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Interview mit Jean Molitor

Architekturfotografie als Kulturaustausch – ein Interview mit Jean Molitor

Von Hannah Jung

Herr Molitor, Sie sind im Rahmen des Residenzprogramms „Fotografie“ des Goethe-Instituts für vier Wochen in Ankara. Ihre Leidenschaft liegt derzeit in der Architekturfotografie mit einem Fokus auf die klassische Moderne und das Bauhaus. Wie kam es dazu?

Im Jahr 2009 bin ich von einer Freundin nach Burundi eingeladen worden und erhielt den Auftrag, Häuser zu fotografieren, die für den Abriss vorgesehen waren. Die Architektur sah nachher auf den Bildern noch einmal ganz anders aus, als im normalen Stadtleben. Das war wirklich phänomenal. Und das war eigentlich der erste Schritt hin zur modernen Architektur. In Berlin fing ich an, mich intensiver mit der Thematik zu beschäftigen. Allmählich ist daraus eine Art Sammelleidenschaft sowie das bis heute anhaltende Projekt "bau1haus" entstanden.

Wir sind ja inmitten des 100-jährigen Bauhaus-Jubiläums. Wodurch zeichnet sich Ihr Projekt "bau1haus" aus? Und wie wirkt sich Ihr künstlerischer Ansatz auf die Architekturfotografie aus?

Ich habe einen besonderen künstlerischen Anspruch, den ich als minimalistisch bezeichnen möchte. Ohne den dokumentarischen Charakter zu verlieren, versuche ich „ablenkende“ Dinge zu vermeiden, Unruhen sozusagen, wie zum Beispiel zu viele Menschen, zu viele Autos, zu viel Müll, Kabel, die durchs Bild gehen oder Bäume. Ich möchte, dass man sich auf die fotografierte Architektur konzentriert. Die Fotos sind alle im gleichen Format, schwarz-weiß und aus einer ähnlichen Perspektive fotografiert. Die Häuser sind alle fast immer ganz drauf. Das unterstützt natürlich auch in gewisser Weise diesen Gedanken jener Zeit, auch des Bauhauses, in eine industrielle Fabrikation zu kommen und überflüssige und schmückende Elemente zu vermeiden. Dieser minimalistischer Ansatz kann auch zur Folge haben, dass die Fotos an sich als zeitlos empfunden werden. 

Nun fotografieren Sie in Ankara und Adana. Was hat Sie eigentlich in die Türkei geführt?

Zunächst die Einladung von Frau Dr. Eva Marquardt, die das Goethe-Institut Ankara leitet. Dafür danke ich. Dann aber die Neugierde und unbedingt natürlich die Reiselust! Und ich fotografiere in dem Projekt nicht nur, sondern mache mir auch mit einer Architekturhistorikerin Gedanken darüber, wie sich die Moderne verbreitet hat. Dieser Prozess ist in der Türkei unmittelbar mit Atatürk verbunden, der nicht nur Architekten, sondern auch Wissenschaftler, Künstler und weitere Berufsgruppen aus Deutschland einlud, um die Republik mit aufzubauen. Begünstigt wurde dieser Prozess natürlich auch dadurch, dass deutsche, zumeist jüdische Wissenschaftler und Hochschullehrer aus Hitler-Deutschland vertrieben wurden. In Ankara wird man architekturgeschichtlich erneut an diese einerseits tragische, andererseits aber positive deutsch-türkische Geschichte erinnert. Dies ist für das Projekt "bau1haus" natürlich ganz spannend, weil es ein ganz wichtiger Aspekt der Verbreitung dieser Formsprache in der Welt ist.

Wie sind Sie auf die von Ihnen fotografierten Bauwerke in Ankara und Adana gestoßen?

Also ganz wichtig ist mittlerweile die Recherche Zuhause übers Internet. Ohne das Internet ist meine Arbeit gar nicht denkbar. Im nächsten Schritt werden diese Vorinformationen überprüft, weiter verfolgt und vertieft oder fallengelassen. Dabei suche ich eine Grundorientierung und die architektonischen Grundformen für mein Projekt. Zudem habe ich mittlerweile weltweit ein riesengroßes Kommunikationsnetz, in dem Leute mitforschen. Jede Woche bekomme ich neue Informationen. Entscheidend ist aber vor allem, dorthin zu fahren, wo sich die Gebäude befinden. Du kannst beim Hinfahren dann noch so viele Sachen entdecken, wie in Ankara und Adana.
 
Wie hat sich das Projekt "bau1haus" in der Türkei entwickelt?

Es ist so spannend hier, dass man eigentlich die Zeit abschaffen wollte. Das ist ja auch ein sehr gutes Zeichen, das bedeutet ja, dass du angekommen bist, dass du dich wohl fühlst, dass du praktisch in Harmonie produktiv-kreativ werden kannst. Mit den Ergebnissen bin ich sehr zufrieden; ich habe sehr viele moderne Gebäude fotografiert. Ganz ohne Unterstützung geht es natürlich nicht, so habe ich hier viele Tipps bekommen. Tolle Menschen haben mich begleitet – von Dr. Eva Marquardt über Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Goethe-Instituts und Dr. Umut Şumnu bis zu meiner Assistentin in Ankara, Melek Aydoğan.

Was möchten Sie mit ihrem Projekt erreichen?

Natürlich ist Fotografie eine Kunst und eine künstlerische Ausdrucksform. Allgemein ist die Ursprungsidee gewesen, mit der ästhetischen Fotoausstellung auf die moderne Architektur hinzuweisen, evtl. sie vor Verwahrlosung und dem Abriss zu bewahren, wie die erste von Paul Bonatz geplante und gebaute Siedlung in der Türkei, die Saraçoglu Mahallesi. Den großen Wert des Projektes sehe ich eigentlich darin, dass eine Art Bestandsaufnahme gemacht wird, um die Moderne in ihrer Formvielfalt im Bereich der Architektur aufzuarbeiten.
 
Krönung Ihres Aufenthaltes in Ankara ist die Ausstellung „bau1haus. Die Moderne in Ankara und in der Welt“ am Goethe-Institut Ankara. Worin liegt die Bedeutung Ihrer Fotos für den deutsch-türkischen Kulturaustausch?

Die deutsch-türkischen Beziehungen haben eine lange und tiefreichende Geschichte. Wir können uns an viele gute Zeiten des friedlichen Miteinanders und Dialogs erinnern. Wir haben viel zusammen geschaffen – in Deutschland und in der Türkei. Darauf sollten wir uns berufen! Die Architektur ist in diesem Zusammenhang ein gutes Beispiel für den vorbildlichen deutsch-türkischen Kulturaustausch. Der Ausstellung ist zu entnehmen, dass die moderne Architektur in der Türkei nicht ein einseitiger und allein von deutschen Architekten eingeleiteter und durchgeführter Prozess war, sondern ein Kulturaustausch zwischen Architekten beider Länder. Schließlich zeigt die Ausstellung auch Gebäude von sehr wichtigen türkischen Architekten. Zudem darf man nicht vergessen, dass sich die moderne Architektur weiterentwickelt hat.
 
 

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