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Hannah Dübgen
Heimat, das Wesen mit den gleißenden Augen

Von Hannah Dübgen

Rezension zu Katerina Poladjans Roman: In einer Nacht, woanders, 2011, Rowohlt Berlin 

Katerina Poladjans Debütroman erzählt von einer Reise der Ich-Erzählerin Mascha an ihren Geburtsort, Bykovo, ein russisches Dorf einige Autostunden von Moskau entfernt. Eine Reise, die schnell zu einem Ausflug ins Innere, in die Vergangenheit wird, zu einem Trip, in dem Gegenwart, Erinnerung und Traum ineinanderfließen, für die Erzählerin wie für den Leser ununterscheidbar werden.

Das Haus sei doch ihre Kindheit, heißt es zu Beginn von dem Haus, das verkauft werden soll und wegen dessen Mascha überstürzt von Berlin aus nach Bykovo aufbricht. Aber ist der Ort, an dem sie geboren ist und die ersten Schuljahre verbracht hat, auch – noch immer – ihre Heimat oder zumindest ein Teil davon? Wenn wir von Heimat, von unserem Zuhause sprechen, sprechen wir dann überhaupt von einem Ort oder vielmehr von dem Gefühl, dem Gemüts- und Bewusstseinszustand, der sich in uns an diesem Ort einstellt? Ein Zustand, der von Gefühlen wie Vertrautheit und Geborgenheit ebenso geprägt ist wie von dem Bewusstsein einer klar umrissenen, auch in die Vergangenheit hinein fassbaren, stabilen Identität? Diese Fragen stellen sich im Verlauf des Romans, denn kaum in Bykovo angekommen löst jeder Baum, jedes Tier und jedes Zimmer im Haus von Maschas Kindheit Erinnerungen in ihr aus: Erinnerungen an den kleinen grünen Mann, mit dem Mascha früher auf dem Dachboden Gespräche geführt hat, an die Feste, die ihre Großmutter, die große Tamara, im Garten feierte, oder an die rote Nelke, die Mascha an ihrem ersten Schultag in Russland überreicht wurde. Doch kann Mascha und können wir als Leser diesen Erinnerungen trauen? “Ich sehe einen Hund. Es ist einer dieser Wölfe”, ist ein typischer Satz in diesem Roman, in dem von nun an vom Wolf gesprochen wird, obwohl es sich bei dem Tier, das freiwillig ins Haus gelassen wird, wahrscheinlich um einen Hund handelt. Aber Mascha empfindet den Hund offensichtlich als einen Wolf, ein gefährliches wie anziehendes Wesen. Und gegen Ende des Romans ist es wiederum dieser Wolf, der beobachtet, was vielleicht in der Vergangenheit geschehen ist; eine Szene, die bei Mascha die Frage aufwirft, ob ihr leiblicher Vater wirklich der ist, den sie bislang dafür gehalten hat. Eine Frage, die wie so viele Fragen in diesem Roman offen bleibt. Entscheidend ist vielmehr, dass die Frage, was wahr ist und was nicht, und was damals geschehen ist, im Laufe des Romans immer unwichtiger wird, je stärker dafür etwas anderes wird: Maschas Sinn dafür, wer sie ist. “Ich bin das, was meine Erinnerung ist”, erkennt sie, “Erinnerung, die hier im Holz, auf dem Dachboden und in den Bäumen lebt.” Gleichzeitig wird ihr klar, dass sich diese Erinnerungen auf ein Leben beziehen, das der Vergangenheit und nicht der Gegenwart angehört; und das nicht nur, weil sie Pjotr, den Freund der Familie, als einen “Teil von etwas, das vergangen ist” erlebt, sondern auch, weil sich Mascha in Bykovo plötzlich “sehr deutsch” fühlt, wenn sie mit Pjotr und einem potentiellen Käufer des Hauses spricht.

Mascha wird sich selbst gewisser und merkt gleichzeitig, dass Bykovo nicht mehr ihre Heimat ist. Und dass es ihr letztendlich um diese Selbstvergewisserung ging, zeigt ein zentraler Gedanke Maschas im Roman: “Manchmal will ich so sehr die Wahrheit wissen, dass ich mich mit einer Lüge begnüge, wenn sie nur als Erklärung taugt für all das, was ich erinnere und fühle. Jede Wahrheit muss erst einmal passend gemacht werden.” In Bykovo jedoch, im Haus ihrer Kindheit, wird Mascha klar, dass es vielleicht gar nicht die Wahrheit war, die sie suchte und bislang vermisste, sondern eher das Gefühl, zu wissen und zu spüren, wer sie ist.

Und so verlässt Mascha den Ort ihrer Kindheit mit dem Gedanken: “Wir haben keine andere Zeit als diese”. Und diese Erkenntnis wirkt tröstlich, fühlt sich nach jener Ruhe, dem geerdeten Gefühl eines Zentrums an, nach dem Mascha gesucht hat. Mascha fährt zurück nach Berlin, ihrem Zuhause und Nicht-Zuhause, und besucht dort ihre kranke, seit Jahren verwirrte Mutter, deren Beweggründe in der Vergangenheit Mascha nicht mehr verstehen muss, um ihr in der Gegenwart nah zu sein.

Insofern kann der Roman auch als Emanzipation von dem Gedanken verstanden werden, man bräuchte eine örtliche Heimat oder müsse alle Geheimnisse der Vergangenheit aufklären, um zu wissen, wer man ist. Man kann zwischen Welten wandeln – zwischen Deutschland und Russland, zwischen Innen und Außen –, solange man spürt: Jetzt und hier bin ich da, weiß, was zu tun ist und tue es.

Eins jedoch darf bei diesem oft wunderbar komischen Text nicht unerwähnt bleiben: Auch in Momenten größter Verunsicherung verliert die Ich-Erzählerin nie ihren Humor. So rettet sie sich beispielsweise, als ihr immer kälter wird, mit Selbstironie in den Gedanken: “Ich könnte in Würde auf der Veranda erfrieren”, oder macht sich über sich selbst lustig, wenn es ihr mehrfach nicht gelingt, ein Feuer im Ofen zu entfachen. Doch vor allem die Vergleiche der Ich-Erzählerin sind ebenso originell wie komisch: So sieht Maschas Sitznachbar im Flugzeug beispielsweise aus wie ein “Bäcker, dem die Brötchen gut gelungen sind”, oder das Lachen Pjotrs klingt “wie das Lachen einer reichen Dame, die ihren Mops ausführt und eine andere reiche Dame mit einem Mops trifft.” Kann ein Mensch, der seine Umwelt derart gewitzt wahrnimmt, so unsicher sein, wie Mascha manchmal scheint? Offensichtlich ja, und doch erlaubt dieser wunderbare Humor – den manch einer sicherlich als einen “russischen” oder “russisch gefärbten” Humor bezeichnen würde – die Frage: Ist ein Mensch nicht auch bei sich, ‘er oder sie selbst’ in diesen Momenten der humoristischen Wahrnehmung, des Lachens, in jenen Augenblicken, die nicht absichtsvoll herbeigeführt werden können, sondern sich einstellen, wenn man einfach da ist?

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