Am 30. Oktober 1961 unterzeichneten die junge Bundesrepublik und die Republik Türkei in Bonn ein Anwerbeabkommen für die Anwerbung von Arbeitskräften. Viele Gastarbeiter:innen der ersten Stunden verließen Deutschland über die Jahre. Aber ein Großteil der Gastarbeiter:innen aus der Türkei blieb. Deutschland sollte für viele von ihnen zur neuen Heimat werden. Die Einwanderung von Menschen aus der Türkei nach Deutschland ist eine endlose Geschichte von Höhen und Tiefen, aber auch von großen Erfolgen. Viele ehemalige Gastarbeiter:innen und ihre Kinder und Enkelkinder, haben unser Land nachhaltig und positiv geprägt. Sie sind heute in allen Bereichen der Gesellschaft anzutreffen. Sie übernehmen Verantwortung und tragen zu einem friedlichen Miteinander unserer Gesellschaft bei. Trotz aller Probleme, wir können mit Stolz von millionenfacher gelungener Integration reden. Aber die millionenfachen Erfolgsgeschichten und die Integration der ehemaligen Gastarbeiter:innen und ihrer Nachfahren sind ein weithin unbekannter Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte, auch heute noch.
Was haben die Gastarbeiter*innen und ihre Kinder erfahren und erlebt?
Wo stehen wir heute, nach 60 Jahren Deutsch-Türkisches-Anwerbeabkommen?
Wer sind diese neuen Deutschen?
Özcan Mutlu
Özcan Mutlu ist am 10. Januar 1968 in Kelkit, Türkei geboren. Von 2013 bis 2017 war er Mitglied des Deutschen Bundestags für Bündnis 90/Die Grünen und dort Sprecher für Bildungs- und Sportpolitik, Stellv. Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Parlamentsgruppe und Wahl- und Prozessbeobachter für die Türkei. Er ist Präsident des Behindertensportverbands Berlin und Mitglied der UNESCO-Kommission Deutschland. Von 1999 bis 2013 gehörte er dem Abgeordnetenhaus von Berlin an, von 1992 bis 1999 der Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Kreuzberg. 2019 erhielt er den Kybele-Preis der Deutsch-Türkischen Freundschaftsföderation. Er war Senior-Fellow der Stiftung Mercator am Istanbul Policy Center, German-Israeli Young Leader der Bertelsmann Stiftung und MMF-Fellow des German Marshall Fund.
@FH Dortmund / Ahmet Toprak
Ahmet Toprak ist ein deutscher Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund mit türkischer Herkunft. Als Autor widmet er sich Themen mit interkulturellem Ansatz, wie dem interkulturellen Konfliktmanagement und der Situation deutsch-türkischer Migrantenfamilien in Deutschland, vor allem der Beratungsarbeit mit jungen Männern. Toprak plädiert dafür, in der pädagogischen Arbeit mit Jugendlichen Methoden der „konfrontativen Pädagogik“ stärker anzuwenden und die interkulturelle Kompetenz von Pädagogen zu fördern. Er besuchte die Grundschule in der Türkei und anschließend eine Hauptschule in Köln. Er berichtet, dass ihm Abitur und Studium weder seine Hauptschullehrer noch seine Eltern zutrauten, die meinten, er solle Schlosser werden. Doch er traf eine Vereinbarung mit seinem türkischen Vater: Wenn er das Abitur in der Türkei nicht bestehen würde, käme er nach Deutschland zurück, um Dachdecker zu werden. In seinem Buch „Auch Alis werden Professor: Vom Gastarbeiterkind zum Hochschullehrer Taschenbuch – 6. November 2017“ verarbeitet er diese Erfahrung. Nachdem er 1990 die Allgemeine Hochschulreife erlangte, studierte er Anglistik in Ankara, Germanistik an der Universität Bonn und Pädagogik an der Universität Regensburg. Toprak promovierte 2001 in Pädagogik an der Universität Passau und ist seit 2007 Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund im Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften.