge, zu der man mich zwang."

Das Wort Heimat ein ideologischer Begriff? Eine Lüge gar? Eine Lüge nur im untergegangenen realsozialistischen zweiten deutschen Staat? Wenn nicht nur da, was würde das für ein kürzlich in der Bundesrepublik Deutschland installiertes Heimatministerium bedeuten? Fest steht, dass der Begriff vielfach ideologisch missbraucht wurde und wird – als Vorwand für völkische Überlegenheitsfantasien, als vermeintliche Gegenreaktion auf die Globalisierung, Kampfbegriff weltweit erstarkender Nationalismen und als Chiffre für Ausgrenzung. Fest steht damit auch, dass es sich um eine problematische Benennung für ein Ministerium handelt, zu dessen expliziten Aufgaben dergesellschaftliche Zusammenhalt zählt.

Der Mann aus Somalia sitzt in einem kargen Zimmer, schneidet eine Scheibe vom Allemannenlaib, bestreicht sie mit Obazda. Noch so ein Wort, das ihm nichts sagt. Wir schauen bei Wikipedia nach: – in der Schweiz auch als Gmanschter bekannt ist eine pikante bayerische Käsezubereitung. In Franken heißt sie Gerupfter oder Angemachter. Der Mann sitzt in seinem Zimmer, isst das Brot und denkt an Jubaland, denkt daran, dass er gerade ein Taxiunternehmen gründen wollte, als sein Haus von Mitgliedern der al-Shabaab angezündet wurde. Nur nicht die Nerven verlieren, sagt er sich, wenn er schlaflos in seinem Bett liegt, wenn er an den Arzt denkt, der ihm in die Ohren schaute und Unverständliches verordnete, wenn er an den Kampf mit den Papieren und Formularen denkt. Die Aufforderung, den beruflichen Werdegang in Druckbuchstaben einzutragen, hat er überlesen, denn wo er herkommt, gab es zwar einen Beruf, aber keinen Werdegang in Druckbuchstaben. Der Mann kennt das deutsche Wort Heimat nicht. Für das, was in seiner Brust drängt und brüllt, ist das Wort Heimat zu eng, zu kurz, wie das Bett, in dem er nachts schlaflos liegt.

Aber wir wollen Heimat nicht vorschnell aufgrund ihrer negativen Konnotationen verwerfen, sondern vielmehr weiter nach ihrem Wesen und ihrer Verortung fragen. Die französische Philosophin Simone Weil schrieb einmal, dass es sich bei der Verwurzelung wohl um “das wichtigste und am meisten verkannte Bedürfnis der menschlichen Seele” handele. Davon absehend, dass der Mensch kein Baum ist, der Wurzeln schlägt, können wir durchaus annehmen, dass wir alle ein intuitives Bedürfnis nach Sicherheit und Zugehörigkeit haben. “Man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben”, schreibt Jean Améry in seinem Essay Jenseits von Schuld und Sühne, nachdem er als KZ-Häftling Auschwitz überlebt hatte.

Heimat, Verwurzelung, Zugehörigkeit, Zuhause – wo kommen wir her, wohin sind wir geraten, wo verorten wir uns? Vielleicht ist das Denken und Streiten über diese Begriffe eine Reaktion auf ein Gefühl existenzieller Unbehaustheit in einer Welt, die von vielen als bedrohlich empfunden wird, einer Welt, die zu vielen Menschen Herkunft und Zugehörigkeit versagt.

Senthuran Varatharajah antwortet auf die Frage “Wo bist du zuhause?” auf Ernst Bloch referierend mit dem Satz: “Zuhause ist ein Ort, an dem wir noch nie waren.” Ein fiktiver Ort also, eine Vision, ein Ziel, ein Ort in der Zukunft, ein Ort, der erst gedacht werden muss. “Heimat meint nicht Herkunft, sondern Utopikum, denn Hei-mat umfasst die Welt als Ganzes”, lesen wir in einem Artikel der Kulturwissenschaft-lerin Francesca Vidal zu Blochs Heimatbegriff. Auch Mathias Schönsee beschäftigt sich mit dieser Auslegung des Begriffs. Zugehörigkeit zu etwas, das noch vor uns liegt, das klingt doch sehr hoffnungsvoll, das klingt nach einer “Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die freie Entwicklung aller ist”, wie es im kommunistischen Manifest heißt.

Aber auch das Sentimentale wollen wir gelten lassen, die Erinnerung an etwas, das wir Heimat nennen, auch wenn wir wissen, dass es so nicht existiert, vielleicht nie existiert hat. Wir wollen uns erinnern an etwas Intimes, Zartes, an einen Geruch, an das Bild eines Straßenzuges, an Prousts Madeleine-Törtchen und an das Heimweh nach der Fremde – auf gepackten Koffern sitzend und vorfreudig auf das, was kommen mag. Meine Großmutter sagt immer, mach mir den Tee wie zuhause. “Our tea, we must mix it with sugar”.

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