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ArtUp!
Medialer Raum für Entwicklungen in der Kunst

Jenny Marketou - Looking out of my window / Ein-Kanal Video
© Jenny Marketou

Die Ausstellung „Nachbarschaften X.0“ ist zweifellos einer der Höhepunkte des Projektes ArtUp!. Sie zeigt, was dabei herauskommt, wenn Künstler aus den drei Ländern sich mit der gegenseitigen nachbarschaftlichen Wahrnehmung auseinandersetzen. So vielfältig wie ihre Methoden und Mittel sind, so facettenreich sind auch die ausgestellten Werke.

Mal meint man eine Hand zu erkennen, dann schemenhaft zwei Stühle. Graue Schatten legen sich in rasendem Tempo übereinander, bilden mit neuen Bildern immer wieder andere Formen. War das gerade eine Straßenlaterne? Dann blättern sich die Schatten langsam wieder ab, übrig bleibt das Weiß des Hintergrundes, auf dem sich erneut Schattierungen bilden.

Zeyno Pekünlüs Videoinstallation „Balkan Shadows“ erzählt mit Schattenbildern, die sie auf dem Balkan gesammelt hat, die Geschichte der Nachbarschaft der Länder der Region. Das Werk der türkischen Künstlerin ist Teil der virtuellen Dauerausstellung „Nachbarschaften X.0“, die seit Ende September 2012 im Rahmen des Projekts „ArtUp!“ zu sehen ist.

Überblick über die Medienkunstszene

Die Internet-Plattform ArtUp!, die von den Goethe-Instituten Ankara, Sofia und Athen entwickelt wurde, möchte Medienkunst aus den drei Ländern einem internationalen Publikum präsentieren und Künstler miteinander vernetzen. In fünf Sprachen stellt sie Informationen über die Kunstschaffenden zur Verfügung, die in diesem freien, virtuellen Raum für jedermann zugänglich sind. Die Plattform ist ein Ort, an dem sich neue, aber auch schon etablierte Künstler austauschen, neue Ideen zu Ausstellungen und Workshops entwickeln und ihre Werke einstellen können, um so gemeinsam eine virtuelle Medienkunstsammlung zu etablieren.Wie sehen die Medienkunstszenen in Bulgarien, Griechenland und der Türkei aus? Welche Bedeutung hat Medienkunst überhaupt in diesen Ländern? Welchen Themen widmet sich die jeweilige Szene? Welche Strömungen sind zu beobachten? ArtUp! untersucht die Ursprünge der Medienkunst und zeigt Werke der Video-, Klang- und Netzkunst im Internet, die die Künstler selbst hochladen können. Schon jetzt finden sich etwa 90 Künstlerportraits auf der Plattform, die Datenbank soll stetig erweitert werden. Das Ziel ist eine umfassende digitale Bibliothek für Medienkunst im Länderdreieck Bulgarien, Griechenland und Türkei.

Zeyno Pekünlü sitzt auf einem geschwungenen Sofa in dem abgedunkelten Ausstellungsraum und betrachtet die vorbeitreibenden Gäste. Die Vernissage ist gut besucht, junge Studenten sitzen auf Hockern vor den Bildschirmen, andere haben Kopfhörer auf und schauen Filmsequenzen an, die Menschen bei einem nächtlichen Bad im Meer zeigen. Ein älterer Herr bleibt stehen und guckt ebenfalls auf die Bildschirme. Bevor er weitergeht murmelt er, dass dieses Geflackere ja wohl nichts mit Kunst zu tun habe. Zeyno Pekünlü schockieren solche Reaktionen nicht. Freunde traditioneller Kunst kommen derzeit im Goethe-Institut Ankara tatsächlich weniger auf ihre Kosten. Denn das, was dort ausgestellt wird, sind neue Formen der ästhetischen Darstellung. Sie sind schnelllebig und durchaus gewöhnungsbedürftig. Medienkunst, so nennt sich diese Richtung, schafft neue Formen mit technischen Mitteln. Sie bedient sich Bildern, Tönen, Texten oder Codierungen und erschafft Neues daraus, das oft nichts mehr von der Ursprungsform erkennen lässt. Einen Eingang in die kommerzielle Kunstwelt hat die Medienkunst bisher jedoch noch nicht wirklich gefunden – vielleicht ist sie zu unbequem dafür: „Diese Form der künstlerischen Umsetzung von Erlebtem stellt alles Dagewesene auf den Kopf“, sagt die 32-jährige Türkin.

Virtuelle Medienkunstsammlung

Ähnlich äußert sich auch die griechisch-stämmige Medienkünstlerin Jenny Marketou, die eines ihrer Werke in der Ausstellung „Nachbarschaften X.0“ zeigt: Neue Medien und Technologien beeinflussten unsere Art zu leben, zu arbeiten, zu konsumieren und zu kommunizieren. Sie veränderten unsere Wahrnehmung von Subjektivität, Geschichte, Sprache, sozialen Beziehungen, Raum und Zeit. Neue Formen der Kunstproduktion seien eine logische Konsequenz daraus.

Die Idee zu der Plattform hatten die Bibliotheksleiter der drei Kulturinstitute in der Türkei, Bulgarien und Griechenland. Zahlreiche Informationen über Medienkünstler fänden sich zwar im Netz, aber sie seien nicht gebündelt und meistens nur in der Sprache der Künstler zugänglich, sagt Nico Sandfuchs vom Goethe-Institut Ankara. Man müsse sich lange durchs Netz klicken, um sich über Künstler, Installationen und Klangteppiche ein Bild zu machen. In der Türkei sei die Szene beispielsweise sehr aktiv, es gäbe zahlreiche, meist jüngere Kreative, die Erstaunliches mit der gar nicht mehr so neuen Technik anstellten. Es ist nicht nur eine Spielerei mit Pixeln und bunten Bildern, sondern mit dem Gebrauch dieser neuen Werkzeuge wird bewusst und kritisch hinterfragt, was in der Welt vor sich geht und was die Nutzung des Digitalen für die Existenz, Kreativität und Kultur bedeutet.Mit dem Anwachsen der Szene müsste aber auch ihr Bekanntheitsgrad größer werden und die Produktionen einen angemessenen Platz in der klassischen Kunstszene finden. ArtUp! bietet den Künstlern diese Chance. Für Jenny Marketou ist die Plattform „ein wunderbares Beispiel und Ergebnis dessen, wie Neue Medien Produktions- und Präsentationsmethoden in der Kunst verändert haben“. Die von ArtUp! gewährten Einblicke in das Schaffen anderer Künstler und mögliche Kooperationen, regional oder international, vermittelten ein besseres Verständnis füreinander.

Ausstellungen im Rahmen von ArtUp!

Die Ausstellung „Nachbarschaften X.0“ ist zweifellos einer der Höhepunkte des Projektes ArtUp!. Sie zeigt, was dabei herauskommt, wenn Künstler aus den drei Ländern sich mit der gegenseitigen nachbarschaftlichen Wahrnehmung auseinandersetzen. So vielfältig wie ihre Methoden und Mittel sind, so facettenreich sind auch die ausgestellten Werke. Bei einigen flackern die Bilder sekundenschnell über den Bildschirm, bei anderen scheinen es Stillleben zu sein. Jenny Marketous Installation besteht zum Beispiel aus kleinen Quadraten, in denen sie Videoausschnitte zeigt, die mit einer speziell entwickelten Applikation auf YouTube und anderen Sozialen Netzwerken gesammelt wurden. Der Bulgare Raycho Stanev hingegen widmet sich in seiner interaktiven Installation der Vertreibung der türkischen Bevölkerung aus Bulgarien im Jahr 1989. Auf Schnipsel hat er seine persönlichen Erinnerungen daran geschrieben, sie hängen auf einem großen Plakat an der Wand. Davor ein Laptop, auf dem man Zeitzeugenberichte in der Landessprache hören oder sich über die Geschichte dieser Nachbarschaft informieren kann. Die Videodokumentation der griechischen Künstlerin Anna Lascari zeigt in Zeitlupe eine Straßenkreuzung in Athen, Stadtbusse fahren langsam vorüber, Fußgänger schreiten vorbei, scheinbar schwebend. Die Bilder wirken wie vorbeiziehende Wolkenbilder.

Das Schwierige an der Präsentation dieser Kunstform ist, dass man viel Zeit und Ruhe braucht, um sie zu betrachten, obwohl sich die angewandten Mittel selbst so rasch wandeln und neue Verformungen möglich machen. Doch es bedarf heutzutage nicht unbedingt eines Museums, um all diese Werke zu betrachten und sich darüber Gedanken zu machen. „Sie können sich jetzt einfach die Arbeiten auch in Ruhe zu Hause im Internet bei ArtUp! ansehen,“ sagt Zeyno Pekünlü und verabschiedet sich.

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