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Mathias Schönsee
Der Ort, an dem noch keiner gewesen ist

Ein Streifzug durch die Heimat in der deutschsprachigen Literatur

Von Mathias Schönsee

„Faserland“ hieß der erste Roman von Christian Kracht, ein Trip durch das Deutschland der 90er Jahre. Er beginnt auf der Insel Sylt, an der nördlichsten Fischbude Deutschlands. Von dort reist der namenlose Protagonist binnen weniger Tage über Hamburg, Frankfurt, München bis ganz in den Süden des Landes, an den Bodensee. Überall hat er Bekannte, die er unbedingt wiedersehen möchte, er besucht teure Nachtclubs und exquisite Partys, doch was er auch tut, wird ihm rasch unerträglich. Jeder Ort, der ihn anzog, stößt ihn ab. Jede Begegnung bleibt untief und spröde. Nirgendwo ist ein Grund zu bleiben.

So lässt er sich treiben von enttäuschter Wut und dekadentem Überdruss. Die Stationen seiner Reise ergeben keinen Zusammenhang, sie verlaufen sich wie lose Enden im Nichts. Seine ererbter Reichtum und seine high class-Arroganz kaschieren kaum die Unsicherheit und Leere des bald Dreißigjährigen. Seine Verlorenheit. Heimatlosigkeit. Das Faserland ist ihm keine Heimat, und er hat auch nicht die Fähigkeit, sich irgendwo, bei irgendwem heimisch zu fühlen. Denn ein Gefühl von Heimat hat er nie erfahren.

Er ist ein Enkel der nationalsozialistischen Gesellschaft. Seine Eltern waren Kinder in dem schändlichen Krieg, den die Großeltern angezettelt hatten. Sie wuchsen auf in zerbombtem Städten, viele flohen aus ihrer Heimat im Osten bis tief in den Westen, zu Freunden, Verwandten. Da kamen sie unter und waren versorgt, und blieben doch in den unbekannten Städten Fremde im eigenen Land. Zu Hause aber nicht daheim.

Nicht wenige machten ein Vermögen in den Wirtschaftswunderjahren. Aber Geld ist keine Heimat. Und die auf den Trümmern rasch hochgezogenen, funktionalen Häuser gaben dem Land ein geistloses Gesicht. Aber den Geist des untergegangenen Deutschland wollte auch keiner restaurieren. Wer konnte noch stolz sein auf ein Land, das so unfassbare Gräuel über die Welt gebracht hatte? Wer mochte sich geborgen fühlen unter Menschen, von denen so viele Nazis gewesen waren? Die Heimat war verdächtig. Manche hielten mit zünftigem Trotz an der Heimatliebe fest und pflegten Traditionen. Doch der nächsten Generation war das Land zunehmend – unheimlich. Für sie war jede Identifikation mit Deutschland obsolet.

Alle Hauptfiguren in Krachts späteren Romanen sind Umherziehende, Getriebene, Entwurzelte. Christian Kracht wurde 1966 in der Schweiz geboren, und bei vielen Schriftstellern dieser Generation ist Heimat zugleich eine unerreichbare Sehnsucht und ein tabuisierter Ort.

„Etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat“ schrieb Ernst Bloch, und die Suche nach diesem verlorenen Etwas ist ein wiederkehrendes Motiv in der deutschsprachigen Literatur. Die Suche nach dem Ort, an dem noch keiner gewesen ist (Tim Staffel), und der Freundschaft sein könnte, eine Berührung, ein Moment der Geborgenheit, der Tod oder die Liebe.

„Heimat ist einfach da, wo du Freunde hast“, textete Udo Lindenberg in seinem Song „Ali“. Das war eine zarte High-Five für einen jungen Türken. Ali war in Hamburg geboren, doch er fühlte sich an der Elbe ebenso wenig zugehörig wie in Ankara. Eine Verlorenheit zwischen den Welten, die bis heute viele Türkinnen und Türken in Deutschland teilen. Und doch berührte Lindenbergs Vers 1981 nicht nur seine türkischen Fans. Auch bei den jungen Deutschen traf er das dunkle Gefühl, im wirtschaftsstarken und wieder bewaffneten Deutschland nur halbwegs zu Hause zu sein. Lindenberg schuf, mit ein paar anderen Musikern, immerhin einen neuen Sound für das Land, er rief die Bunte Republik Deutschland aus. Anders, divers, schwul oder bi – nur keine Panik.

Gleichwohl, eine Heimat wird daraus noch nicht. Das Wort bezeichnet zunächst einen Ort. Doch zur Heimat wird er durch ein Gefühl, das von einem Dreiklang aus Landschaft, Menschen und lokaler Kultur hervorgerufen wird. Wir lernen dieses Gefühl in der Kindheit kennen. Doch der Ort, der es auslöst, verändert sich mit der Zeit. Die politischen Verhältnisse, Familiengeschichten, Schicksalsschläge und Erfolge färben den Dreiklang der Heimat in Dur oder Moll, machen ihn harmonisch oder atonal. Die Veränderungen kommen allmählich oder rapide, aber sie kommen unausweichlich. Heimat ist ein Ort, der im Strom der Zeit verloren geht – jedem von uns auf eigene Weise, mit unterschiedlicher existenzieller Härte. Heimat wird zerstört oder umgebaut, geflohen oder verlassen. Und sogar wenn sie sich kaum verändert, wird sie mit den Jahrzehnten zu einer Chimäre. In der Erinnerung verblasst das lebendige Gefühl der Kindheit zu einem blutleeren Gespenst.

Jenny Erpenbeck wurde 1967 in einem Land geboren, das es heute nicht mehr gibt. Die ostdeutschen Landschaften und Städte, die zur DDR gehörten, bekommen nach der Wiedervereinigung des geteilten Deutschland ein neues Gesicht. In ihrem Roman „Heimsuchung“ erzählt Jenny Erpenbeck die Geschichte eines Grundstücks über ein Jahrhundert. Von der Weimarer Republik bis nach der Wiedervereinigung. Häuser werden gebaut und vergrößert, Menschen ziehen ein und aus, jüdische Bewohner werden vertrieben, Nazis feiern Partys, dann dürfen verdiente DDR-Bürger dort wohnen. Die Heimat verändert sich, das Haus bleibt ein Zuhause. Nach dem Verschwinden der DDR wird alles abgerissen und die Landschaft sieht für einen Moment wieder so aus wie vor der Bebauung.

Erpenbecks Haus stand ganz im Osten des Landes, nicht weit von einem See in Mecklenburg, auf dem in den 50er Jahren Uwe Johnsons hinreißende Romanfigur Ingrid Babendererde mit ihrem Freund Klaus segeln ging. Zu der Zeit formiert sich gerade die DDR: Auf dem alten Gymnasium werden die nationalsozialistischen durch kommunistische Lehrer ersetzt. Die Schülerinnen und Schüler müssen Mitglied in der Freien Deutschen Jugend sein, die christliche Gemeinschaft wird hingegen ausgegrenzt. Doch wenn die Schule aus ist, fliehen Ingrid und Klaus aus der Enge der aufkeimenden Diktatur. Sie lieben den Wind im Gesicht und das Gleiten des Boots auf dem Wasser. Sie sind verbunden mit dieser herben Landschaft, sprechen den erdigen Dialekt der Menschen, ja, sie teilen sogar die Idee des Kommunismus. Doch da der ihnen die Luft abschnürt und Ingrid nicht einmal ihr Abitur machen darf, weil sie für Meinungsfreiheit eintrat, flieht das junge Paar in den Westen, in eine Lebensweise, die beide eigentlich für die falsche halten. Es ist ein „Kommen in viel Veränderung“.

Genau auf der anderen Seite des Landes, in dem westdeutschen Künstlerdorf Worpswede steht das Haus der Familie Kück. Wie dieses Haus im Moor versinkt, erzählt Moritz Rinke in seinem Roman „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“. Paul Kück, wie Rinke ein Kind der 68er-Generation, will den alten Familiensitz mit allerlei Stützkonstruktionen retten. Vergeblich. Während das Haus zerfällt und versackt, kommt nicht allein unappetitliche Familiengeschichte zu Tage, sondern auch ein Verbrechen, das Pauls berühmter Künstler-Großvater begangen hat.

So verliert Paul den Ort seiner Kindheit, doch er ist auch befreit von der Bürde des Unausgesprochenen, von den hässlichen Geheimnissen, die im familiärem Verschweigen konserviert waren wie Leichen in der Tiefe des Moors. Auch die Leichen sind ein Teil der Heimat.

Paul kann also aufbrechen und sich eine neue Heimat suchen, eine eigene. Anders als die Umhergetriebenen bei Christian Kracht, tragen Paul Kück und Ingrid Babendererde ein Gefühl von Heimat in sich. Es mag ein beschädigtes Gefühl sein, aber sie kennen die Verbundenheit mit dem Land und den Menschen, sie sind fähig, sich wieder zu verbinden. Sie müssen die Reise in die Welt machen und sehen, ob sie für die Heimat, die sie in sich tragen, einen neuen Ort finden.

In den Gesellschaften der Zukunft leben Menschen aus sehr verschiedenen Ländern und Kulturen zusammen. Heimat verändert sich weiter, weltweit, durch Kriege, politische Verwerfungen, nicht zuletzt durch den Klimawandel. Es wird eine wichtige Fähigkeit sein, sich heimisch zu machen in der Fremde mit Fremden, einen gemeinsamen, demokratischen Ort zu erschaffen und doch Individualität und die kulturelle Identität zu wahren. Der Verlust der Heimat gehört zum Menschsein seit der Vertreibung aus dem Paradies. Und ein Satz Herrmann Hesses ist beides, hochaktuell und auch überzeitlich: „Heimat ist nicht da oder dort. Heimat ist in dir drinnen, oder nirgends.“

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