Ausstellung
Neugierige Objekte

Neugierige Objekte
Foto: Cenkhan Aksoy

Goethe-Institut Istanbul

Der Ausstellungstitel „Neugierige Objekte“ ist eine Anspielung auf die im 16. Jahrhundert im Zuge der Renaissance entstandenen Wunderkammern, einer Art Kuriositätenkabinette. Wunderkammern waren private Sammlungen von außergewöhnlichen natürlichen oder vom Menschen geschaffenen Objekten und dienten als Bemühung, dem Wissen um die Dinge eine Ordnung zukommen zu lassen.
 
Im Dämmerungszustand des gegenwärtigen technologischen Umbruchs vervielfältigen sich das Wissen und die Objekte mit einer enormen Geschwindigkeit. Diese Vervielfältigung schafft neue Fragen, zieht neue Erklärungen nach
sich; in der gleichen Geschwindigkeit nimmt auch unsere Neugierde zu.
 
Über das Jahr verteilt lädt das Goethe-Institut in drei zusammenhängenden Ausstellungen mit den Titeln „Gedankenobjekte“, „Erinnerungsobjekte“ und „Objekte der Begierde“ Künstler*innen dazu ein, ihre aus dem Gegenwärtigen entstehende Neugierde zu vergegenständlichen.
 
Objekte der Begierde
Darağaç-Kollektiv
4. März 2021 – 15. Juli 2021

 
Die Ausstellung “Neugierige Objekte” lässt sich unter drei Überschriften zusammenfassen: Gedanke, Erinnerung, Begierde. Begriffe, die gleichzeitig drei Daseinszustände unseres Lebens –ja vielleicht der gesamten menschlichen Existenz- beschreiben. Es ist, als seien Erinnerungen und Begierden unsere Vergangenheit und Zukunft in der Unendlichkeit des Denkens. Im Spannungsfeld von Begehren und Erinnern repräsentiert das Objekt der Begierde zuweilen das, was wir noch nie besaßen, doch manchmal auch jenes, was wir verloren haben. Während die Künstlerin des Darağaç-Kollektivs Tuğçe Akay in einer Nische Objekte, die sie von Anwohnern  gesammelt hat mit den ureigenen Sehnsüchten des dem Kollektiv seinen Namen gebenden Viertels vereint, monumentalisiert der Künstler Cenkhan Aksoy gestrige Begierden anhand von Fundstücken seiner eigenen Vergangenheit. Ali Kanal wiederum vergegenständlicht in seiner Arbeit die Sehnsucht nach Leben und Tod und verortet sie zwischen Tradition und Gegenwart. In der vom Cem Sonel bespielten Nische schlußendlich findet sich eine Auseinandersetzung mit Begierden als Beziehung zwischen Subjekt und Objekt und ihrer von Spiegelungen und Täuschungen durchaus abhängigen Beschaffenheit.   
 
 
Ruhe in Frieden
Ali Kanal

Ist eine Todessehnsucht möglich? Obwohl Leben und Tod Gegensätze darstellen, verlangt ihre starke gegenseitige Verbindung eine ganzheitliche Betrachtung. So sehr Leben ein gewöhnlicher und vorhersehbarer Zustand ist, mindestens so sehr ist der Tod unbekannt und außergewöhnlich. Die tiefgreifende Angst, die wir dem Tod gegenüber empfinden ist der Annahme geschuldet, dass er uns unbekannt sei. Im Wesentlichen handelt es sich um eine Angst vor dem Unbekannten, die so eindringlich ist, dass sie Leben und Tod vollends voneinander trennt. Das Leben vom Tod und den Tod vom Leben losgelöst zu betrachten führt somit zu einer unvollendeten Vorstellung, einer verunstalteten Begrifflichkeit. Empfindet ein Mensch die gleiche Freude im Angesicht des Todes wie des Lebens, so begreift er das wahre Wesen des Daseins. Also gilt es, den Tod in gleichem Maße herbeizusehnen wie das Leben.
 
 
Illusion
Cem Sonel

Der Raum als gesellschaftliche Erscheinung wird greifbar durch die neue Selbstverortung des modernen Subjekts innerhalb der chaotischen Struktur des Informationsflusses. Der Raum und die Begrifflichkeit des stadtgebundenen Raumes hören auf, „Reflexion“ zu sein. In der dialektischen Beziehung, die das Subjekt mit dem Objekt eingeht, entwickeln sie sich selbst zum Objekt der Begierde. Guy Debord spricht im Zusammenhang mit dem Spektakel vom „Kapital, das einen solchen Akkumulationsgrad erreicht, dass es zum Bild wird“. Hal Foster stellt fest, dass dies mittlerweile auch im Umkehrschluss funktioniert, also als „Bild, das einen solchen Akkumulationsgrad erreicht, dass es zum Kapital wird“. „Reflexion“ verwandelt sich in „Illusion“. Bilder sind die neue Ware. Neue Technologien bringen mittelbare Instrumente hervor, die sowohl den Zugang zu Information als auch die Produktionsprozesse vereinfachen und zu einer Akkumulation von Wissen führen. Diese Akkumulation erschwert das Verständnis des Faktischen und fördert sogar eine trügerische Lesart, die als erstrebenswert erscheint.
 
Relikt 2021
Cenkhan Aksoy

Relikt kam ans Licht, als ich an einem gewöhnlichen Tag in der Nachbarschaft ein Skizzenbuch wiederentdeckte. Es könnte sein, dass diese Aufzeichnungen von Cenkhan Aksoy stammen, aus einem parallelen Leben etwa oder auch aus einer vergangenen Zeit. Ein Skizzenbuch, das vom gesellschaftlichen Leben, der Politik, den wirtschaftlichen Bedingungen, Naturkatastrophen und persönlichen Beziehungen jener Zeit zu berichten versucht. Gleichzeitig aber hat es einen Panzer um sich, ein Schutzschild, das es beschirmt und unzugänglich macht. Als handelte es sich um das zum ersten Mal entdeckte Artefakt einer vergangenen Zivilisation oder um ein Objekt aus der neuen Welt...
 
 
Anleitung
Tuğçe Akay
Das Dutzend in der von Tuğçe Akay bespielten Nische zusammengestellter Gegenstände stammt von den Bewohnern des Viertels Umurbey in Izmir. Umurbey ist eine alte, in der Nähe von Alsancak gelegene Gegend der Stadt. Das Viertel beherbergt gleichzeitig auch zahlreiche kleine Autowerkstätten und ist Heimstatt des Darağaç-Kollektivs. Die in der Nische installierten Objekte gehören Bewohnern des Viertels, dem Lebensmittelhändler, dem Automechaniker, dem Ortsvorsteher, der alten Nachbarin, dem Kaffeehausbetreiber, dem Straßenverkäufer, dem Restaurantbesitzer, der Künstlerin. Die Gegenstände, die sie uns zur Verfügung gestellt haben, bilden ein persönliches Archiv des Viertels. Denn ein Viertel ist ein Gebilde, das auf der Fähigkeit der in ihm lebenden Menschen fußt, miteinander auszukommen, zu koexistieren. An jedem Objekt in der Nische hängt eine an einer Schnur befestigte Gebrauchsanleitung. Diese Anleitungen beinhalten Informationen über den jeweiligen Besitzer des Gegenstandes. Die Gebrauchsanleitungen leisten einen spielerischen Beitrag zur Neuinterpretation der sehr wirklichen, mitten aus dem Leben eines Viertels in Izmir entliehenen Ausstellungsobjekte.
 
Kurzbiografien

Ekmel Ertan (Kurator)

Ekmel Ertan ist Kurator, Künstler und Pädagoge. Ertan ist einer der Mitbegründer der in İstanbul ansässigen amberPlatform/BIS, einer Forschungs- und Produktionsplattform zu Kunst und neuen Technologien. Zusätzlich zu den von ihm kuratierten Ausstellungen in der Türkei und in Europa, war Ertan der künstlerische Leiter und Hauptkurator des internationalen "amber Art and Technology Festival" in Istanbul, das zwischen 2007 und 2015 veranstaltet wurde. Seit 2007 fungiert Ekmel Ertan als Lokalkoordinator und Leiter zahlreicher internationaler EU-Projekte auf den Gebieten der Kunst und Technologie. Er stellt seine Arbeiten in den USA, Europa und der Türkei aus. Seit 1999 unterrichtet Ekmel Ertan an der Bilgi Üniversitesi, Yıldız Teknik Üniversitesi, dem TBT-Programm der Istanbul Teknik Üniversitesi sowie der kunst- und sozialwissenschaftlichen Fakultät der Sabancı Üniversitesi Neue Medienkunst und Design. Zurzeit hat er einen Lehrauftrag an der Kunst- und Designfakultät der Izmir Ekonomi Üniversitesi. Ertan lebt in Izmir und arbeitet in Izmir, Istanbul und Berlin. (www.forumist.com)
  
Darağaç-Kollektiv
Das früher als Darağaç bekannte Viertel Umurbey liegt zwischen dem Alsancak-Stadion und Halkapınar und wurde in der Vergangenheit als Industriegebiet genutzt. Heute beherbergt es zum Teil noch immer kleinere Industriebetriebe sowie mittlerweile zahlreiche Künstlerateliers. Darağaç bezeichnet aber auch die Gesamtheit der Ausstellungen, die sich durch intensive Dialoge und Diskussionen zwischen den Künstlern, die das Viertel besuchen und dort leben sowie produzieren, entwickelt haben und gereift sind. Das Hauptanliegen von Darağaç besteht darin, jungen Künstlerinnen und Künstlern Räume zum Ausstellen ihrer Werke sowie Möglichkeiten des Diskurses zu eröffnen, die aufgrund einer noch weitestgehend in den Anfängen befindlichen Galerieszene und einer geringen Anzahl von zur Verfügung stehenden Künstlerateliers und Ausstellungsräumen in Izmir Mangelware sind. Das Kollektiv fokussiert sich auf die Erprobung neuer Kunstpraktiken im öffentlichen Raum und lädt Künstlerinnen und Künstler hierzu ein.
 
Ali Kanal
Ali Kanal wurde 1988 in Izmir geboren. Er schloss sein Studium der Bildhauerei an der Fakultät der Bildenden Künste der Dokuz Eylül Üniversitesi in Izmir 2015 mit dem Bachelor ab. An der gleichen Fakultät absolviert er seit 2017 einen Masterstudiengang in Bildhauerei. Er lebt in Izmir und arbeitet in seinem Atelier im Darağaç-Viertel. Seit 2016 hat er einen festen Platz in der aktuellen Kunstszene der Stadt und ist Teil des Darağaç-Kollektivs, das seinen Namen ebendiesem Viertel verdankt. 
 
Cem Sonel
Cem Sonel wurde 1985 in Ankara geboren. Er absolvierte seine Gymnasialbildung an der Nevzat Ayaz Anadolu Teknik Meslek Lisesi mit dem besonderen Unterrichtsschwerpunkt Grafikdesign. Es folgte ein Bachelor-Studium in Grafikdesign an der Fakultät der Bildenden Künste der Hacettepe Üniversitesi. 2009 war er einer der Mitbegründer des Street Art - Kollektivs KÜF Project. 2014 wurde er zum Masterstudiengang Bildhauerei am Institut für Bildende Künste der Hacettepe Üniversitesi zugelassen. Er organisiert Street Art – Workshops, nimmt am öffentlichen Diskurs teil und stellt seine Arbeiten in Gruppenausstellungen vor. 2017 verlegte er sein Atelier nach Darağaç in Izmir, wo er seine Kunst- und Designarbeiten sowohl individuell als auch im Kunstkollektiv des Viertels durchführt.
 
Cenkhan Aksoy
Cenkhan Aksoy wurde 1990 in Izmir geboren. 2015 schloss er sein Studium der Malerei an der Fakultät der Bildenden Künste der Dokuz Eylül Üniversitesi ab. Er ist weiterhin Masterstudent der gleichen Universität. 2013 organisierte Aksoy verschiedene Ausstellungen mit der Initiative Sütüdyo Devam, im selben Jahr folgte auf Einladung des TORUN-Kollektivs in Ankara eine Einzelausstellung mit dem Titel “Kendi Kendine”. Im Jahr 2019 präsentierte er seine Arbeiten in der Einzelausstellung “Zaman Ayarlı“ in der Galeri A in Izmir. Er ist Teil der Initiative 6x6x6 Izmir sowie des Kollektivs Karantina Mekân. Aksoy lebt und arbeitet in Alsancak, Darağaç, wo er seit fünf Jahren als Gründungsmitglied dem Darağaç-Kollektiv angehört. 
 
Tuğçe Akay
Tuğçe Akay wurde 1992 in Izmir geboren. Sie studierte Malerei an der Fakultät der Bildenden Künste der Dokuz Eylül Üniversitesi. Akay lebt und arbeitet in Izmir. Sie ist Teil des Darağaç-Kollektivs in jenem Viertel der Stadt, in dem sich auch ihr Atelier befindet. Der Schwerpunkt ihrer künstlerischen Praxis liegt auf der Auseinandersetzung mit alten Geschichten und Objekten. Ihren malerischen Schwerpunkt bildet eine Arbeitsserie, in der sie zufällig gefundene Fotografien, visuelle „Findlinge“ sozusagen, verändert und umgestaltet. Hierbei werden auf alten schwarz-weißen Fotos entdeckte Figuren und Räume in Gemälden neu zusammengeführt. Die Verweise auf die anonymen Figuren und Räume der Vergangenheit verdichten sich in ihrer Malerei zu neuen Geschichten.
 

Details

Goethe-Institut Istanbul

Yeniçarşı Cad. 32, Beyoğlu
34433 Istanbul

petra.diehl@goethe.de

Die Ausstellungseröffnung von Anfang März können Sie in unserem YouTube-Kanal ansehen