Sprachen online lernen Virtuelles Büffeln

Lernprogramme sollten motivationsfördernde Elemente enthalten
Lernprogramme sollten motivationsfördernde Elemente enthalten | Foto (Ausschnitt): © s_l - Fotolia.com

Sprachen online zu erlernen, liegt im Trend. Doch auch wenn die technischen Möglichkeiten immer vielfältiger werden, sollten Lernende  auf die persönliche Betreuung durch einen qualifizierten Tutor nicht verzichten, sagt Uwe Bellmann.

Herr Bellmann, wie lernt man eine Sprache?

Es klingt banal, aber das Sprechen einer fremden Sprache lernen Sie am besten, indem Sie es tun! Das methodische Prinzip heißt: Lernen durch praktisches Handeln. Dennoch erlernen Jugendliche und Erwachsene eine Fremdsprache anders als Kleinkinder ihre Muttersprache. Neben der Entwicklung der Sprechfertigkeit sind weitere Grundlagen zu legen, erst recht im akademischen Kontext: Grammatik- und Terminologiekenntnisse zum Beispiel, aber auch Fertigkeiten im Hören, Lesen und Schreiben. 

Diese Kenntnisse kann man auch außerhalb des Seminarraums einüben. Welche Möglichkeiten bieten Online-Lernumgebungen beim Spracherwerb?

Wir sind heute in der komfortablen Situation, unseren Studenten eine Kombination aus klassischem Seminarunterricht und Online-Tools anbieten zu können. Man spricht auch von Blended Learning. Das heißt, im Seminar übt man gemeinsam mit Lehrer und Kommilitonen das Sprechen. In einer parallel dazu angebotenen Online-Lernumgebung, einem Web-Course, trainiert man allein, ungestört und konzentriert die anderen sprachlichen Fertigkeits- und Kenntnisbereiche – im eigenen Tempo, zügig oder mit vielen Wiederholungen und Zusatzübungen. 

Lernen im Web 2.0

Mit anderen Worten: Eine reine Online-Sprachumgebung ohne begleitende Betreuung funktioniert also nicht?

Nein, ohne Einbindung in einen klassischen Kurs oder Fernkurs mit persönlicher Betreuung durch einen qualifizierten Tutor lässt sich Sprachkompetenz meiner Meinung nach nicht wirklich seriös vermitteln. Das funktioniert nur in den seltensten Fällen bei hochmotivierten Studenten oder im Rahmen klar definierter Teilbereiche, beispielsweise zum Erwerb einer bestimmten Fachterminologie. Auch die vielgelobte Möglichkeit, online mit anderen Lernenden zu kollaborieren, das sogenannte Web-2.0-Lernen, kann einen Kurs nicht vollständig ersetzen, sondern immer nur als ein methodischer Baustein neben mehreren dienen. 

An welcher Stelle genau stößt Online-Lernen noch an technische oder methodische Grenzen?

Uwe Bellmann, Professor für Angewandte Linguistik/Fachsprachen Uwe Bellmann, Professor für Angewandte Linguistik/Fachsprachen | © Uwe Bellmann Beispielsweise bei der Auswertung von schriftlich frei verfassten Texten. Aufsätze sind nicht automatisiert auswertbar. Das können Lehrer besser als Maschinen. Auch beim mündlichen Sprachtraining können Schüler generell mehr von einem Lehrer profitieren als von einer Software. Gesprochene Sprache ist aktive zwischenmenschliche Interaktion. Deshalb halte ich nichts davon, wenn Anbieter von Sprachlern-Apps manchmal versprechen, wir könnten ohne Kontakt mit einem Lehrer oder anderen Sprechern, ausschließlich mittels einer Software und in kürzester Frist eine Fremdsprache erlernen. 

Fehler antizipieren, Hilfestellung bieten

Was genau sollte ein guter Online-Sprachlernkurs Ihrer Meinung nach leisten?

Viele Apps, die sich Lernprogramme nennen, sind eigentlich Testprogramme. In einer Art Quiz-Situation werden nach einem Richtig-Falsch-Schema Kenntnisse abgefragt, gegebenenfalls Lösungen präsentiert und Punktzahlen oder Prozente errechnet. Das hat aber nur wenig mit effektivem Lernen zu tun. Ein guter Online-Sprachlernkurs sollte möglichst vielfältige Übungsangebote machen. Lerner sollten individuelle Lernwege auswählen und Übungen stressfrei wiederholen können. Aber am wichtigsten ist die Qualität des automatisierten Feedbacks. Damit meine ich, dass der Lerner an jeder Stelle eines Lernprogramms die passenden Rückmeldungen und Hilfestellungen erhält. 

Wie lässt sich eine solche Lernumgebung technisch umsetzen?

Die technische Seite ist nicht das Problem. Die große Herausforderung ist didaktischer Art, nämlich zu antizipieren, welche Fehler Lerner in welchen Situationen und Kontexten typischerweise machen, und dann im Programm entsprechende Lernhinweise zu platzieren. Jeder einzelne Lerner benötigt individuelle Hilfestellung zur Bewältigung seiner spezifischen Probleme. Und zwar so, dass er nach Möglichkeit selbst aktiv wird und ihm nicht einfach nur die Lösung präsentiert wird. Das ist unglaublich aufwendig. Ich arbeite manchmal 14 Tage an den verschiedenen Optionen und Versionen einer Online-Übung, für die meine Studenten dann gerade einmal 10 Minuten benötigen. 

Welche Rolle spielt die Phonetik beim Online-Lernen? Man hat ja die Möglichkeit, die eigene Aussprache durch das Programm kontrollieren zu lassen.

Die Verwendung von sogenannten Spracherkennungssystemen ist reizvoll, hat aber auch ihre Tücken. Zum Beispiel bekommt ein US-Amerikaner, der seine muttersprachlich korrekte Aussprache von einem auf britisches Englisch ausgerichteten System auswerten lässt, schlechtere Ergebnisse bescheinigt als ein durchschnittlicher deutscher Englischlerner. Meiner Meinung nach sollte man die gesprochene Sprache dort verorten, wo sie hingehört: In den mündlichen Kontakt zwischen Menschen.

Massive, Open, Online

Inwiefern wirken sich Online-Kurse positiv auf die Motivation der Teilnehmer aus?

Anders als bei herkömmlichen Sprachkursen, in denen man vielleicht nur ein- bis zweimal pro Unterrichtsstunde zu Wort kommt, übt man in einem Web-Course sehr intensiv. Hinzu kommt, dass Online-Kurse spezifischer auf individuelle Bedürfnisse der Schüler eingehen können. Wo immer das möglich ist, sollten Lernprogramme motivationsfördernde spielerische Elemente anbieten. Generell ist jedoch zu sagen: Lernmotivation ist eine sehr persönliche innere Einstellung, die vor allem davon abhängt, ob den Lernern klar ist, wofür sie die zu lernende Sprache benutzen wollen. 

Welche aktuellen Trends sind im Bereich Online-Sprachlernen zu beobachten?

Trends kommen und gehen. Aber nur wenige Entwicklungen sind nachhaltig. Dazu könnten die sogenannten Massive Open Online Courses (MOOCs) gehören. Das heißt konkret: Viele (=massive) können kostenfrei (=open) an einem Online-Kurs teilnehmen. Eine Gebühr wird nur dann fällig, wenn erfolgreiche Teilnehmer ein Zertifikat wünschen.
 
Uwe Bellmann ist seit 2010 Professor für Angewandte Linguistik/Fachsprachen an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK). Schwerpunkte seiner Arbeit sind unter anderem die Entwicklung und Durchführung von Web-Courses, Informationstechnik und Fremdsprachenlernen sowie Lehr- und Lernmittelentwickung für die Fremdsprachenausbildung.