Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Mechthild Lanfermann
Petkum, Oldesum und Tergast

Ein Streifzug durch die Heimat in der deutschsprachigen Literatur

Von Mechthild Lanfermann

Die Menschen in dem Roman von Jan Brandt heißen Ubbo Busboom, Kurt Rhauderwiek und Paul Tinnemeyer. Sie leben in Orten wie Petkum, Oldesum und Tergast. Busboom, Rhauderwiek und Tinnemeyer, diese Namen sind wie ein rauer Wind, wie Herbstwetter von September bis Mai, wie salzige Luft. Solche Namen finden sich in den Telefonbüchern der kleinen Orte in Norddeutschland.

Heimat steckt bei Jan Brandt in den Namen.
Sie erzählen Geschichten. Ubbo Busboom war der Erbe eines Waldstücks, Kurt Rhauderwieks Vorfahren kamen vermutlich von der Küste bei Rhaude im Emsland. Vielleicht waren diese Bezüge aber auch nur erfunden, von sehnsüchtigen jungen Männern und Frauen, die die Nase voll hatten von dem Leben, das sie führen sollten, und die sich wegträumten, abends nach der Arbeit auf dem Feld, wenn sie das Schwarzbrot mit ihren faulen Zähnen kauten. Und die eines Tages auf ihrem Nachhauseweg einfach weitergingen, an ihrem Dorf vorbei, Richtung Süden. Denn im Norden war das Meer. Und wenn sie eine Weile gegangen und müde waren, irgendwo hielten, wo niemand sie kannte – das musste nicht weit sein, denn die Gegend, die zu einem gehörte, die man Heimat nannte, war noch eng umgrenzt –, dann antworteten sie auf die Frage, von wo sie kämen, vielleicht mit einer erfundenen Geschichte. Kann doch sein, dass Ubbos Großvater gar kein Waldstück besessen, sondern nur als Köhler dort beschäftigt gewesen war. Und Kurt Rhauderwieks Ahn nicht am Meer gelebt, aber immer davon geträumt hatte.
Alles nur erfunden, aber zu viel Fantasie ist nicht gut, wenn die Luft so klar ist und kein Hügel den Blick verstellt, dann soll man zupacken und nicht träumen und schon gar keine Geschichten erzählen.

Daniel Kuper, die Hauptfigur in Jan Brandt Roman „Gegen die Welt“, ist so einer, der zu viel Fantasie hat. Seine Eltern, Birgit und Hard Kuper, haben Antworten bevor Fragen gestellt werden. Sie sind eingemauert in ihrem Biedermann-Idyll, knapp tausend Seiten fasst ihr Unglück, aber wenn der Leser dann erfährt, wie sie mit ihrem Sohn Daniel umgehen, dann ist es aus mit dem Mitleid. Dann erscheint die Mutter noch schlimmer als der Vater mit seinem Gürtel, weil sie auch eine von der Sorte ist, die zu viel träumt, weil sie es besser wissen müsste und ihren Sohn trotzdem nicht schützt.
Heimat kann sich eng anfühlen. Das Dorf war überall, heißt es in dem Buch. Für Daniel gibt es kein Entkommen.

Ich bin in einem Ort aufgewachsen, der noch kleiner ist als das fiktive Jericho, in dem der Roman spielt und der in vielem an Jan Brandt Heimatstadt Leer erinnert. Zu einer Drogerie hat es bei uns nie gereicht, dafür gab es drei Kneipen mit angeschlossenen Tante-Emma-Läden. Eine davon hatten meine Eltern. Ich bin also genau wie Brandts Hauptfigur vom norddeutschen Einzelhandel geprägt.

Heimat ist Sprache.
In den 70er Jahren tauchten in der Oldenburgischen Volkszeitung Artikel auf, in denen davor gewarnt wurde, mit den Kindern Plattdeutsch zu sprechen. Kinder aus entlegenen Orten, die bis zur Einschulung kein Hochdeutsch kennenlernten, hätten es später schwer. Die Aufgabe, in der ersten Klasse zusätzlich zum Unterrichtsstoff eine neue Sprache zu lernen, überfordere viele und ließe sie scheitern. Meine Mutter beschloss, mit mir, ihrem jüngsten Kind, Hochdeutsch zu sprechen. Obwohl meine älteren Geschwister bereits zur Schule gingen und keinerlei Probleme hatten, dem Unterricht zu folgen, machte der Zeitungsartikel ihr Sorgen. Sie selbst war nur in der Volksschule gewesen und hatte nach dem frühen Tod ihres Mannes den Betrieb am Laufen gehalten. Aber auch wenn es nicht ihr Weg gewesen war, achtete sie auf die Bildung ihrer Kinder. Sie war stolz, wenn es im Dorf hieß, die Kinder vom August sind schlau. Wir waren viel länger ihre Kinder als seine, aber das wurde nicht erwähnt.
Später, als ich auf dem Gymnasium war, besuchten mich manchmal, selten, Schulfreundinnen aus der Kreisstadt. Verwundert mussten sie beim Essen an dem großen zerschrammten Holztisch in unserer Küche mitanhören, wie bilateral die Worte hin- und herflogen. Ich sprach hochdeutsch, meine Mutter und die Geschwister platt. Uns fiel es schon lange nicht mehr auf. Heute denke ich, dass es kein Zufall war, dass ich als Einzige in der Familie aus der Gegend weggegangen bin. Ob die Journalisten daran gedacht hatten, damals bei der Oldenburgischen Volkszeitung?

Die vertrauten Worte und Redewendungen bewirken ein Zusammengehörigkeitsgefühl bei denen, die diese Codes benutzen. Und sie schaffen eine Distanz zu den Menschen, die sie nicht benutzen.
Ein bindendes Netz entsteht durch Exklusivität, das heißt aber auch, dass diese Ausübung von sprachlicher Heimat bei allen anderen eine Fremdheit erzeugt, ein Ausgestoßensein. Das kann den Wunsch erwecken, diese fremd gewordene Heimat zu verlassen, einen anderen Ort, eine andere Lebensform, vielleicht sogar eine zweite Heimat zu finden.
Dabei ist der Unterschied zwischen denen, die bleiben und denen, die weggehen, gar nicht groß. In den meisten steckt der Wunsch, einen Platz zu finden, der passt, der es einem möglich macht, im Reinen mit sich selbst zu sein, vielleicht der einzige Weg, um zufrieden zu leben.

Von den drei Gasthäusern mit Tante-Emma-Laden in meinem Heimatdorf existiert heute noch eines, nicht, weil es so viel einbringt, sondern weil der alte Heinrich, der es führt, nichts anderes machen kann und weil der Kirchenrat und der Gesangsverein sich irgendwo treffen müssen. Unser Laden ist schon seit vielen Jahren geschlossen. Wir haben die Gaststätte zu einer Einliegerwohnung für meine Mutter umbauen lassen. Dort sitzt sie jetzt am Kamin und wenn sie aus dem Fenster schaut, dann ist es der gleiche Blick auf die Dorfstraße, den sie all die Jahre hatte, in denen sie hier saß und Bier zapfte und Schnaps eingoss. Aber jetzt, sagt sie, entscheidet sie, wen sie bewirtet. Meine Mutter hat sich ihren Humor bewahrt.

Das Dorf meiner Kindheit gibt es nicht mehr und auch Jan Brandts fiktiver Ort Jericho verändert sich. Das Friesenhuus, die alte Schmiede, die Molkerei werden abgerissen, Schuh Schröder, Polsterei Tinnemeyer und Fahrrad Oltmanns schließen. Uniforme Zweckbauten beherbergen nun ALDI, LIDL, KIK und EDEKA. Auf den Kuhweiden von früher stehen jetzt Einfamilienhäuser mit Trampolinen in den Gärten, das Moor wurde trockengelegt und in ein Industriegebiet verwandelt.

Die Hauptfigur Daniel Kuper kehrt noch einmal in seine Heimat zurück, verachtet, verfemt, bedroht. Er wird sich spektakulär und brandgefährlich verabschieden und es wird mindestens ein weiterer Mensch sterben. Das letzte Wort hat aber nicht er, sondern der Nachbarsjunge Volker, der nie wirklich dazugehörte und immer auf dem Beobachtungsposten blieb. Volker erzählt von seiner großen, alles verzehrenden, alles überwindenden Leidenschaft für Daniel. Und so steht am Ende dieses fast tausendseitigen Heimatromans von Jan Brandt nicht der Hass, sondern die Liebe.

Zur Themenseite „Zuhause“ des Projekts LiteraTür

Top